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Die Kronzeugin

Artikel drucken Bericht über die Straflager in China (Christoph Hurnaus)

Die Volksrepublik China versuchte in den vergangenen Wochen die Olympischen Winterspiele in Peking geschickt für die eigene Propaganda zu nutzen und vor der Weltöffentlichkeit das Bild eines modernen und fortschrittlichen Landes abzugeben. Zur gleichen Zeit kommen erschütternde Berichte über die Menschenrechtssituation in der Provinz Xinjiang, in der die muslimischen Minderheiten der Uiguren und Kasachen leben.
Auch die Situation der chinesischen Christen ist von Unterdrückung, Verfolgung und Repression geprägt. Die christliche Organisation „Open Doors“ reiht China im aktuellen Weltverfolgungsindex an die 17. Stelle, noch vor Ländern wie Katar, Algerien oder Indonesien.
Die Autorin des Buches Die Kronzeugin, Sayragul Sauytbay, wurde 1977 in einem autonomen kasachischen Bezirk in der chinesischen Provinz Xinjiang geboren. Sie studierte Medizin und arbeitete in einem Krankenhaus, ehe sie vom chinesischen Staat als Direktorin für mehrere Vorschulen eingesetzt wird. Im ers­ten Teil des Buches beschreibt die Kasachin ihre unbeschwerte Kindheit inmitten einer Großfamilie in einer archaischen Landschaft im Norden Chinas. Die Kasachen lebten dort jahrhundertelang friedlich als Nomaden mit ihren Tieren.
Sayragul Sauytbay spricht in ihrem Buch darüber, wie der Druck des chinesischen Regimes auf ihr Volk immer stärker und exzessiver wurde. Infolge einer Reihe von Anschlägen in Xinjiang errichtete die chinesische Regierung ab 2014 ein riesiges Netz von Straflagern für die ethnischen Minderheiten der Uiguren und Kasachen, die vorwiegend Muslime sind. Als der Druck immer stärker wird, flieht Sayraguls Mann 2016 mit den beiden gemeinsamen Kindern nach Kasachstan.
Die junge Direktorin plant, ihrer Familie nachzufolgen, erhält aber kein Ausreisevisum. Sie wird mehrmals verhört, verhaftet und gezwungen, als Übersetzerin in einem der Umerziehungslager des Regimes zu arbeiten.
Was sie dort erlebt, schockiert die junge Frau zutiefst. Die Bedingungen in dem Lager sind unvorstellbar grausam. Unschuldige Menschen werden einer ständigen Gehirnwäsche und Folter ausgesetzt, erzwungene Einnahme von Medikamenten und Vergewaltigungen stehen in dem Lager an der Tagesordnung. Die inhaftierten Uiguren und Kasachen werden gezwungen, ihre muslimische Kultur zu verleugnen und sich selbst anzuklagen, mit dem Ziel, so zu echten Chinesen und guten kommunistischen Staatsbürgern zu werden.
2018 kommt Sayragul Sauytbay überraschend frei und flieht auf abenteuerliche Weise nach Kasachstan. Dort trifft sie nach über zwei Jahren ihren Mann und ihre Kinder wieder. Doch auch in Kasachstan erreichte Sayragul der lange Arm Pekings. Sie wird verhaftet und angeklagt.
Ihr Prozess führte zu den größten Protesten in der Geschichte des Landes. Tausende Kasachen gingen auf die Straße, um auf ihre vermissten Verwandten in den Straflagern Xinjiangs aufmerksam zu machen. Auf internationalen Druck geht Sayragul Sauytbay frei und erhält schließlich Asyl in Schweden. Für ihren Einsatz wird die mutige Kasachin mit verschiedenen internationalen Menschenrechtspreisen ausgezeichnet.
Sie sieht es heute als ihre dringendste Aufgabe, die Welt vor Chinas Griff nach der Weltherrschaft zu warnen. Denn China strebt, um mit den Worten Sauytbays zu sprechen, mit großzügigen Krediten und dem „Seidenstraßenprojekt“ die Unterwerfung der freien Welt an. Nur wenigen Bürgern im freien Westen ist bewusst, dass die chinesischen Kommunisten im Moment den größten Überwachungsstaat aufbauen, den die Welt jemals gesehen hat. Mit einem ausgeklügelten Sozialkreditsystem werden die Bürger je nach Verhalten bestraft oder belohnt. Dieses erschütternde Buch der mutigen Kämpferin für Freiheit und Menschenrechte öffnet den Blick für ein Geschehen, das leider bei uns medial viel zu wenig im Fokus steht.

Die Kronzeugin. Von Sayragul Sauytbay, Europa Verlag, 352 Seiten, 22,70€




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