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Eine Inszenierung, um den Glauben zu diskreditieren

Artikel drucken Die weltweite Kampagne gegen Papst Benedikt XVI. (Christof Gaspari)

Papst em. Benedikt wird in die Geschichte als einer der Kirchenlehrer eingehen. Es ist ihm gelungen, in einer Periode wach­sender Desorientierung – gerade auch in der Kirche – den katholischen Glauben aller Zeiten in überzeugender und verständlicher Sprache zu vermitteln. Als Theologe, als Präfekt der Glau­benskongregation und schließlich als Papst war er ein Fels in der Brandung bei der Verteidigung der zeitlos gültigen Offen­barung Gottes in Jesus Christus. Und deswegen wird er heute noch massiv angefeindet.

Dies wurde heuer im Jänner deutlich, als das Miss­brauchsgutachten, das die Erzdiözese München in Auftrag gegeben hat, veröffentlicht wurde. Da Joseph Ratzinger von 1977 bis 1982 Erzbischof von München war, wurde auch sein Handeln damals untersucht. Als nun deren Ergebnisse präsentiert wurden, erhob sich ein Sturm der Entrüstung. „Vertuscher“, „Lügner“, der seinen Papstnamen ablegen sollte, las man. Die Theologin Doris Reisinger erklärte: „Wir wissen jetzt, dass Ratzinger bereit ist, öffentlich zu lügen, um sich seiner Verantwortung zu entledigen.“ Und  Gregor Maria Hoff, Fundamentaltheologe: „Am Ende lässt sich seine Aussage nur deshalb von einem Meineid unterscheiden, weil er nicht vor Gericht stand.“
Unglaubliche Urteile, vor allem auch durch Kirchen-Insider, die nur als Ausdruck der Genugtuung über die Demontage eines Feindes zu verstehen sind. Benedikt – ein überführter Lügner, diskreditiert samt seinem Werk.
Und dabei: Was war passiert? Ein 95-Jähriger hatte sich nicht an die Teilnahme an einer Sitzung vor 42 Jahren erinnert. Kaum war dies publik, gab der alte Mann den Irrtum sofort zu und entschuldigte sich für die Panne. Aber das nützte nichts. Jetzt hieß es: „Ratzingers Tricks“ oder „Benedikts halbherziges Entschuldigen“.
Keiner der Kritiker machte sich die Mühe zu fragen, wie die Panne zustande gekommen war. Denn es musste eine Panne gewesen sein. Schließlich war es Kardinal Ratzinger, damals Präfekt der Glaubenskongregation, der als erster massiv gegen den Miss­brauch in der Kirche vorgegangen war. Er ist als erster Papst persönlich mehrmals mit Missbrauchs­opfern zusammengetroffen, hat als Papst rund 400 des Miss­brauchs überführte Priester ihrer Ämter enthoben.
Wie kam es aber zu dieser Panne? Auf Anfrage war der „papa emerito“ bereit, an der Erstellung des erwähnten Missbrauchsgutachtens mitzuwirken. Daraufhin wurden ihm rund 20 Seiten Fragen zugesendet und die Möglichkeit geboten, Dokumente aus dem Münchener Archiv einzusehen – verfügbar nur auf dem Bildschirm, weder kopier- noch speicherbar, also nur zu exzerpieren. Eine Sisyphusarbeit.
Zur Erinnerung: Benedikt ist 95 und entstammt einer Generation, die nicht mit dem Computer auf du und du steht. Er war also auf Hilfe angewiesen. Und das Team, das dem Papst beistand, hat aus den 8.000 (!) Seiten Dokumentation eben irrtümlich die Abwesenheit des Erzbischofs bei einer Ordinariatssitzung am 15. Jänner 1980 herausgelesen. Und so stand es dann eben auch im Antwortschreiben des Papstes auf die ihm gestellten Fragen.
Was ist dazu zu sagen? Zunächst: Die Autoren des Miss­brauchsgutachtens hätten Benedikt sofort darauf aufmerksam machen können – ja, müssen –, dass er sich geirrt hat, denn seine Anwesenheit war ja aktenkundig. Der Irrtum hätte rechtzeitig korrigiert werden können. Papst Benedikt hätte damit kein Problem gehabt, da er schon einmal mit jemandem über diese Sitzung gesprochen hatte: mit Peter Seewald. „Seine Anwesenheit wird in meiner Papst-Biografie bestätigt,“ erklärte dieser im Focus (5/22).
Es war eben ein Irrtum, der jedem passieren könnte, der 8.000 Seiten Infos auszuwerten hat. Außerdem ging es bei dieser omi­nösen Sitzung allein um die Unterbringung eines Priesters, von dem nur bekannt war, er werde in München ärztlich behandelt werden, wie es im Protokoll der Sitzung heißt. Aber möglicherweise passte die Panne ins Drehbuch des Privatgutachtens der Erzdiözese. Denn so konzentrierte sich dessen Präsentation vor allem auf den Fall Benedikt und fand weltweit Beachtung: ein Papst der Lüge überführt! Was gibt es Schöneres für die Weltpresse?
Dazu eine Anmerkung: Mit Privatgutachten ist es so eine Sache. Sie streben zwar Objektivität an, sind gleichzeitig aber bemüht, dem Auftraggeber, so gut es irgendwie geht, entgegenzukommen. Und da bot der Fall Benedikt eine Super-Gelegenheit: Die „Lüge“ wurde groß gespielt, von den Medien gern aufgegriffen und das, was dem Auftraggeber dem Münchner Kardinal Reinhard Marx und dessen Vorgänger im Gutachten vorgeworfen wurde, trat in den Hintergrund – und blieb medial unterbelichtet.
Wer sich dafür interessiert, was dem Papst im Gutachten vorgehalten wird, dem sei der Beitrag von Michael Hesemann empfohlen: „Vertuscher Ratzinger? Was wirklich in dem Münchner Miss­brauchs-Gutachten steht“ (nachzulesen auf kath.net). Und wie diese Vorwürfe zu bewerten sind, fasst der Hannoveraner Rechtsanwalt Lothar C. Rilinger so zusammen: „Letztendlich haben die Gutachter während der Pressekonferenz, in der das Gutachten der Welt präsentiert wurde, einräumen müssen, dass sie keine gerichtsfesten Beweise für ein Fehlverhalten Benedikts vorweisen können. Deshalb haben sie davon gesprochen, dass „wahrscheinlich“ ein Fehlverhalten vorliege. Allein dieses Argument verschlägt einem die Sprache und lässt uns – begründet – an den juristischen und aufklärerischen Fähigkeiten der Rechtsanwälte zweifeln.“  (kath.net v. 10.2.22)
Warum es wichtig ist, das Thema hier noch einmal aufzugreifen? Weil im Zuge dieser Kampagne Benedikt, einer der großen Gestalten der Gegenwart, ein enormes Unrecht angetan worden ist, ein Unrecht, das als solches benannt werden muss. Dann aber auch, weil es den katastrophalen Zustand der Kirche – jedenfalls im deutschsprachigen Raum – offenbart. Der evangelische Pastor Jürgen Henke kennzeichnet diesen Zustand, wie folgt: „Das eigentliche Motiv der Demontage von Papst em. Benedikt ist die Diskreditierung seines Lebenswerks: Der zeitgemäßen Verkündigung und Begründung des katholischen Glaubens aller Zeiten. Benedikt XVI. wird als Kirchenlehrer des 20. und 21. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen. Es ist geradezu absurd, wenn er, der als erster massiv gegen den Missbrauch in der Kirche aufgetreten ist, nun groß als Vertuscher und Lügner hingestellt wird. Aber diese Vorgangsweise hat System, denn: Unvergessen bleibt seine Predigt hierzu bei der Trauerfeier für Papst Johannes Paul II. im April 2005 auf dem Petersplatz. Ratzinger avancierte mit seinem Bekenntnis zur reinen Lehre und seinem Zeugnis der geoffenbarten und unumstößlichen Wahrheit als Mensch, Theologe und Person zum bestkultivierten Feindbild für Generationen von Linken und Liberalen in Medien, Gesellschaft und leider auch der Kirche.“ (kath.net v. 29.1.22)
All das zeigt die tiefe Spaltung in der Kirche, die uns nicht entmutigen darf, sondern zum Gebet um die eigene Bekehrung und die der Reformer herausfordert.


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