VISION 20005/2010
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Wenn der Gegenwind stärker bläst

Artikel drucken Das um sich greifende Neuheidentum als Herausforderung für tragfähigen Glauben (Christof Gaspari)

Das christliche Abendland gibt es nur mehr auf Landkarten. In der Realität hat sich in Europa längst eine Ideologie etabliert, die den christlichen Einfluß gezielt in den Hintergrund drängt…

Kürzlich besuchte uns ein guter Freund, sehr erfolgreicher Manager in einem multinationalen Unternehmen, oberste Etage. Man hatte ihn zu einer Podiumsdiskussion ins Bildungshaus Puchberg der Diözese Linz eingeladen. Um sich ein Bild vom Thema des Seminars, in dessen Rahmen er sprechen sollte, zu machen, hörte er sich die Vorträge an, die vor seinem Auftritt auf dem Programm standen. Der Kirche gegenüber zwar wohlwollend, aber doch auch kritisch eingestellt, ist er dennoch entsetzt: Feminismus, Gender- und Queer-Ideologie, plumpe Kapitalismuskritik - alles in Soziologensprache, schwerverständlich und vor allem: unwidersprochen! In einem Bildungshaus der Kirche!
Das ist nur ein Schlaglicht auf eine Entwicklung, die mit zunehmender Beschleunigung die letzten Jahre prägt: Es etabliert sich in unseren Ländern eine unchristliche, neuheidnische Ideologie, die keinen Widerspruch gegen ihre Dogmen duldet. Der Fall Thilo Sarrazin in Deutschland ist eine Illustration für diese Unduldsamkeit der sich liberal gebenden Ideologen in Politk, Kultur und Medien: Da hatte das Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank Sarrazin in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ vor der demographischen Entwicklung im Land gewarnt. Statistisch gut belegt, zeichnete er das Bild einer Gesellschaft, in der die muslimische Bevölkerung gegen Ende des Jahrhunderts die Oberhand gewonnen hat. Eine Perspektive, gegen die dringend etwas zu unternehmen sei.
Statt diese relevante Frage aufzugreifen und zu diskutieren, ging ein Aufruhr durch die Medien. Wer in der politischen und kulturellen Elite etwas auf sich hielt, fühlte sich bemüßigt, über Buch und Autor herzufallen: Bundeskanzlerin, Bundespräsident, Minister und… meldeten sich zu Wort. Mag sein, daß Sarrazin die eine oder andere kritikwürdige Äußerung tat im Zuge der allgemeinen Treibjagd, der er ausgesetzt war. Aber das wäre objektiv betrachtet kein Grund für seine ge_sellschaftlich-mediale Hinrichtung - Sarrazin ist zurückgetreten - gewesen. Seine wirkliche „Schuld“: Er hatte gegen ein heutiges Dogma namens „Multi-Kulti ist gut“ verstoßen.
Warum ich so ausführlich auf diese Ereignisse eingehe? Weil sie für uns Christen von größter Bedeutung sind. Geradezu Alarmsignale. Wir leben in Europa in einem Umfeld, das mehr und mehr einer Diktatur des Relativismus unterworfen wird. Es ist eine kämpferische Ideologie, die keine absolute Wahrheit anerkennt. Damit werden automatisch gläubige Christen suspekt, die nicht bereit sind, an der Offenbarung rütteln zu lassen. Sie kommen in Konflikt mit den „Dogmen“, auf denen eben auch der angeblich liberale Pluralismus aufbaut. Diese werden um jeden Preis verteidigt und zunehmend auch gesetzlich abgesichert. Gegen diese heutigen liberalen „Dogmen“ verstößt, wer beispielsweise behauptet: daß nicht jede Form des Zusammenlebens unter der Flagge Familie segeln darf, daß Mann und Frau zwar gleichwertig, aber auch fundamental verschieden sind, daß man Menschen nicht in der Retorte erzeugen und nicht im Mutterleib töten darf, daß nicht jede Kultur gleich leistungsfähig ist, daß der Glaube Anspruch auf öffentliche Bedeutsamkeit hat…
Immer öfter wird gegen Personen vorgegangen, die solche Positionen vertreten. Und es werden Gesetze beschlossen, die Kritiker mit Strafe bedrohen. Einige Beispiele:

Kenneth Howell, ein Katholik, der an der University of Illinois Religion unterrichtete, wurde entlassen. Sein Vergehen? Er hatte die Lehre der Kirche über homosexuelles Verhalten vorgetragen: Wir müßten, um zu einem Urteil zu finden, nur die Realität betrachten. „ Männer und Frauen sind komplementär in ihrer Anatomie, Physiologie und Psychologie. Männer und Frauen sind nicht austauschbar. Daher verlangt ein moralisch vertretbarer sexueller Akt, daß er zwischen Personen, die für diesen Akt angelegt sind, stattfindet.“ Eigentlich einleuchtend. Die Aussage wurde jedoch als „Haßrede“ qualifiziert. Also mußte er gehen. (The Catholic World Report 8/10)

• Ein Ausschuß der Parlamentarischen Versammlung des Europarates will festlegen, daß Ärzte „Behandlungen“ nicht aus Gewissensgründen verweigern dürfen. „Es müsse ein Gleichgewicht zwischen dem persönlichen Recht auf Gewissensentscheidungen und dem Recht der Patienten auf die gesetzlich zulässige Versorgung in angemessener Frist geben, heißt es in dem am Montagabend in Straßburg veröffentlichten Entschließungsentwurf,“ so das Deutsches Ärzteblatt (22.6.10). Damit könnten sich künftig Ärzte nicht mehr weigern, an einer Abtreibung mitzuwirken. Übrigens ist das jetzt schon schwierig, wie ein Schweizer Arzt berichtete, der eine Ausbildung als Gynäkologe anstrebte, aber nur unter der Bedingung, nicht an Abtreibungen mitwirken zu müssen. Er wurde nirgends aufgenommen.

• Die spanische Regierung hat im Juni einen Gesetzesentwurf ins Parlament eingebracht, der vorsieht, aus allen Schulen, Krankenhäusern und öffentlichen Gebäuden die christlichen Symbole entfernen zu lassen. Erinnert sei auch an das Urteil des Europarates, in dem die zuständige Kammer 2009 einstimmig entschied, christliche Kreuze in Italiens Schulen seien nicht mit der gebotenen Unparteilichkeit des Staates vereinbar.

• n In Großbritannien wurde ein Bischof verurteilt, weil er sich weigerte, einen homosexuellen Bewerber für kirchliche Aufgaben einzustellen. Der Bischof mußte dafür eine Strafe in Höhe von mehreren zehntausend Euro zahlen und an einem Anti-Diskriminierungsseminar teilnehmen.

• Weil er es abgelehnt hatte, Verhütungsmittel zu verkaufen, wurde der Apotheker Bruno Pichon Ende der 90er Jahre vom Po_lizeigericht in Bordeaux zu drei Monaten Führerscheinentzug (!) und 3.000 Francs Schadenersatz verurteilt. Ähnliches er_lebte Gene Herr in San Antonio/Texas. Er weigerte sich, einem Kunden die „Pille danach“ zu verkaufen - und wurde gekündigt.
n Eine Angestellte von „British Airways“ verlor heuer auch in 2. Instanz einen Prozeß, in dem sie das Verbot ihres Arbeitgebers, am Arbeitsplatz ein Kreuz zu tragen, bekämpft hatte.

• Und schließlich: In Deutschland wurden schon mehrere Eltern zu Gefängnisstrafen verdonnert. Sie hatten sich geweigert, ihre Kinder am schulischen Sexualkundeunterricht, der schlimme, jedenfalls den 10 Geboten widersprechende Inhalte vermittelte, teilnehmen zu lassen.

Was haben die erwähnten Schlaglichter mit dem Thema „Christsein - eine Herausforderung“ zu tun? Ich denke, wir müssen uns der Tatsache stellen, daß sich die Gesellschaft in den letzten Jahren fundamental gewandelt hat. Wir kommen aus einer Zeit, in der die Botschaft Christi den Rahmen der Lebensgestaltung stark mitgeprägt hatte. Nach der Katastrophe des 2. Weltkriegs richteten die Staaten Westeuropas nämlich im Großen und Ganzen eine Gesellschaftsform ein, die weitgehend nach dem Naturrecht, also nach christlichen Prinzipien funktionierte. Gesellschaftliche Spielregeln und christliche Gebote deckten sich in weiten Bereichen.
Damit ist Schluß. Heute ergeben sich immer mehr Sektoren, in denen Christen zu mißliebigen Außenseitern werden. Sehen Sie sich doch die Debatten im Fernsehen an. Da wird der katholische Standpunkt entweder gar nicht vertreten oder von Kirchenkritikern. Kommen andere Christen zu Wort, sind es meist zurückhaltende, vorsichtige Würdenträger oder Personen, die im Drehbuch der Sendung schon im voraus als „Prügelknaben“ eingeplant sind. In einem lesenswerten Beitrag (Die Tagespost v. 3.4.10) schildert Jürgen Liminski seine Erlebnisse in der Talk-Sendung Nachtcafé. Sein Fazit: Man müsse „sich als Vertreter der Kirche in welcher Funktion auch immer derzeit gut überlegen, sich auf das Fernsehen einzulassen.“
Noch einmal: Was ist daraus zu lernen? Daß Christen heute in Europa im Gegenwind leben. Eigentlich sollte uns das nicht überraschen. Vielleicht haben wir es nur in den letzten Jahrzehnten aus den Augen verloren. Im historischen und im weltweiten Vergleich ist es allerdings eher der normale gesellschaftliche Zustand. Christus hat das ja Seinen Jüngern auch deutlich in Aussicht gestellt. „Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe“, heißt es bei Matthäus (10,16). Und bei Johannes: „Weil ich euch aus der Welt erwählt habe, darum haßt euch die Welt“ (15,19. Und: „Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen…“ (Joh 15,20)

Weltweite Vergiftung des geistigen Klimas

Wer sähe nicht, daß (…) der Christ von einer anonymen Atmsophäre, von dem „in der Luft Liegenden“ bedroht wird, das ihm den Glauben lächerlich und unsinnig erscheinen lassen soll? Und wer sähe nicht, daß es weltweite Vergiftungen des geistigen Klimas gibt, die die Menschheit in ihrer Würde, ja in ihrem Bestand bedrohen? Der einzelne Mensch, ja, auch die menschlichen Gemeinschaften scheinen hoffnungslos dem Wirken solcher Mächte ausgeliefert.
Der Christ weiß, daß auch er aus eigenem dieser Bedrohung nicht Herr werden kann. Aber ihm ist im Glauben, in der Gemeinschaft mit dem einzigen wahren Herrn der Welt, die „Waffenrüstung Gottes“ geschenkt, mit der er - in Gemeinschaft des ganzen Leibes Christi - diesen Mächten entgegentreten kann, wissend, daß der Herr uns im Glauben die reine Atemluft zurückgibt - den Atem des Schöpfers, den Atem des Heiligen Geistes, durch den allein die Welt gesunden kann.

Papst Benedikt XVI.
Aus Jesus von Nazareth. Von Joseph Ratzinger, Herder (300 Seiten, 24 Euro), Zitat auf S. 212

Klingt nicht gerade ermutigend. Aber es sind Gedanken, mit denen wir uns auseinandersetzen sollten. Nicht um die Flinte ins Korn zu werfen. Keineswegs. Sondern um uns der eigentlichen Herausforderung der Botschaft Christi zu stellen: Wirklich daran zu glauben, daß Gott mit uns ist, daß Er unsere Lasten trägt, daß wir in jeder Not mit Ihm rechnen können, weil Er der entscheidende Akteur in der Geschichte ist. Wir bekennen uns ja nicht primär zu christlichen Werten, sondern zur Nachfolge Christi, zu einem Leben aus dem Heiligen Geist.
Noch haben wir den Freiraum, uns zu dieser Lebensentscheidung zu bekennen. Für Millionen von Christen weltweit ist dies lebensbedrohlich. Daher sollten wir diese Möglichkeit ausgiebig nutzen, um Zeugnis zu geben, Position zu beziehen, zu zeigen, daß es viele gibt, die die medial kolportierte Weltanschauung nicht teilen. Also Mut: Nicht stumm in Gesprächsrunden sitzen, wenn andere über Glaube und Kirche herfallen. Vor allem aber Zeugnis von unserer Erfahrung geben, die der Apostel Paulus so treffend ausspricht: „Wir wissen, daß Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt“ (Röm 8,28).
Weil wir aber um unsere Schwäche wissen und schon oft erfahren haben, welch „zerbrechlich Gefäße“ wir für den „göttlichen Glanz auf dem Antlitz Christi sind“ (2Kor 4,6f), ist es wichtig, daß wir Christen uns gegenseitig im Glauben bestärken, Gemeinschaft mit Menschen suchen, die vom selben Geist bewegt sind. Anonymes Konsumieren kirchlicher Angebote wird unter den heutigen Bedingungen nicht reichen. Die Kirchenaustrittszahlen machen das deutlich.
Aber auch diesbezüglich können wir getrost sein: Der Herr versammelt auch heute sein Herde. Er ist unser Hirt, nichts wird uns fehlen, Er deckt uns den Tisch vor den Augen der Feinde… (Vgl Ps 23 1,5)

Christof Gaspari


Die Ereignisse im Licht Christi deuten

Zur Einübung der eschatologischen Tugend der Wachsamkeit führt Kardinal Newman bedenkenswerte pastorale Leitgedanken an, die mit Blick auf die aktuelle Situation angewandt und ergänzt werden können:
• Wer mit der Wahrheit von der Wiederkunft Christi rechnet, muß sein Leben ändern. Sein Berufs- und Alltagsleben muß sich unterscheiden vom Leben derer, die nur an diese Welt glauben. Sein Leben steht
in der Verantwortung vor dem, dessen Geschöpfe wir sind, und der als „Richter“ wiederkommen wird. Die Welt betrachtet ihr Dasein als ständigen Kreislauf in eine unbestimmte Zukunft. Der Christ sieht die Welt und seine Existenz als ein Pilgern durch die Welt und Gott entgegen. Diesen grundsätzlichen Unterschied der Weltdeutung gilt es heute besonders zu beachten.

Der auf die Wiederkunft Christi wartende Jünger vermag die Welt richtig zu sehen und ihre Ereignisse zu deuten. Die Heilige Schrift ist der Schlüssel dazu. Er wird die Geschichte und die Ereignisse seiner Zeit an der Heiligen Schrift, d. h. am Willen Gottes messen. Im Licht Christi, Seiner Menschwerdung, Seiner Auferstehung und Wiederkunft wird er sie deuten: Die Eschatologie, das Wiederkommen Christi beginnt mit seiner lnkarnation. Seine Inkarnation ist Seine erste Ankunft. Seitdem ist er in der Welt und spricht durch sie, aber „mit leiser Stimme“, „Er flüstert uns zu“, „die Welt bringt uns Gott näher, obgleich das Böse in ihr ist“. Und die Apokalypse lehrt uns, „daß die Geschichte der Welt mit Zeichen der Ankunft Christi erfüllt ist“.

Friedrich Oberkofler
Auszug aus Der Antichrist - Der Mythos des Abschieds vom Teufel, MM-Verlang, 157 Seiten, 18 Euro. Siehe Besprechung S. 20.i

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