VISION 20003/2018
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Manipulierte Nachrichten

Artikel drucken Rückblick auf einen Besuch im vom Krieg geplagten Syrien (Michael Theuerl)

Hier in Europa wird uns der Krieg in Syrien hauptsächlich aus der Sicht der Rebellen präsentiert: als verständlicher Kampf gegen den Diktator Assad. Wer wie Pfarrer Theuerl das Land besucht, kommt mit anderen Eindrücken zurück, als wir sie in den Medien vorgesetzt bekommen. Mit zwei Mitbrüdern hatte der Autor die Gelegenheit, das Land zu besuchen und die Sichtweise von zehn Bischöfen kennenzulernen.

Wir haben all die Orte besucht, von denen wir hier immer in den Nachrichten hören: Damaskus, Homs, Aleppo, Maalula, Seydnaya… In Damaskus haben wir beim armenisch-katholischen Bischof gewohnt. Die Altstadt ist das Christenviertel. Sie hat unwahrscheinlich viele Kirchen, überall gibt es Bildstöcke, Kreuze, Bilder der Muttergottes und anderer Heiliger, viele kleine Gässchen mit vollen Geschäften und Märkten – so wie man sich den Orient vorstellt.
An das Christengebiet schließt sich das Schiitenviertel an. In diesem steht die Omajaden-Moschee (früher eine altchristliche Basilika), in der das Grab des hl. Johannes des Täufers hochverehrt wird. Überall werden wir als katholische Priester erkannt und mit großer Freundlichkeit willkommen geheißen. So beten auch wir am Grab dieses großen Heiligen und besuchen noch mehrere andere Moscheen.
Das Verhältnis zu den Muslimen ist unkompliziert, wie uns später auch der Nuntius, Kardinal Zenari, erklärt. Jahrhunderte lang konnten Christen und Moslems miteinander auskommen, bis sich vor einigen Jahren eine sogenannte Demokratiebewegung bildete, die plötzlich auch noch von irgendwoher Waffen hatte.
Nachdem wir beim gastfreundlichen armenisch-katholischen Bischof Quartier bezogen haben, merken wir, dass wir ein bisschen in der Falle sitzen. Etwa 1,5 km entfernt schießen die „Rebellen“ aus einem anderen Stadtviertel von Damaskus, das vom Militär abgeriegelt ist, Granaten in die Altstadt, Tag und Nacht. Oft sterben Menschen in den Straßen. Man hört die Einschläge. Einige Male werde ich nachts wach, weil sogar das Bett wackelt.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite zeigt uns der Bischof ein neu eingebautes Fenster: In der Silversternacht schlug eine Granate ein und tötete den 40-jährigen Mann im Bett. Teile der Granate schlugen zurück auf das Bischofshaus, zerbrachen die Fensterscheiben, zerschlugen einige Fliesen auf dem Hof und spalteten die Eingangstür.
Die armenisch-katholische Schule beim Bischofshaus hat 460 Schüler. Aber am 29. Jänner kamen aus Angst nur 30 zu Schule. Der Schulleiter zeigte uns in seinem Glasschrank all die Granaten, die er auf dem Schulgelände eingesammelt hat. Auch in der Schule sind Kinder bei dem Granatenbeschuss gestorben. Viele schreckliche und traurige Schicksale haben wir gehört und gesehen.
In einem der drei katholischen Krankenhäuser in Damaskus besuchten wir die 17-jährige Christine, die bei dem Raketenbeschuss ein Bein verloren hatte. Die Eltern waren da, Verwandte, ein Arzt, eine Ordensschwester. Wir waren alle zu Tränen gerührt, als sie uns sagte: „Es ist schwer, aber ich bin Christ, ich verzeihe!“ Überall, wo Leute in der Stadt durch Granaten umgekommen sind, stellt man zum Gedenken Fotos auf. Allein an einer Stelle der Stadtmauer mehr als 20.
Wir konnten die Flugzeuge sehen, die die Stellung der „Rebellen“ bombardierten, von denen aus die Granaten abgeschossen werden – aber sie hatten wohl wenig Erfolg. Morgens sahen wir immer vor dem Frühstück Euronews: „Assad bombardiert sein Volk!“ Der Bischof fasste sich immer an den Kopf und sagt: „Hollywood.“ Offensichtlich wird da von den sogenannten freien Medien ein gewaltiger Propagandakrieg geführt.
Zusammenfassend könnte man die Lage so beschreiben – alle Bischöfe sehen das genauso:
1. Nur wenige von den westlichen Bischöfen kommen uns besuchen – auch nicht, als vor Jahren die Lage noch nicht so gefährlich war. Niemand möchte gegen die „political correctness“ verstoßen, die von den westlichen Mächten diktiert wird: Assad muss weg!
2. Man kann im Westen sagen, was man will, man hat keine Chance. Der syrisch-orthodoxe Patriarch zeigte uns ein Interview, das er in Berlin einer deutschen Zeitung gegeben hatte. Die Zeitung machte dann als Überschrift: „Assads frommer Gesandter“. Der chaldäisch-katholische Bischof in Aleppo sagte uns, dass er nach einem Interview im Westen gefragt wurde, wie viel Assad ihm dafür bezahlen würde.
3. Öfter wurden wir gebeten, unsere Bischöfe positiv zu beeinflussen – und diese dann die Regierung. Es ist ganz offensichtlich, dass man sich nicht für die Realität in Syrien interessiert, sondern die Öffentlichkeit absichtlich manipuliert. (…)
Wenn man nach Aleppo hinein fährt, dann kommt man zuerst durch ein völlig zerbombtes Stadtviertel, etwa 20% der Innenstadt, wo sich die „Rebellen“ verschanzt hatten, wurde bei der Rückeroberung zerstört. Russische Soldaten und Flugzeuge haben mit der syrischen Armee mitgewirkt. Öfter sieht man russische Schriftzeichen; die russischen Soldaten mussten unter Lebensgefahr alle Häuser durchsuchen, weil die „Rebellen“ beim Rückzug überall Minen und Fallen gelegt hatten. Wenn ein Haus durchsucht war, schrieben die Russen an die Wand „min njet", und die Leute konnten zurück in ihre Häuser.
Wir besuchten den ausgebombten melkitischen Bischof in seiner provisorischen Residenz in einer Stadtwohnung. Er beklagte, dass jetzt nur noch etwa 200 Familien seiner Pfarrei geblieben sind (er hat 15 Priester), die anderen 50% sind tot oder geflohen. Sechs Bomben haben seine Kathedrale getroffen…
Wie alle Bischöfe sieht er die Rolle Russlands sehr positiv: hätten sie und der Iran nicht interveniert, wir wären schon längst Kalifat, Gottesstaat mit Scharia. Im Alter von 74 Jahren hat der Bischof aber nicht den Mut verloren. Überall hat er Projekte: Schulen, Berufsausbildung, eine großangelegte Rückrufaktion aus dem Ausland. Wer zurückkommt, erhält Wohnung (er hat zwei große Wohnblocks gekauft), Startkapital, Rückreisegeld, Ausbildung usw. Etwa 25 Familien seien bisher gekommen. Man muss den jungen Leuten Hoffnung geben, sagt der Bischof, und sich nicht vom „mainstream“ beeinflussen lasse. So hat er auch eine Schule mit 525 Schülern gegründet, eingebaut unter eine große Kirche, geleitet von seinem Sekretär.
Am 4. Februar besuchten wir Homs, das durch die Rückeroberung von den Terroristen zu 100% zerstört war. In den Ruinen leben Leute, weil es nichts anderes gibt. Die kleine syrisch-katholische Gemeinde war nach der hl. Messe zum Kaffee versammelt; man sagte uns, es seien leider nur 60 nicht vollständige Familien übriggeblieben. Ebenfalls nach der hl. Messe erzählte uns der syrisch-orthodoxe Bischof von Homs beim Gemeindekaffee, dass beim Angriff der Terroristen 100 Kinder seiner Schule getötet worden seien… Aus seiner Gemeinde in Homs, schätzt dieser Bischof, dass es 400 bis 500 Märtyrer gäbe; niemand könne das genau sagen, weil ja auch viele verschleppt seien. Die melkitische Kathedrale in Homs ist schon wiederaufgebaut. Eine halbe Stunde nach der Messe wurde sie damals bombardiert – Gott sei Dank waren schon alle zuhause.
Für uns war es sehr traurig, dass man hier im „freien“ Westen ein ganz anderes Bild über Syrien verbreitet, offensichtlich mit einer bestimmten Absicht. Alle Bischöfe, die wir besucht haben, geben die gleiche Einschätzung der Lage:
– In Syrien gibt es Religionsfreiheit, und die Zusammenarbeit mit der Regierung Assad ist sehr gut (in keinem anderen arabischen Land gibt es so ideale Bedingungen für das Christentum)
– Präsident Assad und die Regierung unterstützen aktiv alle Minderheiten im Land, auch die Christen; bei vielen Gelegenheiten sagt der Präsident ganz offen: Die Christen hier im Land sind keine Zugvögel, die kommen und wieder wegfliegen. Das hier ist euer Land, ihr, die Christen, wart zuerst hier!
– Man kann sagen, dass es auch bei den „Rebellen“ weniger radikale Kräfte gibt. Nicht alle sind Terroristen. Aber diese zahlenmäßige Minderheit von wenigen Prozent hat keine Einflussmöglichkeit, bei einem Sieg über Assad einen Gottesstaat mit Scharia (Kalifat Syrien) zu verhindern. Die Folge wäre: Flucht und Vertreibung aller Christen.
Menschlich gesehen kann man von einer ziemlich trostlosen Situation sprechen: Es fehlt die Solidarität der Bischöfe und der sogenannten christlichen Länder, die doch alle ein Interesse haben müssten, dass verfolgte Christen geschützt werden. Information durch syrische Bschöfe gibt es genug, so dass sich keiner herausreden kann, er habe nichts gewusst.
Es war für mich eine ganz große Freude, in Syrien so vielen treuen Glaubenszeugen zu begegnen, die ganz selbstverständlich mit Christus das Kreuz tragen – mit Liebe. Und wo die Liebe ist, ist immer auch die Freude!

Der Autor ist Pfarrer in Teltow in der Erzdiözese Berlin. Auszüge aus einem längeren Dokument, das wir gerne auf Anfrage zuschicken.

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