VISION 20002/2022
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Der Tod ist anzunehmen, nicht zu verabreichen

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Das Evangelium sagt uns, dass nach den Worten Jesu der Tod wie ein Einbrecher komme. Und selbst, wenn wir versuchen, seine Ankunft im Griff zu haben, indem wir vielleicht unseren eigenen Tod planen, bleibt er ein Ereignis, mit dem wir rechnen müssen und der uns vor Entscheidungen stellt.
Uns Christen drängen sich zwei Überlegungen auf. Die erste: Dass wir den Tod nicht vermeiden können. Genau deswegen ist es, nachdem wir alles Menschenmögliche getan haben, um den Kranken zu heilen, unmoralisch, dessen Leben um jeden Preis verlängern zu wollen. (…)
Die zweite Überlegung betrifft die Umstände des Todes, das Ausmaß der Schmerzen und des Leidens. Wir müssen nämlich dankbar für all die Hilfen sein, die uns die Medizin zur Verfügung stellt, damit jene, die sich auf die letzte Phase ihres Lebens vorbereiten, dies dank der Palliativ­pflege auf eine möglichst menschenwürdige Art tun können. Man muss sich allerdings davor hüten, diese Hilfe mit inakzeptablen Auswüchsen, die zum Tode führen, zu verwechseln. Wir müssen die Menschen bis zum Tod begleiten, diesen aber nicht bewirken oder irgendeine Art von Selbstmord fördern.
Ich erinnere daran, dass das Recht auf Pflege und Behandlung für alle Vorrang haben muss, damit die Schwächsten, insbesondere die Alten und Kranken, niemals an den Rand gedrängt werden. Es gibt nämlich ein Recht auf Leben, jedoch kein Recht auf den Tod. Dieser muss angenommen, nicht verabreicht werden. Und dieses ethische Prinzip gilt für alle Menschen, nicht nur für Christen und Gläubige. Damit möchte ich auf ein reales soziales Problem hinweisen, auf die „Planung“ – ich weiß nicht, ob diese das richtige Wort ist –, jedenfalls geht es um die Beschleunigung des Todes der Alten…
Man muss sich um die alten Menschen kümmern wie um einen Schatz der Menschheit: Sie sind unsere Weisheit. Selbst wenn sie nicht sprechen, selbst wenn sie nicht mehr bei Sinnen sind, so sind sie doch das Symbol der menschlichen Weisheit. Sie sind es, die uns vorangegangen sind und die uns so viel Schönes hinterlassen haben, so viele Erinnerungen, so viel Weisheit. Bitte isoliert die alten Menschen nicht, beschleunigt nicht den Eintritt des Todes der Alten. Einen alten Menschen zu liebkosen, ist ebenso ein Akt der Hoffnung, wie ein Kind zu streicheln. Denn der Beginn des Lebens und dessen Ende sind geheimnisvoll, ein Geheimnis, das es zu respektieren, zu begleiten, zu pflegen gilt. Ja, zu lieben.
Möge uns der heilige Joseph helfen, das Geheimnis des Todes auf die möglichst beste Art zu leben. Für uns Christen ist der gute Tod eine Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes, der uns in diesem letzten Moment unseres Lebens nahe ist.

 Auszug aus der Ansprache bei der Generalaudienz am 9.2.22

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