VISION 20004/2000
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Geschichte, die sich wiederholt

Artikel drucken Eine spannende Ferienlektüre (Walter M. Miller; Christian Berger)

Sind Sie auf der Suche nach Ferienlektüre mit Tiefgang? Falls ja, möchte ich Ihnen den Roman “Lobgesang auf Leibowitz" von W. M. Miller jr. empfehlen.

Der Autor war Amerikaner und unter jenen Piloten, die 1944 die Angriffe auf das Kloster Monte Cassino flogen, den Stammsitz des Benediktinerordens. Ein späterer Besuch an dieser Stätte - völlig zerstört, aber originalgetreu wieder errichtet - erschütterte und regte ihn zu seinem Werk an.

Der erste der drei sehr selbständigen Teile des Romans, “Fiat Homo", spielt 600 Jahre nach dem Atomblitz und der darauf folgenden “Großen Vereinfachung", also der brutalen Liquidierung aller Wissenschaft (und der Wissenschaftler), die man für das Elend verantwortlich machte.

Auf die dunklen Zeiten folgt ein neues Mittelalter, und das Kloster des seligen Leibowitz hat es sich zum Ziel gesetzt, möglichst viel vom Wissen der Vergangenheit zu bewahren. Die Mönche verstehen dieses Wissen nicht, aber sie sitzen unter der Herrschaft ihres strengen Abtes Jahr um Jahr in Schreibstube und Bibliothek.

Bruder Gerard von Utah entdeckt durch Fügung während seiner Fastenexerzitien in der Wüste einen alten Bunker und dort Reliquien des Ordensstifters. Er ist dann 15 Jahre lang beschäftigt, einen Schaltplan (der sel. Leibowitz war wohl Elektriker) in eine kostbar illuminierte Handschrift zu kopieren. Dafür wird ihm die Ehre zuteil, an der Heiligsprechung von St. Leibowitz durch den Papst teilzunehmen.

Der zweite Teil, “Fiat Lux", spielt 600 Jahre später, in einer Art Renaissance. Der gelehrte Thon Taddeo kommt in das Kloster, um die alten Manuskripte zu studieren. Er ist der illegitime Halbbruder eines skrupellosen Potentaten nach dem Zuschnitt Macchiavellis, den er insgeheim verachtet und dem er doch dient, weil dieser die Forschung fördert. Vor allem übrigen verschließt er die Augen. Thon Taddeo trifft im Kloster auf den alten Abt Dom Paulo und einen Klosterbruder, der nach eigenen Studien eine elektrische Bogenlampe konstruiert hat. Beiden Seiten verstehen einander, doch sie kommen nicht überein. Es ist der schicksalhafte Moment der Geschichte, wo sich Wissen und Technik der geistlichen Autorität und Disziplin neuerlich entziehen: vorgeblich, um selbständig zu sein, praktisch aber, um von der weltlichen Macht benutzt zu werden.

In dritten Teil sind abermals 600 Jahre vergangen, wir stehen in einer modernen Zeit, die Großtechnologie und Raumfahrt kennt - und wieder die Kraft des Atoms. Der Titel des Abschnitts lautet “Fiat Voluntas Tua", gemeint ist aber wohl der Wille des Menschen.

Der Leser fühlt leise Beklemmung, wenn der Autor hier in seinem gar nicht besonders neuen Buch eindringlich das Thema der Euthanasie behandelt. Wir erfahren, daß es nichts Neues gibt unter der Sonne und der ganze Fortschitt nur Windhauch ist.

Miller war ein Pessimist, zweifellos. Aber er verfügte zugleich über Humor und Ironie. Er war außerdem Christ, und deshalb entläßt er den Leser nicht ganz ohne Hoffnung. Mehr möchte ich hier aber gar nicht verraten - lesen Sie selbst.

 

Christian Berger

Walter M. Miller jr. “Lobgesang auf Leibowitz", Heyne-Taschenbuch, München 2000, 428 Seiten

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