VISION 20003/2018
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Männlichkeit: nicht abschaffen, sondern kultivieren

Artikel drucken Wie die vorherrschende Verunsicherung der Männer überwunden werden kann

Große Unsicherheit unter Män­nern über ihre Rolle in Fami­lie und Gesellschaft in Zeiten von Gender-Mainstreaming. Im Folgenden die Gedanken eines Psychotherapeuten, der ein Buch über das Thema Mann-Frau geschrieben hat.

Sind Deiner Erfahrung nach Männer heute in ihrem Selbstverständnis verunsichert?
Univ. Doz. Raphael Bonelli: Meinem Eindruck nach sind die meisten – jedenfalls jene, die zu mir kommen –verunsichert. Sie erkennen allerdings nicht wirklich, dass sie ein Problem damit haben, wie sie als Mann agieren sollen. Sie kommen vielmehr mit praktischen Problemen, die sie nicht lösen können. Im Zuge des Gesprächs kommen wir dann darauf, dass sie im Grunde genommen nicht wissen, wie sie sich als Mann verhalten sollen.

Lassen sich Ursachen dafür herausarbeiten?
Bonelli: Ja, sehr gut. Wenn ich frage: „Ist es denkbar, dass Sie ein Problem mit ihrer Männlichkeit haben?“, sieht man richtig, wie sie diese Frage anspricht. Ich hatte erst vor kurzem einen Patienten, der nur mit diesem Stichwort begonnen hat, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Er hat Bücher gelesen und sein Verhalten geändert. Ursprünglich kam er wegen einer Angststörung. Durch seine Beschäftigung mit dem Thema Männlichkeit und unsere Gespräche hat sich der Fokus geändert – weg von der Angststörung.

Was hat sich da in seiner Vorstellung geändert?
Bonelli: Jede Angststörung ist Folge eines inneren Konflikts, den der Betroffene nicht lösen kann, weil ihm dieser nicht zugänglich ist. Durch die Entdeckung des Themas Männlichkeit haben wir den Patienten auf seine Identität zurückgeholt. Er hat sich als innerlich stimmig erlebt, ruht mehr in sich.

Kannst Du das etwas erläutern?
Bonelli: Wir sprechen einerseits von der Konstitution, von dem, was uns ausmacht. Sie hat drei Dimensionen: die körperliche, die emotionale, die kognitive. Auf der anderen Seite gibt es die Vorstellung, die man von sich hat. Sie wird stark von der Gesellschaft geprägt. Wenn beides nicht stimmig ist, kommt es zu massiven Konflikten, die etwa Angststörungen auslösen können.

Heißt das, dass die gesellschaftlichen Bilder vom Mann heute nicht mit dem übereinstimmen, was die Männer sind?
Bonelli: Dazu ein Beispiel: Männer sind stärker als Frauen. Vor 50 Jahren wäre diese Banalität nicht erwähnenswert gewesen. Jetzt habe ich fast zwei Jahre an einem Buch geschrieben. Da schien es mir, dass diese Banalität gar nicht erwähnenswert sei. Tatsächlich ist dieser Unterschied aber zentral. Denn dieser körperliche Unterschied hat direkte Auswirkungen auf die Psyche: Männer sind robuster, können mehr aushalten, sind stress-resistenter… Das lässt sich durch Studien belegen. Wenn nun ein Mann sich dessen nicht bewusst ist, kann er auch nicht entsprechend handeln, seine männliche Stärke nicht wohltuend in die Familie einbringen. Vielfach verändert er dann sein Verhalten in eine wehleidige, jammernde Weise. Und das ist der ehelichen Beziehung sehr abträglich. Der Patient, von dem die Rede war, ist sehr im Selbstmitleid geschwommen und seine Frau hat dies nicht ausgehalten.

Welche Kennzeichen der Männlichkeit wären besonders hervorzuheben?
Bonelli: Es gibt wohl Millionen von Studien über Mann und Frau. Reduziert man sie auf die Studien der letzten 20 Jahre, kann man deren Einsichten in drei große Gruppen zusammenfassen: Erstens haben Männer auf der körperlichen Ebene eine Stärke – ebenso auf der psychischen. Zu letzterer gehören: Handschlagqualität, Entscheidungsfreude, Konsequenz… Auf der emotionalen Ebene haben Männer, was die Empathie anbelangt, deutliche Defizite gegenüber der Frau. Dafür zeichnet sie eine emotionale Stabilität aus, ein Mangel an Wehleidigkeit. Auf der kognitiven Ebene haben Männer die Fähigkeit, sachlich zu denken, sich selbst wegzuabstrahieren, auf die Sache hin fokussiert zu arbeiten, sich auf Funktionen zu konzentrieren. Auf diese Weise ist der Mann eine sensationelle Ergänzung zur Frau, die andere Qualitäten hat. Sie ist auf der körperlichen Ebene schön und fruchtbar: hat eine natürliche Neigung zum Leben. Emotional hat sie eine große Stärke in der Empathie, kann sich in andere einfühlen. Und auf kognitiver Ebene ist sie fähig sozial, vernetzend und personal zu denken. Mann und Frau sehen alles von einem anderen Gesichtspunkt aus. Sie sind wie zwei Augen, die zusammen dreidimensional sehen – jedes Auge allein jedoch nur zweidimensional. Diese Ergänzung geht den Paaren verloren, wenn der Mann seine Männlichkeit, die Frau ihre Weiblichkeit verliert.

Wie gelangt der Jugendliche zu einer adäquaten Vorstellung von Männlichkeit? Welche Rolle spielt die Beziehung zum Vater?
Bonelli: Schon das Kind lernt die Männlichkeit zuerst vom Vater. Etwa ab dem Alter von 2,5 Jahren hat es das Bewusstsein seines Geschlechts. Aber schon vor diesem Alter verhält es sich geschlechts­typisch. Wer Kinder hat, weiß das. Und alle Studien zeigen es. Vor diesem Alter kann man es „gendermäßig“ noch nicht beeinflussen. Danach identifiziert sich der Bub mit einer männlichen Bezugsperson. Er lernt von ihr und imitiert das, was ihm gefällt und imponiert. Da ist die Vaterfigur wichtig, kann aber durch einen Großvater oder sonst eine Männerfigur ersetzt werden. Besonders wichtig wird der Vater in der Pubertät. In einigen Kulturen gibt es die Initiation, bei der der Knabe zum Mann wird, indem er Abenteuer zu bestehen hat. Das macht die Männergruppe unter sich aus. Das ist ein schönes Bild dafür, dass der Heranwachsende andere Männer braucht, um erwachsen zu werden.
Die Männlichkeit ist wie ein Talent: Man kann auch musikalisch sein und kein Instrument lernen. Dann lässt man ein Talent liegen. Und so ist es mit Männern, denen kein Zugang zur eigenen Männlichkeit eröffnet worden ist. Sie verhalten sich vielfach nicht männlich im positiven Sinn und sind in ihrer Fähigkeit beeinträchtigt, eine gute Partnerschaft zu leben.

Die vaterlose Familie ist also ein Handicap für das Hineinwachsen in die Männlichkeit?
Bonelli: Ein Defizit für die Kinder im allgemeinen – auch für die Mädchen. Und für die Frau, die dann die Kinder allein durchbringen muss. Für die gesunde psychische Entwicklung von Buben und Mädchen ist die Vaterfigur sehr, sehr wichtig.

Zeigt die Beratung von Frauen, dass deren Erwartungen an die Männlichkeit den heutigen Bemühungen, Geschlechtsunterschiede einzuebnen, widersprechen?
Bonelli: Ich beobachte bei jungen Frauen eine große Ambivalenz, einen unausgesprochenen Widerspruch zwischen dem, was sie unbewusst oder teilbewusst erwarten und dem, was sie – ohne lange zu überlegen – an Meinungen äußern. Sie übernehmen relativ unreflektiert Vorstellungen, moralisierende Urteile, wie sie rundum zu hören sind. Innen drinnen aber schlummert eine große Sehnsucht nach der männlichen Entschlossenheit. Das sehe ich bei fast jeder Frau, die an einem Mann leidet, der sich nicht entschließen kann.

Aufgabe des Mannes wäre es, Verantwortung zu übernehmen, seine Begabungen in den Dienst von Frau und Kind zu stellen. Trägt die lockere Sexualmoral, die den Sexualakt heute „verantwortungsfrei“ macht, nicht dazu bei, dass junge Männer nicht zur Verantwortungsfähigkeit heranreifen?
Bonelli: Das sollte man differenziert sehen. Es gibt eine gute Männlichkeit, aber auch negative und schließlich eine fehlende Männlichkeit. Die gute Männlichkeit ist die kultivierte, die fähig ist, Verantwortung zu übernehmen. Die schlechte Männlichkeit ist die narzisstische, überhebliche Männlichkeit, die die männlichen Fähigkeiten herausstreicht – aber nur für sich selber nutzt. Nicht für die Frau, die Kinder, die Freunde… Da wird die eigene emotionale Stabilität ausgenutzt, um andere fertigzumachen. Da sind Männer unfähig, sich zu schenken, sich vom anderen, insbesondere auch von der Frau etwas sagen zu lassen. Das ist auch die Kritik, die viele Feministinnen zurecht am Mann haben.
Religiös gesehen könnte man von einer sündigen Form der Männlichkeit sprechen. Sie hat im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder schlimm gewütet. Männlichkeit muss kultiviert werden. Aber nicht dadurch, dass man dem Mann die Männlichkeit abspricht. Es geht darum, aus einer Anlage eine Tugend zu machen. Nur hat der Feminismus interessanterweise diese kritisierte Männlichkeit auf das Frauenbild übertragen. Er redet Mütterlichkeit, Emotionalität schlecht und propagiert, die Frauen kämen mit Härte und Kampf viel weiter…

Zurück zu den Auswirkungen des lockeren sexuellen Umgangs. Sieht man da negative Folgen für den Mann?
Bonelli: In den heutigen Beziehungen stellt man fest, dass sich der eine für den anderen nicht mehr zuständig fühlt. Jeder überlässt dem anderen, was er tun will, wie er sein Leben plant. Das gilt für Männer wie Frauen. Auf diese Weise geht die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, verloren.

Sollte sie nicht Teil einer guten Männlichkeit sein?
Bonelli: Zweifellos. Verantwortlichkeit sollte aber ebenso eine weibliche Tugend sein, wenn auch auf einer anderen Ebene. Es ist beeindruckend, wie viele Frauen heute nicht mehr bereit sind, Kinder in die Welt zu setzen. Das ist auch eine Form von Verantwortungslosigkeit. Beim Mann aber ist diese Haltung sicher auch eine Folge der vielen Denkfehler, die es heute gibt. Eine davon ist sicher die Abkoppelung der Sexualität von der Liebe. Sexualität hat für sehr viele vor allem mit dem Ich zu tun, mit der Suche nach Befriedigung. Aus den Augen verloren wurde die Tatsache, dass es sich hier um eine Sprache der Liebe handelt.

Gespräche über dieses Thema sind heikel, weil leicht der Eindruck entsteht, mit der Kritik an heutigen Erscheinungsformen verkläre man die Vergangenheit. Darum geht es hier keineswegs…
Bonelli: Neu ist heute der Verlust der Männlichkeit. Früher gab es eher das Phänomen, dass Männlichkeit übertrieben ausgelebt wurde. Weil da viel Unrecht geschehen ist, versucht man heute, die Männlichkeit zu eliminieren. Sie an sich zu bekämpfen, ist kein adäquates Mittel gegen diese Fehlentwicklung. Es geht darum, sie zu optimieren, zu kultivieren, dienstbar zu machen.
Das Gespräch führte
Christof Gaspari.


Frauen brauchen Männer – und umgekehrt

Die zwischen 1980 und 2000 Geborenen sind überdurchschnittlich unglücklich in ihren Beziehungen. Bonelli diagnostiziert als wichtigste Ursachen: die Angleichung der Geschlechter, das Internet, die sexuelle Unlust. Scharfsichtig und unterhaltsam erklärt Bonellis Buch – es erscheint im September 2018 – auch anhand vieler Fall­geschich­ten Zusammenhänge und weist auf Ansätze zur Sanierung der Situation hin.

 

 

 

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