VISION 20005/2010
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Ehrfurcht vor der Quelle des Lebens

Artikel drucken Über das notwendige Ringen um ein keusches Leben (Urs Keusch)

Sexuelle Motive wohin man schaut: Auf Plakatwänden, in Film und Fernsehen, im Internet.
Welche Herausforderung, sich da einen reinen Blick, ein reines Herz zu bewahren! Im folgenden Überlegungen, wie dies gelingen kann.

Kürzlich war ein junger Mann bei mir und fragte mich: „Kennen Sie das?“ Er reicht mir eine Schrift der Bewegung „True Love Waits“ (Wahre Liebe wartet), die 1998 von amerikanischen Christen ins Leben gerufen wurde mit dem Ziel, junge Menschen zu einem reinen, keuschen Lebensstil zu animieren: eine Bewegung, die sich inzwischen auf der ganzen Welt ausgebreitet hat. Ich sage dem jungen Mann, daß ich diese Bewegung kenne und ihre Anliegen unterstütze.
Dann erzählt er mir, daß er einen Unfall hatte und 10 Wochen im Krankenhaus lag. „Da gab's eine Krankenschwester, die anders war als die anderen. Kam sie ins Krankenzimmer, gab's keine Zoten mehr, keine zweideutigen Sprüche. Es ging etwas von ihr aus, das an einen Engel erinnerte. Und man fühlte in ihrer Gegenwart das Bedürfnis, ein besserer Mensch zu werden. Unglaublich! Kurz bevor ich das Spital verlassen konnte, kamen wir in ein Gespräch. Da sagte sie mir, daß sie eine gläubige Christin sei und in der Bewegung „True Love Waits“ aktiv sei. Von ihr habe ich diese Schrift bekommen“.
Als dieser junge Mann mir das erzählte, mußte ich an die christlichen Frauen der ersten christlichen Jahrhunderte denken, die damals mit ihrem neuen Lebensstil die Heidenwelt mächtig herausforderten. Wie im modernen Heidentum heute, so waren auch damals im Zusammenleben der Geschlechter die Lichter ausgelöscht. Die Beziehungen wurden ohne Anstand gelebt, eheliche Treue wurde verhöhnt, unerwünschte Kinder ausgesetzt. Die Theatervorstellungen, die öffentlichen Bäder mit ihren obszönen Wandbemalungen und Festivitäten begünstigten die kurzlebigen Bekanntschaften.
In diese schamlose, ja oft auch perverse Welt hinein, die von vielen Frauen und Kindern als dunkel und bedrückend empfunden wurde, trat mit der Verkündigung der Apostel strahlend das Licht der Herrlichkeit Christi ein, das von einem überwältigend großen Teil der damaligen Frauen tief ergriffen wurde. Die Gleichheit vor Gott von Mann und Frau, der hohe Wert der Jungfräulichkeit, die Würde und Unauflöslichkeit der Ehe waren wie leuchtende Sonnen, die über den nebligen Sumpflandschaften der Heiden aufgingen. Gottesfürchtiges Handeln und sittliche Reinheit wurden zusammen gesehen.
Adalbert Hamman, ein profunder Kenner der ersten christlichen Jahrhunderte, schreibt dazu: „Patrizierinnen und Plebejerinnen, Sklavinnen und reiche Damen, junge Mädchen und reumütige Dirnen, sie alle kamen und ließen, im Orient wie in Rom oder Lyon, die christlichen Gemeinden anwachsen... Der freiwillige Zölibat um des Reiches Gottes Willen bekräftigt die autonome Freiheit der Frau und den Vorrang der christlichen Hoffnung vor den Begierden des Fleisches - und das in einer Zeit, die noch immer der Prostitution religiöse Weihe verleiht. Die Heiden stoßen sich unaufhörlich an einem Zeugnis, das ihren schwerfälligen Verstand übersteigt“.
Diese, vom reinen Geist Christi ergriffenen Frauen nötigten den Heiden den Ausruf ab: „Was für Frauen findet man doch unter den Christen!“ Von der heiligen Perpetua (+202), um nur ein gut bezeugtes Beispiel zu nennen, die mit andern Christen in die Arena geführt wurde, wird uns überliefert: „Ihre Gesichter leuchteten, sie waren schön. Perpetua ging als letzte mit bedächtigem Schritt, wie eine große Dame Christi, wie eine Geliebte Gottes. Bis in die Arena hinein zwingt ihr [reiner, strahlender] Blick die Zuschauer, die Augen niederzuschlagen.“
Das war das Neue und Herausfordernde in einer morbiden Welt: Dieser ungeahnte Siegeszug der Tugend der Keuschheit, der als ein Frühling in den Herzen der Menschen aufging und auf ihren Gesichtern erstrahlte. Es war der Frühling aus dem Herzen Gottes, der Heilige Geist. Dieser Glanz des Heiligen Geistes und diese Reinheit leuchtet durch alle Jahrhunderte auf den Gesichtern der Heiligen - auch heute -, die ganz ihrem Herrn und Messias gehören wollen, indem sie ihren Leib, ihre Gedanken, ihre Augen und Gefühle der Herrschaft Seiner Gnade anvertrauen zum Schutz und Segen: In der Ehe, in gottgeweihter Ehelosigkeit, als Priester, in einer Freundschaft, als Ehelose...
Martin Luther bezeichnet mit Recht die „Keuschheit als die Haupttugend des Evangeliums“. Warum ist sie das wirklich? Weil sie unser Leben vom Schlamm befreit, uns dem Licht der Gnade und der Liebe Gottes öffnet. Weil Keuschheit Ehrfurcht vor dem Leben ist, vor der Quelle des Lebens. Darum ist sie auch Ehrfurcht vor Gott. Darum kann nur der Gott lieben und Ihm in rechter Weise mit Ehrfurcht begegnen, der sich um Keuschheit bemüht. Wer jedoch seinen Tempel verunreinigt, wo ein Tempel voller unreiner, schmutziger, obszöner Bilder und Gedanken ist, dort wohnt Gott nicht mehr. Dort ziehen die unreinen Geister ein.
Vor zwei Jahren hatte der reformierte Pfarrer Thomas Piehler den Mut, ein Büchlein zu schreiben mit dem provozierenden Titel: „Geiler Bock oder Mann Gottes?“ In diesem Taschenbuch beschreibt Thomas Piehler seine Gefangenschaft in der Sucht der Pornografie, und wie er Kraft der rettenden Macht Jesu daraus befreit worden ist. Er schreibt: „Längere Zeit habe ich im Gefängnis von Unreinheit gelebt und konnte mich selbst nicht befreien. Ich war Christ, außerdem Pfarrer, und trotzdem saß ich im Gefängnis. Ich habe mich entschieden, die damalige Situation zu beschreiben. Wenn Sie selbst als Leser(in) in diesem Gefängnis leben müssen, will ich Ihnen [mit meinem Buch] Mut machen, sich nach Befreiung auszustrecken… Wenn wir Pornografie konsumieren, wird unser ganzes Leben beschmutzt. Unsere geistliche Wahrnehmung als Christen wird getrübt... Seit dieser Zeit hatte der Teufel Macht, mich mit Dämonen der Unreinheit und Unzucht zu quälen. Das war das schlimmste Gefängnis, in dem ich einige Jahre zubringen mußte... Viele unreine Bilder machten mir zu schaffen. Meine Traumwelt war versaut. Ein nicht endender Kreislauf begann: Sündigen müssen, Verzweiflung, Bitte um Vergebung, Sündigen müssen. Verzweiflung. Bitte um Vergebung… Ich schlug Jesus erneut ans Kreuz meiner Unzucht.“
Und doch: Wie leicht, wie schnell gelangen wir in diesen „Teufelskreislauf“ hinein! Darauf verweist auch Pfarrer Thomas Piehler, wenn er fortfährt: „Noch nie war der Sumpf der Unzucht so bequem und scheinbar unbemerkt in das private Umfeld zu transportieren wie heute. Die weltweite Vernetzung macht es möglich, daß jeder an jeglicher Perversion teilhaben kann... Und doch spricht hier Jesus mit Männern Klartext: Bekämpfe diese Sünde mit aller Kraft. Es kostet dich das ewige Leben, wenn du dich auf diese Sünde einläßt und keine Vergebung empfängst! Beseitige alles, was dich zu dieser Sünde verführen will... Wenn Dich dein Fernseher zur Unzucht verführt, dann schmeiß ihn raus. Wenn Du mit dem Internet nicht keusch umgehen kannst, dann verzichte auf das Surfen im Internet.“

Empfohlene Lektüre

Liebe und Partnerschaft, von Andreas Laun, Franz-Sales-Verlag, Eichstätt

Die reinen Herzens sind, von Johann Christoph Arnold, Ernst Franz Verlag, Metzingen/Württ.
Geiler Bock oder Mann Got_tes?, von Thomas Piehler, Verlag Gottfried Bernard, Solingen (Infos zu Seminarien: info@senfkorn-leipzig.de) FMG, Information Freundeskreis Maria Goretti e.V., erscheint dreimal jährlich.
Zu beziehen: Engelbertstr. 21, D-81241 München.

www.freundeskreis-maria-goretti.de.

Nun ist der Weg in die Freiheit des reinen Menschen alles andere als ein Spaziergang. Dieser Weg ist nicht selten ein ausgesprochen mühsamer, steiler und steiniger Weg. Aber wenn wir ihn nur gehen, uns ganz entschlossen darum bemühen, jeden Tag, jede Stunde, sind wir zum großen Teil schon gerettet! Und niemand bilde sich ein, diesen Weg ohne Christus gehen zu können: ohne seinen österlichen Heiligen Geist.
Deutlicher als Pfarrer Piehler kann man es kaum ausdrücken: „Ohne Jesus bin ich als Mann ein geiler Bock und Ehebrecher, der völlig versklavt ist an die Sünde der Augenlust. Ohne Jesus hätte ich keine Chance auf Befreiung gehabt. Keine Moral, keine eigene Kraftanstrengung konnte mich befreien, es war allein die Gnade von Jesus.“
Hierzu hat uns auch der Hl. Franz von Sales etwas ganz Wichtiges zu sagen, wenn er sagt: „Die Keuschheit ist eine Gabe Gottes, die man nicht mit Brachialgewalt erwirbt und nicht durch Geschicklichkeit und Kunstgriffe bewahrt. Die Gabe Gottes reißt man ja nicht mit seinen Händen durch Anstrengung und Gewalt an sich; sie werden umsonst gegeben (Mt 10,8) und nach der Disposition des Herzens. Was muß man also tun, um diese Gabe Gottes aus Seinen Händen zu gewinnen und an sich zu ziehen, da niemand keusch sein kann, wenn nicht der Herr ihm die Gnade schenkt (Weis 8,21)? Betet, sagt der Apostel, d.h. bittet um sie im Geist tiefer Demut, denn durch das Gebet werdet ihr sie erlangen und bewahren, wenn ihr sie gewonnen habt.“
Und noch ein anderes ermutigendes Wort des erfahrenen Pastors und Eheberaters, Johann Christoph Arnold, aus seinem sehr empfehlenswerten Taschenbuch, zu dem 1995 Mutter Teresa ein kurzes Vorwort geschrieben hat: „Die reinen Herzens sind - Liebe und Ehe im Sinne des Erfinders“ (Ernst Franz Verlag, Metzingen/Württ). J.C. Arnold schreibt:

„Immer wieder konnte ich beobachten, daß ein Mensch, der ganz zur Hingabe an Jesus bereit ist, den Weg der Befreiung aus seiner Not findet. Immer wieder zeigte sich, daß Jesus wahre Freiheit und wahres Glück bringt, sobald der Mensch den Mut und die Demut aufbringt, Seinem Ruf zur Umkehr zu folgen. - Jesus führt eine wirkliche Revolution herbei. Er ist der Ursprung der Liebe. Er ist die Liebe selbst. Seine Lehre hat weder mit Prüderie noch mit Zügellosigkeit zu tun. Er zeigt Seinen Anhängern einen ganz anderen Weg. Die Reinheit, die Er uns schenkt, befreit uns von der Macht der Sünde und öffnet uns die Möglichkeit eines völlig neuen Lebens.“
Daß viele Menschen zurückfinden dürfen zu einem Leben in erlöster und froher Gemeinschaft mit Christus und Seiner Kirche: das hängt auch von uns ab. Was nützen alle unsere Worte, die wir schreiben und lesen, wenn ihnen keine Taten der Liebe folgen? „Reinheit ist eine Frucht des Gebetes“, sagt Mutter Teresa. Auch des Gebetes, das wir für unsere Brüder und Schwestern in mitleidender Liebe vor Gott hintragen! Vergessen wir das nie!

Der Autor ist Pfarrer emeritus


In der Freundschaft mit Christus verwurzelt

Wie viele Glaubensmeinungen haben wir in diesen letzten Jahrzehnten kennengelernt, wie viele ideologische Strömungen, wie viele Denkweisen… Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wogen zum Schwanken gebracht, von einem Extrem ins andere geworfen worden: vom Marxismus zum Liberalismus bis hin zum Libertinismus; vom Kollektivismus zum radikalen Individualismus; vom Atheismus zu einem vagen religiösen Mystizismus; vom Agnostizismus zum Synkretismus, und so weiter. Jeden Tag entstehen neue Sekten, und dabei tritt ein, was der hl. Paulus über den Betrug unter den Menschen und über die irreführende Verschlagenheit gesagt hat.
Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich „vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-lassen“, als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint. Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten läßt.
Wir haben jedoch ein anderes Maß: den Sohn Gottes, den wahren Menschen. Er ist das Maß des wahren Humanismus. „Erwachsen“ ist nicht ein Glaube, der den Wellen der Mode und der letzten Neuheit folgt; erwachsen und reif ist ein Glaube, der tief in der Freundschaft mit Christus verwurzelt ist.
Diese Freundschaft macht uns offen gegenüber allem, was gut ist und uns das Kriterium an die Hand gibt, um zwischen wahr und falsch, zwischen Trug und Wahrheit zu unterscheiden. Diesen erwachsenen Glauben müssen wir reifen lassen, zu diesem Glauben müssen wir die Herde Christi führen. Und dieser Glaube - der Glaube allein - schafft die Einheit und verwirklicht sich in der Liebe.

Kardinal Joseph Ratzinger
Aus der Predigt bei der „Missa pro eligendo romano pontifice“ in St. Peter am 18.4.05

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