VISION 20005/2017
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Dein Angesicht Gott suche ich

Artikel drucken Einladung zur persönlichen Begegnung mit dem lebendigen Gott (Christof Gaspari)

Ja, worum geht es eigentlich in der Kirche? Was ist ihr Auftrag? Was macht es aus, Christ zu sein? Relevante Antworten auf diese Fragen sind heute oft gar nicht so leicht zu finden, so die Diagnose von Kardinal Paul Josef Cordes am Beginn seines jüngsten Buches Dein Angesicht Gott suche ich.
Zeitdiagnose: Gottesdämmerung und Der Notstand: Gottesvergessenheit lauten dementsprechend die Titel der beiden ersten Kapitel. Selbst in der Kirche scheint die klare Sicht verlorengegangen zu sein: „Kirchliche Repräsentanten und ihre Sprecher sind mehr denn je genötigt, sich zuallererst mit der Welt und ihren Nöten zu befassen; oft scheinen die Reden auch der geweihten Hirten eher bestimmt für die UNO oder das Rote Kreuz. (…) Damit die Effizienz der kirchlichen Struktur gesichert wird, setzen sie gelegentlich auch auf hoch bezahlte Unternehmensberater; diese sehen entsprechend ihrer Professionalität die Kirche (…) naturgemäß transzendenzlos, als Serviceunternehmen, und stellen sie mit einer ideologischen Lobby oder einem Wirtschaftsbetrieb gleich.“
Umfragen zeigten, dass – jedenfalls in unseren Breitegraden – der Glaube in weiten Kreisen der Bevölkerung verdunstet ist. Kardinal Cordes hält aufgrund von Daten aus dem Religionsmonitor 2008 fest: „Wer schließlich danach fragt, ob Christen zu Gott eine Du-Beziehung haben, muss – ob bei Katholiken oder Protestanten – zur Kenntnis nehmen, dass in der zitierten Umfrage die hohe Zahl von 85 Prozent unter ihnen Gott nicht als ein personales Du bekennen…“ Christ-Sein sei weitverbreitet zu „einem vagen Gefühl von einer gesichtslosen, anonymen Göttlichkeit geronnen.“
Daran schuld sei auch eine „weitverbreitete Akademisierung der Glaubensinhalte“. „Die Zusicherung einer Beziehung – ,Ich glaube an Gott’ – wird umgewandelt in die Feststellung einer Tatsache: ,Es gibt Gott’.“ Was im Credo der Kirche ausgesagt wird, gerät so zu einer Liste von Ereignissen aus längst vergangenen Zeit oder überhaupt zur Sage, der heute keine wirkliche Bedeutung mehr zukommt.
Soweit der Ausgangspunkt für die Fragestellung: Was tun unter diesen Gegebenheiten? Darauf versucht Kardinal Cordes’ Buch – er war selbst ein großer Förderer der Geistlichen Bewegungen und ein Mitinitiator der Weltjugendtage – Antwort zu geben. Und sie lautet: Den lebendigen Gott wiederentdecken – und zwar so, wie Er uns in der Heiligen Schrift entgegentritt.
Das setze voraus, dass wir die ganze Offenbarung ernst nehmen – auch die des Alten Testaments. Wir sollten „Das Neue nicht ohne das Alte Testament“ – so lautet ein Kapitel des Buches – lesen, denn sonst verblasse Gottes Größe. Heute bestehe nämlich die Tendenz Ihn einseitig darzustellen. Dann übersieht man nur allzu leicht Gottes unfassbare, erhabene, alles übersteigende Macht und Größe, Sein Eingreifen in die Geschichte, denn Er ist da, Er wirkt. Und Er ist der ganz Andere, majestätisch, unfassbar, heilig. Moses verhüllte sein Antlitz, als ihn der Herr aus dem brennenden Dornbusch ansprach.
Ja, wir sollten Sein Antlitz suchen, Sein Antlitz, das uns in Jesus endgültig offenbart worden ist. Diese Offenbarung hebe das im Alten Testament Offenbarte keineswegs auf, wie man aus den Worten des Vaterunser entnehmen kann: „Geheiligt werde Dein Name“…
Und dieser unfassbar Große wende sich den Menschen zu, biete uns an, in Beziehung mit Ihm zu treten, Ihn persönlich anzureden, betont der Autor. Erst dann würden die Glaubensinhalte wirklich lebendig. Um diesen Durchbruch zu einer persönlichen Gottesbeziehung geht es dem Kardinal. Die Gottvergessenheit unserer Tage werde überwunden werden, wenn wir diese Einladung, mit dem lebendigen Gott in eine persönliche Beziehung einzutreten, annehmen.
Einen Großteil des Buches widmet Cordes dem Zeugnis von drei Heiligen und deren Weg zu einer persönlichen Gottesbeziehung: Teresa von Avila, Kardinal John Henry Newman und Charles de Foucauld. Sich persönlich vom Herrn angesprochen zu wissen, habe für jeden der drei großen Pesönlichkeiten den Durchbruch zu einem das ganze Leben erfüllenden Glauben gebracht.
Als Kontrast dazu schildert Cordes die letztlich unbefriedigende Gottesbeziehung, bzw. Gottesvorstellung von Martin Luther, Johann Wolfgang von Goethe und Kurt Flasch, einem 1930 geborenen Philosophen. In der zeitlichen Abfolge dieser drei Persönlichkeiten wird auch die fortschreitende Gottes-Entfremdung der Neuzeit deutlich.
Besonders gefallen hat mir die Darstellung des Lebenswegs von Charles de Foucauld – über 42 Seiten ausführlich geschildert: die erstaunliche, radikale Umkehr nach einem ausschweifenden, ichbezogenen Leben, die so reiche Früchte gebracht hat.
Zusammenfassend stellt Kardinal Cordes fest: „Demnach sind Offenbarungsinhalte und selbst die Vertrautheit mit der kirchlichen Lehre gemeinhin nur ein erster Schritt auf dem Weg zum Du Gottes. Die Geschichte der erwähnten Gestalten lässt erkennen: Er will uns ein ganz persönliches Gegenüber sein. Erst in solcher Personalisierung kommt der Glaubensakt zu seiner Fülle: Ein Du, dem ich vertraue, ein Du zieht mich auf stille, geheimnisvolle Art an und weckt mein Verlangen, ohne mich dabei zu zwingen.“
Und: Trotz aller Verschiedenheiten hätten die drei erwähnten Heiligen Folgendes gemeinsam: „Sie ließen ihr Ich hinter sich. Ausdrückliche Hinweise auf diesen schwierigen, doch fundamentalen Schritt bei der Gottsuche finden sich bei allen dreien.“
Am Ende seines Buches illustriert der Autor am Beispiel einer Reihe von Geistlichen Bewegungen, dass diese persönliche Zuwendung durchaus ein Geschehen ist, das die Kirche unserer Tage ebenso prägt wie die eingangs geschilderte Ahnungs- und Interesselosigkeit. Es ist ein Geschehen, das zwar in den großen Medien kaum ein Echo findet, sehr wohl aber Anlass zur Hoffnung ist.

Dein Angesicht Gott suche ich. Von Paul Josef Kardinal Cordes. Media Maria, 284 Seiten, € 19,95 .

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