VISION 20006/2016
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„Ich habe gebetet, wie nie zuvor“

Artikel drucken Gespräch mit Überlebenden des mörderischen Attentats von St. Etienne-du-Rouvray

Am 26. Juli 2016 fand in der Kir­che von St. Étienne-du-Rouvray im Norden der Normandie ein Attentat statt. Zwei 19-jährige Muslime, Adel Kermiche und Malik Petitjean, stürmten mit Messern bewaffnet in die Kir­che. Der Priester Jacques Ha­mel starb mit durchschnittener Kehle. Der 87-jährige Guy Copo­net wurde lebensgefährlich verletzt. Im Folgenden das Zeugnis dreier Überlebender des Attentats:

Herr Coponet, eigentlich müssten sie tot sein…
Guy Coponet: Ja. Sie haben mit dem Messer dreimal zugestochen, am Arm, in den Rücken, am Hals. Der Notarzt, der mir zu Hilfe kam, hat zu mir gesagt: „Gott hat Seine Hand über Sie gehalten, denn die Stiche haben kein lebenswichtiges Organ getroffen. Aber viel hat wirklich nicht gefehlt… Es ist wie ein Wunder!“

Sehen Sie dieses „Wunder“ als ein Zeichen?
Guy: Der Herr hat mich überleben lassen, damit ich Zeugnis von Seiner Barmherzigkeit gebe. Das fällt mir schwer: Ich mag nicht in der Öffentlichkeit stehen. Ich bin ein pensionierter Arbeiter und mag das verborgene Leben von Nazaret. Im Scheinwerferlicht zu stehen, ist für mich ein Horror.

Was war für Sie das schlimmste bei dieser Bewährungsprobe?
Guy: Das Filmen. Die beiden jungen Mörder haben mich beim Hals gepackt, mir eine Kamera in die Hand gedrückt und gesagt: „Papa, du filmst!“ Sie haben sogar die Qualität der Bilder überprüft, um zu sehen, ob ich nicht zu sehr zitterte. Und so musste ich die Ermordung meines Freundes P. Jacques filmen! Davon kann ich mich einfach nicht erfangen. Was für ein dreckiges Theater ihre Inszenierung! Sie wollten ein Video drehen, das weltweit in den sozialen Netzwerken herumgereicht werden sollte. Es sollte ihnen den Ehrennamen, „Märtyrer“ Allahs zu sein, eintragen. Sie hatten sich sogar die Zeit genommen, Tixo um ihren Leib zu kleben. Damit wollten sie den Eindruck erwecken, dass sie sich in die Luft sprengen würden. Dabei war es nichts als Klebeband, wie wir später erfahren haben…

Nachdem Sie den Horror gefilmt hatten, hat einer der Mörder Sie ergriffen. Haben Sie ihm in die Augen geschaut?
Guy: Ja– und gefragt, ob er Kinder habe. Und weiters: „Denk an deine Eltern, du bist auf dem Holzweg, sie werden deinetwegen aus Gram sterben.“ Daraufhin hat er zugestochen, mich zu den Stufen des Altars geschleift. Alles war rot. Aber mir war nicht bewusst, das es mein Blut war, das da ausrann. Momentan habe ich gar nicht gelitten. Ich habe nur auf meinen Hals gedrückt, weil es da hervorsprudelte.

Frau Coponet, Sie haben an diesem Tag den 87. Geburtstag von Guy gefeiert und jetzt wurde Ihrem Mann vor Ihren Augen die Kehle durchschnitten… Was ging da in Ihnen vor?
Janine Coponet: Ich stand unter Schock, starr vor Entsetzen. Ich erinnere mich, meinen Guy der heiligen Thérèse anvertraut zu haben und dem P. Marie-Eugène. Da hat man plötzlich sein ganzes Leben in wenigen Sekunden vor Augen. Ich dachte: Guy wird das letzte unserer Urenkerln – es ist einen Monat alt – nicht mehr sehen; wir werden auch unseren Hochzeitstag nicht feiern können…

Dachten Sie, Guy sei tot?
Janine: Klar! Nach drei Messerstichen… Einer der Mörder hat mir eine Pistole an den Hals gedrückt – später habe ich erfahren, es war keine echte – und mich zum Ausgang der Kirche gedrängt. Da habe ich mich noch einmal umgedreht, um einen letzten Blick auf meinen Guy zu werfen, und da sah ich, dass sich eines seiner Beine bewegte! Ich dachte: Er lebt noch. Danke, Herr!

Sr. Danielle: Während des Abschlachtens habe ich mich davongemacht. Kermiche ist auf Jacques losgegangen. Dieser fiel rücklings um; Petitjean (der andere Mörder, Anm.) hieb auf Guy ein. „Los raus, habe ich mir sagt, wir werden uns doch nicht tatenlos den Hals abschneiden lassen!“ Ich bin wirklich keine Sportlerin, aber in dem Moment habe ich eine Rakete gezündet… Eine Nachbarin hat mich aufgenommen. Ich habe Hilfe geholt. Sie sind blitzartig dagewesen.

Guy: Ich dachte, ich sei tot. Daher ist es mir auch nicht schwergefallen, mich tot zu stellen…  Während dieser Zeit ist das Blut weiter geronnen. Ich betete, wie noch nie in meinem Leben. Alle Heiligen sind drangekommen. Als erster der kleine Bruder Charles, ebenfalls von einem Muslim ermordet, in der Wüste.

Hatten Sie den Eindruck, in einer Wüste zu sein?
Guy: Das ist das Mindeste, was man sagen kann! (Er lacht) Tief in meinem Herzen betete ich mein Lieblingsgebet: „Mein Vater, ich überlasse mich Dir, mach mit mir, was Dir gefällt… Meine Seele lege ich in Deine Hände.“ Ja, ich war in Seinen Händen. Vor allem nach der Messe!

Knapp bevor er ermordet wurde, hat P. Jacques zweimal: „Weiche Satan!“ geschrien. Hat er das Böse am Werk gesehen?
Sr. Danielle: Nachdem sie mit ihren falschen Revolvern auf die Bänke geklopft hatten, schienen die Mörder sich etwas beruhigt zu haben – tatsächlich hatten sie als einzige Waffen nur die Messer. Da ergab sich zwischen Kermiche und Hélène, einer meiner Mitschwestern, ein unglaublicher Dialog. Sie hatten sie gezwungen, sich neben Janine zu setzen: „Haben Sie Angst zu sterben?“, fragt Kermiche Hélène. „Nein,“ gibt sie zur Antwort. Er wundert sich. „Keine Angst, warum?“ „Weil ich an Gott glaube und weiß, dass ich glücklich sein werde.“

Haben Sie den Eindruck, dass ihn diese Worte getroffen haben?
Sr. Danielle: Was weiß man schon? Er murmelte: „Ich glaube auch an Gott und fürchte mich nicht vor dem Tod.“ Dann äußerte er lauthals: „Jesus ist Mensch, nicht Gott!“

Janine: Diese pseudo-theologische Unterhaltung vor den beiden im Blut schwimmenden Leibern am Boden wirkte irgendwie surrealistisch…

Guy:
Ich stellte mich weiterhin tot. Sie haben die Kirche verlassen und es hat gekracht. Eine große Stille trat ein. Ich versuchte zu schreien: „Ist da wer?“ – aber kein Laut kam aus meiner Kehle. Ich versuchte es noch einmal: „Ist da wirklich niemand?“ Nichts. Da fühlte ich mich total verlassen. Plötzlich hörte ich: „Öffnen Sie die Tür!“ Als ob ich in diesem Zustand das Tor hätte öffnen können… (Tatsächlich wollte die Einsatztruppe die Kirche stürmen, da man nicht wusste, ob sich in ihr noch andere Terroristen befanden, Anm.) Und plötzlich hat es nur so von Leuten gewimmelt. Ein Arzt hat sich über mich gebeugt, während ich den letzten Satz des Ave betete „… jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.“ Er sagte: „Keine Angst. Wir kümmern uns um Sie.“

Guy, Sie vermochten zu beten, obwohl das Blut auslief?
Guy: Ich war überzeugt, ich würde sterben, aber ich betete… Ich sah mein Leben und war ruhig. Ich war noch nie so gelassen. Ganz im Frieden. Keine Schuldgefühle, nur Liebe. Eigentlich waren es Momente eines großen Glücksgefühls.

Fast könnte man Sie beneiden! Haben Sie ein Patentrezept, um gut zu sterben?
Guy: Die Hingabe. Totale Hingabe. Wie der Bruder Charles und die Gottesmutter Maria. Ich habe zu ihr gebetet wie nie zuvor. Ich wusste, dass ich in guten Händen war. Mit ihr war ich bereit, Amen zu sagen.
Janine: Zuvor haben die Djihadisten mit Sr. Hélène weiterdiskutiert: „Kennen Sie den Koran?“ „Ja, ich habe ihn gelesen,“ war ihre Antwort. „Mich beeindrucken die Suren, die vom Frieden sprechen.“ Kermiche reagiert: „Friede? Wenn man Sie im Fernsehen interviewen wird, sagen Sie den Verantwortlichen: Solange in Syrien Bomben fallen, wird es in Frankreich Attentate geben. Täglich.“ Ich denke, das war so ein Gerede. Sie hatten nur Internet-Propaganda im Kopf.
Sr. Danielle: Es sind Jugendliche, die kulturell und religiös mit leichtem Gepäck unterwegs sind. Wenn der Kopf leer ist, kann da alles Mögliche Platz finden…

Janine, haben Sie Kermiche zu diesem Zeitpunkt gebeten, sich setzen zu dürfen?
Janine: Ich war am Ende meiner Kräfte. Und er antwortet mir höflich: „Ja, Madame, setzen Sie sich.“ Gleichzeitig fragt Sr. Hélène, die ebenso erschöpft war, ob er ihr ihren Stock, der auf ihrem Platz zurückgeblieben war, bringen könne. Kermiche steht auf, holt den Stock und reicht in ihr.

Was geschah dann?
Janine: Die Glocken läuten 10 Uhr 30. Mein Guy scheint seit 45 Minuten wie tot… Sie drängen uns hinaus. Sirenen heulen. Wir treten durch die Tür. Polizisten packen uns. Die Mörder treten hinaus und rufen: „Allahu akbar!“ Die Polizei schießt. Die beiden Jungen brechen sofort tot zusammen. Eine Polizistin versteckt mich hinter einem Auto. Sie ist in Tränen aufgelöst. Merkwürdig: Sie weint und ich kann seit dem Tod meines Vaters nicht mehr weinen…
Sr. Danielle: Es war Selbstmord. Sie wollten sterben. Ich wende mich an den Himmel: Warum all das? Ich will begreifen…

Kann man vergeben?
Guy: Ganz wohl nur im Angesicht Gottes – mit Seiner Gnade.
Janine: Derzeit beten wir vor allem für die Familien. Ich denke besonders an die Mütter, die wohl verzweifelt sagen: „Mein Sohn ist verrückt geworden!“ Sie werden sich nicht so schnell davon erfangen. Wir haben mit Guy besprochen, dass wir sie gern treffen würden, um es zu verstehen, um sie zu beruhigen.

Janine, als man Sie aus der Kirche drängte, wussten Sie da, dass Ihr Mann noch am Leben war?
Janine: Nein. Wir, die Geiseln, sind in Sicherheit gebracht worden, im Laden am Eck, der als Erste-Hilfe-Stelle eingerichtet worden war. Da habe ich eine Stunde später erfahren, dass mein Mann noch lebte, gut versorgt war und dass er dank der Bluttransfusionen durch Spender überleben würde. Mein erster Gedanke: „Super, wir werden doch unseren 65. Hochzeitstag feiern können!“

Sie haben wie durch ein Wunder überlebt. P. Jacques hingegen nicht: Er musste sein Leben lassen. Wie erklären Sie sich diese „Ungerechtigkeit“?
Sr. Danielle: Da geht es nicht um Gerechtigkeit. Jacques war Priester seit 58 Jahren. Er hatte eben das Opfer Christi gefeiert, als er wie das Lamm, dem er sein ganzes Leben gedient und das er gefeiert hatte, geopfert wurde. Er war auf der Stelle tot. Er ist der erste Priester, der im 21. Jahrhundert von einem Djihadisten auf europäischem Boden ermordet worden ist, ein neuer Märtyrer.

Gelingt es Ihnen, für die Mörder zu beten?
Janine und Guy: Wir schaffen es gerade zu sagen, „Vater vergibt ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Haben Sie nach wie vor Lust, in die Messe zu gehen?
Guy: Ja! Wir leben mitten in einem großen Geheimnis: dem Geheimnis Christi, der Sein Leben für jeden von uns hingibt. Er hat es auch für unsere Mörder hingegeben. Die Eucharistie erleuchtet das Drama, das wir erlebt haben. Wir waren noch nie so glücklich.

Das Interview führte Luc Adrian für Famille Chrétienne v. 1.-7.10.2016.

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