VISION 20003/2018
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Die Kirche ist kein Auslaufmodell

Artikel drucken Ansatzpunkte für die notwendige christliche Erneuerung Europas (Stephan Baier)

Eine Philosophie des Niedergangs hat sich in kirchlichen Kreisen breit gemacht. Unausweichlich scheint in Österreich der Weg der katholischen Kirche auch quantitativ in die Minderheitenrolle, nachdem Christen längst die Deutungshoheit in Politik und Gesellschaft verloren haben. Nicht nur strategisch, auch theologisch ist ein Perspektivenwechsel angebracht.

Wir Christen dürfen gelassen sein. Gott bleibt der Herr der Geschichte, und die Bibel schildert eindrucksvoll, wie Er mit minderbegabten Menschen seine Pläne ausführt. Warum also nicht auch mit uns? Im Gegensatz zu vielen Mythen und Sagen zeigt die Bibel die Großen unserer Glaubensgeschichte in ihrer Begrenztheit, Schwachheit, Sündighaftigkeit. Das kann uns trösten und beruhigen. Den weitverbreiteten Dekadenz- und Niedergangs-Theorien möchte ich 12 Thesen für einen katholischen Aufbruch entgegenhalten:
1) Wir Christen brauchen den Mut, uns von Gott benutzen zu lassen: Nicht „Selbstverwirklichung“, das Passwort zur Moderne, ist unser Ideal, sondern Christus-Verwirklichung. Wir glauben doch nicht ernsthaft, dass unsere Ideen oder Begabungen würzig genug sind, um „Salz der Erde“ zu sein, oder hell und warm genug, um „Licht der Welt“ zu sein. Theozentrik und Christozentrik statt Egozentrik wäre das Gebot der Stunde.
2) Weil Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist, kommt mit der Christozentrik auch eine recht verstandene Anthropozentrik, im Sinn Papst Johannes Pauls II., der erkannte: „Gottes Rechte und Menschenrechte stehen und fallen miteinander.“ Darum sind wir Christen berufen, Verteidiger der Menschenwürde zu sein. Jene Geisteshaltungen und Ideologien, die den Menschen nur als Masse, als Konsumenten und Produzenten, als Ameise im Ameisenhaufen sehen, können das Entscheidende doch nicht erklären: die Liebe und den Tod.
3) Wir brauchen die innere Freiheit zu erkennen, und die äußere Freiheit zu bekennen, dass Kirche immer Kontrastgesellschaft ist. Nur deshalb hat sie der Gesellschaft etwas zu sagen, was diese sich selbst nicht sagen kann. Die Kirche ist, modern formuliert, eine „Lebenssinn- und Seelenheil-GesmbH“, und wir Christen sind ihre Gesellschafter.
4) Nicht nur das materielle, auch das seelische Elend springt uns an. In manchen Bereichen nehmen die psychischen Erkrankungen sprunghaft zu: Burnout, Depressionen, Internet-Süchte, Lebensängste. Ohne Psychiatern und Psychotherapeuten ins Handwerk pfuschen zu wollen, dürfen wir wagen, Zuhörende zu sein, auch Trost und Sinn Zusprechende.
5) „Niedrigschwellig“ sollte der Zugang zum Gespräch mit uns sein, niedrigschwelliger als bisher der Zugang zum Glaubensgespräch. Niedrigschwellig sollte unsere Vermittlung christlicher Kernbotschaften werden. Die Auskunftsfähigkeit und Auskunftsbereitschaft der Christen über ihren Glauben sind dramatisch geschwunden. Statt Randthemen zu debattieren, muss sich Verkündigung den zentralen Glaubensgeheimnissen zuwenden.
6) Nicht „niedrigschwellig“ sollten wir das Heilige präsentieren. Hier gilt der Marketing-Grundsatz: Was nichts kostet, ist nichts wert! Wer Sakramente ohne gediegene Vorbereitung, ohne ein Mindestmaß an geistiger und zeitlicher Anstrengung bekommt, wird nicht den Eindruck gewinnen, Wertvolles erhalten zu haben. Sakramente sind keine Waren im Supermarkt, die man nach Zahlung des Kirchenbeitrags in den Einkaufswagen legen darf. Sakramenten-Spendung ohne profunde Vorbereitung verstößt gegen die Würde des Sakraments – und gegen die Würde dessen, der es empfängt. Am deutlichsten wird dies beim Ehesakrament.
7) Mit der Respiritualisierung, die unsere Zeit kennzeichnet, hat das Wallfahrtswesen einen neuen Boom erreicht. Vielleicht kann auch das Andachtswesen wiederentdeckt werden. Würden wir nämlich die traditionell „niedrigschwelligen“ Formen von Gebet und Liturgie stärker pflegen, könnte die Eucharistiefeier neu an Vertikalität und sakraler Atmosphäre gewinnen.
8) Wir Christen müssen mehr von Gott reden und Seine Botschaft nicht allzu sehr verstellen. Wir tun dies in dieser Gesellschaft angefochten und monopolfrei: Von der einen Seite schlägt uns ein Atheismus ins Gesicht, der Gott zur Bedrohung der Freiheit des Menschen erklärt, sowie ein Agnostizismus, der meint, alles sei egal. Von der anderen Seite werben Islam und Esoterik mit konkurrierenden Gottes-Vorstellungen. Da sind wir als Christen herausgefordert zum Gespräch und zum Widerspruch – möglichst ohne Angst und Aggression, aber kundig und differenzierend.
9) Es ist kaum bestreitbar, dass die Glaubensweitergabe in der Krise ist: Das Glaubenswissen der Christen ist geschmolzen wie der Schnee in der Frühlingssonne. Die christliche Praxis und das Mitschwingen der Christen im Kirchenjahr sind rückläufig. Das ist keine Einladung zum Jammern, sondern zu bewusster Stellvertretung: Wie Abraham vor seinen Gott tritt und mit ihm sogar handelt, wie die 12 Apostel für die 12 Stämme Israels stehen, treten Christen bewusst stellvertretend für die Vielen vor Gott: anbetend, lobpreisend, dankend, bittend.
10) Wir müssen auch von Schuld reden: von der „kleinen Schuld“ unserer täglichen Sünden in Gedanken, Worten und Werken sowie Unterlassungen, von den kleinen Lieblosigkeiten und Eitelkeiten. Auch von der „großen Schuld“, vom gescheiterten Lebensentwurf, vom verpfuschten Werk, von tragischer Schuldverstricktheit. Als Christen können wir zweierlei guten Gewissens empfehlen: Das Selber-Schuld-Prinzip, die ehrliche Gewissenserforschung und Bereitschaft, eigene Schuld nicht auf andere Menschen oder Institutionen abzuwälzen, sondern als eigenes Versagen anzunehmen. Das macht uns sozialverträglicher und verringert die Gefahr von Verbitterung. Zweitens die Wiederentdeckung der Beichte als Angebot der Liebe Got­tes. Schuld kann erdrücken, klein, depressiv oder auch böse machen, wenn wir sie nur sammeln und nie abwerfen können.
11) Wohin jetzt mit meinem verpfuschten Leben? Das fragte sich in Jesu Gleichnis von den beiden Söhnen der Jüngere, der den väterlichen Erbteil im pubertären Selbstverwirklichungsanfall verprasste und am Ende die Schweine beneidete. Wohin? „Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt.“ (Lk 15,18) Die Scheinwelt seiner Autonomie ist zerbrochen, die falschen Freunde sind verschwunden, die Nebelschwaden der Selbstverwirklichung haben sich gelichtet. Er spekuliert nicht mehr auf Gerechtigkeit. Aber er bekommt mehr als Gerechtigkeit: Barmherzigkeit!
Nur weil er immer schon wartete, konnte der Vater seinen Sohn „schon von weitem kommen“ (Lk 15,20) sehen, ihm entgegeneilen und ihm um den Hals fallen. Woher beziehen wir eine unser Leben durch Ängste und Ausweglosigkeiten tragende Hoffnung, dass da am Ende ein Vater ist, der uns verlorenen Sohn „von weitem kommen“ sieht und uns entgegeneilt? Die Politik, die Finanzmärkte, die UNO und die Medien produzieren und spenden keine Barmherzigkeit. Jene Vollendung, die ohne Heilung aller Wunden nicht denkbar ist, findet der Mensch dort, wo Allmacht und Barmherzigkeit ineinander fallen: bei Gott. Dies zu verkünden und spürbar zu machen, ist die Aufgabe der Kirche.
12) Würde die Kirche der Versuchung erliegen, zum Staat oder zur politischen Partei zu mutieren, hätten ihre Gegner gewonnen. Die Versuchungen, mit denen der Teufel Jesus von seiner Sendung abbringen wollte, ziehen sich durch die Kirchengeschichte: Auch die Kirche wird immer wieder versucht, aus Steinen Brot zu machen – die Umkehr der Herzen zugunsten einer revolutionären Sozialpolitik aufzugeben, sich ins Soziale zu diminuieren. Oft war und ist sie in der Versuchung, sich „allen Reichen der Welt mit ihrer Pracht“ (Mt 4,8) zuzuwenden und dabei die Kreuzesnachfolge abzuschütteln. Erinnern wir stattdessen daran, dass Gottes Gebote die Leitplanken auf der Straße des Lebens sind, die Eucharistie die Tankstelle und der Beichtstuhl die dazu gehörende Waschanlage.
Die Kirche kann und soll in dieser lauten, schrillen, schnellen Gesellschaft als Großmacht der Barmherzigkeit sichtbar und als Widerstandsbastion gegen das Recht des Stärkeren erfahrbar bleiben. Sie hält den Himmel über einer säkularisierten Gesellschaft offen. Weil Gott Herr und Ziel der Geschichte ist, können wir zwar zeitdiagnostisch Frühling und Herbst von Epochen und Kulturen benennen, dürfen aber nicht geschichtspessimistisch sein. Christi Kirche ist kein Auslaufmodell, weil sie Seine Kirche ist – nicht unsere.

Der Autor ist Österreich-Korrespondent der katholischen Wochenzeitung Die Tagespost (www.die-tagespost.at).


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Wer sich im Blätterwald umsieht oder das Fernsehen aufdreht, bekommt ja ein einheitliches links-grün eingefärbtes Welt- und Menschenbild vorgesetzt. (Siehe S. 26)
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Christof Gaspari
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