VISION 20004/2000
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Eine Jugend im Aufbruch

Artikel drucken Seelsorge an der Uni (Konstantin Spiegelfeld)

Immer mehr Jugendliche strömen an die Universitäten - eine Herausforderung für die Kirche, sich im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Glauben zu bewähren.

Was bedeutet Glück für Dich? Wer einigermaßen aufmerksam in unserer Welt lebt, wird auf die unterschiedlichsten Antworten stoßen, und er wird viele Einrichtungen und Vereinigungen - säkulare und kirchliche - erleben, die um junge Menschen werben. Logischerweise gehört ja der jetzigen Jugend die Zukunft.

Einige exemplarische Antworten von jungen Menschen habe ich aus meiner Erfahrung zusammengefaßt: “Das ist ein Gefühl der Erfüllung" - Eva, 22 Jahre; “Das tun, was man gerne tut, und sich niemals zu etwas zwingen, was man nicht gerne tut." - Geraldine, 23 Jahre; “Das bedeutet Selbstverwirklichung" - Sonja, 24 Jahre; “Eine schöne Frau, eine tolle Wohnung und viel Geld" - Philipp, 23 Jahre; “ER ist es" - Karin, 18 Jahre; “Das bedeutet, keine Sorgen zu haben" - Thomas, 21 Jahre. Wie lautet Ihre und Deine Antwort, liebe Leserin, lieber Leser?

Als Universitätsseelsorger in der Katholischen Hochschulgemeinde in Wien in der Ebendorferstraße komme ich nicht darum herum, zu versuchen, auf diese Frage eine Antwort zu geben, beziehungsweise durch Antworten auf neue, tiefere Fragen zu stoßen und dann neue Antworten zu hören usw. Oft wird diese Frage versteckt gestellt, aber sie ist in das Herz jedes Menschen hineingelegt. Eigentlich wunderbar.....

Zusammen mit anderen Priestern und Mitarbeitern erlebe ich nicht nur eine tiefe und steigende religiöse Sehnsucht, die oft relativ allgemein und unverbindlich bleibt, sondern auch ein steigendes Interesse an lebendiger kirchlicher Gemeinschaft und nach Orientierung.

Von drei Grundsätzen lassen wir uns leiten:

* Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: An der Massenuniversität gehst du unter. Wir aber wollen allen Studierenden Raum für Begegnung sichern.

Es gibt wahrlich viele verschiedene Ausrichtungen in der Kirche. Die Katholische Hochschulgemeinde will, so wie jede der vielen Gruppen in der Kirche (Gemeinschaft der Seligpreisungen, Gemeinschaft Emmanuel, Schönstatt-Bewegung, Charismatische Erneuerung, Katholische Jugend, Cartellverbindungen und viele andere...) Begegnungsmöglichkeit für unterschiedliche junge Menschen bieten. Ohne Gastfreundschaft, eine der wichtigsten christlichen Tugenden, können wir heute gerade bei jungen Menschen kaum christlichen Glauben verkünden und leben.

Gott selbst ist es, der am meisten und tiefsten Begegnung mit den Menschen sucht, Sein Herz ist immer offen, Seine Gegenwart in den Tabernakeln der Kirchen ist Lebensquelle und Gegenüber für meine Lebensfragen! Wir halten unsere Kapellen zugänglich, damit sie Oasen in der Wüste der anonymen, lauten und zerstreuenden Stadt für alle sein können.....

* Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: An der Uni wirst du zum Einzelkämpfer. Wir aber wollen allen Studierenden Begleitung ermöglichen.

Als Menschen machen wir die Erfahrung, daß Gemeinschaften nur dort tragfähig sind, wo entweder eine gemeinsame Wurzel, eine gemeinsame Mitte bewußt ist, oder ein gemeinsames Ziel gesehen wird. Als Christen haben wir den großen Vorteil, aus beiden Quellen leben zu können und zu dürfen. Unsere Mitte ist nicht anonym, sondern Jesus Christus, unser Ziel ist die Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott, durch die jede tragfähige menschliche Gemeinschaft lebt.

Jede Frage nach dem Glück ist eine versteckte oder offene Frage nach dem “Woher" und “Wohin" in meinem Leben. Wie kann es gelingen? Werden meine eignen Fähigkeiten und Interessen gefragt, kann ich sie einsetzen? Gelingt es mir, in Gemeinschaft zu leben? Persönliche Begleitung durch Gespräche, Beispiele des konkreten Lebens, das Wort Gottes und die Sakramente sind unabdingbar für ein christliches Leben. Allein und völlig unabhängig von anderen kann ich die Antworten nicht finden. Voraussetzung für die Begleitung ist es, einen eigenen Standort zu haben, selber “tief" zu sein, um anderen “Weite" zu ermöglichen.

* Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Es herrscht Sinnkrise. - Wir aber sagen: Es ist Zeit für Bildung.

Oft erlebe ich Gespräche, in denen die intellektuellen Fähigkeiten und die ratio angefragt sind. Zwar kann nicht alles mit dem Intellekt beantwortet werden, aber es ist ein wichtiger katholischer Grundsatz, daß Gott auch mit der Vernunft erkannt werden kann. Wir brauchen uns als Christen vor einer intellektuellen Auseinandersetzung und Rechtfertigung nicht zu fürchten. Sie erfordert allerdings redlich erworbene Kenntnisse und eine gute Ausgangsbasis und Grundlage. Die Gedankengänge in den Geistes- und Naturwissenschaften entsprechen nicht immer der Logik der Theologie, die aus einem tiefen Gottvertrauen entspringt. Dabei Schnittstellen, Berührungspunkte, Unterscheidungskriterien, aber auch Konfliktpotentiale aufzuzeigen, ist eine wichtige Aufgabe für denkende und gebildete Menschen. Dort, wo Begegnung und Begleitung gelingt, dort steigt das Interesse an Bildung.

Es wird in der Kirche viel über die Jugend geklagt, in Österreich oft mehr als anderswo. Natürlich ist nicht alles rosig. Aber es gibt auch viel Gutes: junge Menschen, die sich bewundernswert im sozialen Bereich einsetzen, die sich für die Schöpfung und deren Schutz engagieren, ungerechte Strukturen aufdecken oder den Frieden unter den Menschen aktiv fördern,die auf unterschiedliche Weise missionarisch tätig sind.

Ich möchte jedenfalls nicht über die Finsternis klagen, sondern ein Licht anzünden, Hoffnung geben, andere auf das Licht und die Orte der Hoffnung, des Glaubens und der Liebe aufmerksam machen. Manches wird vielleicht absterben, anderes wird wachsen und fruchtbar sein. Auf diese Weise wird Kirche dann nicht als Organisation, sondern als lebendige Glaubensgemeinschaft erfahrbar werden, die wirklich auf Jesus Christus baut, auf Ihn allein!

Was bedeutet Glück?- Das war die Anfangsfrage. Trügerisches Glück, Strohfeuer, oder tiefes, ewiges, auf Jesus aufbauendes Glück - vor diese Entscheidung werden wir immer wieder gestellt. Jesus sagt, Er sei der Weg, und unser Glaube an Ihn bedeutet Nachfolge, Nachgehen Seines Lebens. Wir dürfen Fragen haben, wir dürfen suchen, wir dürfen anklopfen, Er wird antworten, Er wird sich finden lassen, Er wird aufmachen, und wir dürfen eintreten in Sein Reich, das nicht nur Essen und Trinken bedeutet, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist. Mitschwestern und Mitbrüder zeigen mir, daß dies keine schönen Worte allein sind, sondern gelebte und erlebte Wirklichkeit.

Jeder junge Mensch, der Jesus Christus, den Heiligen Geist, Gott Vater entdeckt und an diesen Gott lebendig glaubt, ist Sauerteig für die Gesellschaft der Zukunft.

Papst Johannes Paul II ruft auf allen Kontinenten immer wieder dieser Generation, von der ein größerer Teil sich bei den Weltjugendtagen in Rom im August 2000 versammeln wird, zu: “Habt keine Angst davor, die Heiligen des neuen Jahrtausends zu sein!"

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