VISION 20005/2005
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Wer wirklich glaubt, erzählt das weiter

Artikel drucken Mission gehört zum Christsein dazu

In seiner Mai-Ausgabe gab das US-amerikanische Monatsmagazin The Catholic World Report ein Interview des Time-Magazins mit Kardinal Joseph Ratzinger aus dem Jahr 1993 wieder. Eine der Fragen bezog sich dabei auch auf das Thema Mission:

Der Weltkatechismus spricht auch das Thema Mission an. Liberale Christen lehnen es ab, nichtkatholische Gläubige zu bekehren. Sie bezeichnen das als religiösen “Imperialismus" und die Anhänger eines anderen Glaubens als “anonyme Christen", die man nicht bedrängen sollte. Was antworten Sie darauf? Stimmt es noch, daß es außerhalb der Kirche kein Heil gibt?

Kardinal Joseph Ratzinger: Wir müssen hier sorgfältig drei Fragen, die sie gestellt haben, auseinanderhalten. Ihre erste Frage lautet: Ist Mission eine Art religiöser Imperialismus? Dieser Eindruck ist in der Neuzeit entstanden, als Mission und Kolonialismus sich verbündet hatten. In gewisser Hinsicht sahen die europäischen Mächte tatsächlich die Ausbreitung der Christenheit als Mittel der Machtabsicherung an.

Aber selbst da traf dies nur beschränkt wirklich zu. Denn die spanischen Conquistadoren sahen die Aktivitäten der Franziskaner, Dominikaner und der anderen Missionsorden nur allzu oft als Behinderung ihrer Anliegen an - und das zurecht, denn die Taufe vermittelte den Eingeborenen denselben Rechtsstatus, den auch sie hatten. Auch setzten die Missionare den Ambitionen der Eroberer Grenzen. Ähnliches geschah im 19. Jahrhundert.

Entscheidend wichtig ist es, zum Ursprung des Begriffs Mission zurückzukehren. Nach der Hinrichtung von Stephanus und des Apostels Jakobus, als die Christen damit begannen, den Namen Jesu “bis an die Enden der Erde" zu tragen, verfügten sie über keinerlei Unterstützung von Seiten irgendeiner Macht. Sie konnten ihren Jüngern nur Verfolgung in Aussicht stellen. Die aber waren von der Überzeugung getragen, daß sie etwas gefunden hatten, das sie nicht für sich behalten konnten: die rettende Wahrheit, wie der Mensch leben sollte. Es gibt Dinge, die müssen weitergegeben werden, weil sie nicht dem einzelnen allein gehören. Der Glaube - dort, wo er in seiner Fülle erkannt worden ist - gehört dazu.

Ihre zweite Frage: Sind nicht alle Menschen anonyme Christen? Ehrlich gesagt, ich sehe das als eine eher mißglückte Redewendung an. Ein Muslim könnte mit derselben Berechtigung sagen, wir seien alle anonyme Muslime, und so weiter. Es stimmt schon, daß das Christentum geistig mit allen anderen großen Religionen in Verbindung steht, daß alle religiösen, ebenso wie die großen kulturellen Strömungen einander gewissermaßen von innen her berühren. Deswegen aber zu sagen, jeder sei ein Christ, ob er es nun weiß oder nicht, ob er es will oder nicht, erscheint mir seltsam. Ich würde das eher als einen spirituellen Imperialismus bezeichnen.

Ihre dritte Frage: Trifft es immer noch zu, daß es außerhalb der Kirche kein Heil gibt? Wir müssen uns in Erinnerung rufen, daß dieser Satz im 3. Jahrhundert vom hl. Cyprianus in einer konkreten Situation geprägt worden ist. Damals gab es Menschen, die meinten, sie wären bessere Christen. Sie waren unzufrieden mit der Bischofskirche und hatten sich von ihr getrennt. Als Antwort auf diese Situation sagte Cyprianus, daß die Trennung von der kirchlichen Gemeinschaft den Menschen auch von der Rettung trenne.

Er wollte damit jedoch nicht eine Theorie über das ewige Schicksal aller getauften und nicht getauften Personen entwickeln.

Die Kirchenväter haben immer zwei Gesichtspunkte in Erinnerung gerufen. Einerseits wollten sie verdeutlichen, daß das Christentum “so alt wie die Menschheit", daß Rettung immer möglich sei, weil man immer den Weg, der zu Christus führt, einschlagen könne. Ganz konkret wird das etwa, wenn der hl. Clemens von Rom sagt: Zu jeder Zeit sei es für jedermann möglich gewesen, Buße zu tun, und damit das Wesentliche von dem zu leben, was Christus von uns erwartet.

Und der andere Gesichtspunkt: Die Kirche ist kein Selbstzweck, sondern sie dient dem Ganzen. So wie Israel von dem Wissen beseelt war, daß es auserwählt sei, um eine Mission für die ganze Menschheit zu erfüllen, so wußten es die Christen (von sich selbst) in einer noch tieferen Weise von Christus her. Auch wenn sie quantitativ nicht alle erreichen können, so ist dennoch das, was sie sind und tun, für alle von Bedeutung. In diesem Sinn, ist ihr missionarischer Eifer wesentlich. Hören sie nämlich auf, ihren Glauben zu verkünden, so ist das ein Zeichen dafür, daß sie ihn nicht mehr richtig verstehen und leben.

Kardinal Joseph Ratzinger

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