VISION 20006/2016
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Benedikt XVI. Letzte Gespräche

Artikel drucken Rückblick auf ein großes Pontifikat (Christoph Hurnaus)

Die Erscheinung dieses Buches darf man ohne Übertreibung als eine echte Weltsensation bezeichnen: Zum ersten Mal in der Geschichte der Kirche spricht ein emeritierter Papst mit einem Journalisten, um die Bilanz seines Pontifikates zu ziehen. Nach seinem Erscheinen im September 2016 kletterten die „Letzten Gespräche“ in nur wenigen Tagen an die Spitze der deutschen Sachbuch-Bestsellerliste.
Die Interviews, die Peter Seewald mit Papst Benedikt XVI. geführt hat, wurden kurz vor und nach seinem Amtsverzicht als Hintergrundgespräch für die Arbeit an einer Biographie geführt. Es benötigte einiges an Überzeugungsarbeit, um den deutschen Papst dazu zu bringen, diese Gespräche noch zu seinen Lebzeiten zu veröffentlichen. Nachdem Papst Franziskus dem Erscheinen des Buches seine Zustimmung gegeben hatte, stand einer Veröffentlichung nichts mehr im Weg.
In dem 285 Seiten starken Werk lässt Joseph Ratzinger sein Leben beginnend mit den Kinder- und Jugendjahren in der behüteten Atmosphäre eines katholischen Elternhauses in Bayern noch einmal Revue passieren. Diese behütete Atmosphäre wird nur von den Schatten der Machtergreifung Hitlers und der Einberufung zur Wehrmacht getrübt.
Der „papa emeritus“ berichtet Seewald vom Philosophie- und Theologiestudium in München, seiner Priesterweihe im Freisinger Dom und seiner ersten Stelle als Kaplan in München. Joseph Ratzinger ist schon als junger Theologe ein Querdenker.
1958 spricht er in einem Aufsatz für die Zeitschrift „Hochland“ von einem neuen Heidentum in der Kirche. Diese aufsehenerregenden Zeilen stellen für manche Priesterkollegen eine Provokation dar. Auch die Habilitationsschrift Ratzingers über ein Thema des heiligen Augustinus wird von seinem Doktorvater aufgrund eines negativen Gutachtens zur Verbesserung zurückgegeben. Mit nur 29 Jahren wird der junge Theologe zum Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie ernannt.
Es folgen Stationen in Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg. Während dieser Zeit gilt Joseph Ratzinger als theologisches Wunderkind, was sich u.a. in seiner Ernennung zum Berater des Kölner Kardinals Joseph Frings am 2. Vatikanischen Konzil und offiziellen Konzilstheologen zeigt. Während des Konzils wird Ratzinger als progressiver Theologe gesehen, der gemeinsam mit Theologenkollegen wie Karl Rahner und Hans Küng zusammenarbeitet und Texte verfasst. Doch schon kurze Zeit nach dem Konzil spricht er 1967 in einer Vorlesung in Tübingen davon, dass der christliche Glaube nunmehr „von einem Nebel der Ungewissheit“ umgeben ist „wie kaum irgendwann zuvor in der Geschichte.“
Wie Seewald im Vorwort zu seinem Buch schreibt, bleibt Joseph Ratzinger Zeit seines Lebens immer unbequem, als Professor, als Bischof von München, als Präfekt der Glaubenskongregation in Rom, der Johannes Paul II. ein Vierteljahrhundert lang den Rücken freihält und dafür reichlich Prügel einsteckt. Ratzinger nimmt dabei auch seine Kirche nie von Kritik aus, wie etwa in dem berühmten Aufsatz von 1958 oder in seinen Kreuzwegmeditationen am römischen Kolosseum. Dort spricht er 2005 vom „Schmutz in der Kirche“. Auch seine Predigt vor dem Einzug der Kardinäle ins Konklave, in der er das Wort von der „Diktatur des Relativismus“ prägt, ist nicht gerade als Wahlwerbung zu verstehen.
Machtstreben und kirchlicher Karrierismus ist Joseph Ratzinger Zeit seines Lebens zuwider. Er strebte nie eine kirchliche Position an, weder die des Erzbischofs, noch die des Präfekten der Glaubenskongregation. Als Ratzinger 2005 zum Papst gewählt wird, sieht er „ein Fallbeil auf sich herabfallen.“
Im Gespräch mit Seewald spricht Benedikt XVI. noch einmal über die großen Themen seines Pontifikates, aber auch über einige Aspekte, die Schatten auf sein Pontifikat geworfen haben, wie den Miss­brauchsskandal oder die Causa Williamson. Der deutsche Papst bemüht sich klarzustellen, dass sein Rücktritt frei und ohne Druck von außen erfolgte und auch nicht im Zusammenhang mit der sogenannten Vatileaks-Affäre stand. Auf die Frage Seewalds, ob er den Rücktritt je eine Minute bereut habe, antwortet Benedikt XVI. mit einem dreifachen Nein. In den „Letzten Gesprächen“ lobt Benedikt seinen Nachfolger Franziskus für den Mut, mit dem dieser Probleme anspricht und nach Lösungen sucht.
Wer das Buch liest, gewinnt den Eindruck, dass die Gespräche Ratzingers mit Seewald in einer Atmosphäre der Freundschaft und des Vertrauens stattgefunden haben. In den „Letzten Gesprächen“ nimmt ein bescheidener Petrusnachfolger und Jahrtausendtheologe heiter und gelassen und ohne jede Verbitterung seinen Abschied. Es ist die Ruhe und Gelassenheit eines Mannes, der immer authentisch war und sich stets treu geblieben ist.

Benedikt XVI. – Letzte Gespräche, Droemer & Knaur, 20,60 Euro.

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