VISION 20005/2005
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Das Abbild des Gottessohnes

Artikel drucken Der Stand der Grabtuchforschung (Von Karl-Heinz Fleckenstein)

Der Film "Die Passion Christi" hat viele Menschen berührt und aufgerüttelt. Regisseur Mel Gibson mutet dem Zuschauer das unbeschreibliche, grausame Leiden des Gottmenschen Jesus zu. Bilder der Erniedrigung, die sich vom Turiner Grabtuch ablesen lassen.

Die ersten Erfolge bei der Erforschung des Grabtuchs liegen ein Jahrhundert zurück: Während der Ausstellung des Leichentuches im Jahres 1898 schoß der Hobbyfotograf Secondo Pia die ersten Bilder vom Tuch. Bei der Entwicklung des Films stellte er überrascht fest, daß Gesicht und Figur auf dem Tuch ein fotografisches Negativ darstellen. Damit war es erstmals möglich, im Positiv die Gestalt auf dem Grabtuch zu sehen. Seitdem haben mehr als 30 Gelehrte aus aller Welt das Abbild mit wissenschaftlicher Akribie untersucht: Christen, Juden, Agnostiker... Das Grablinnen hat die Größe von 4,36 x 1,10 Meter. Es lassen sich darauf 700 Blutflecken nachweisen, die man unmöglich hätte künstlich produzieren können. Das Blut wurde mikroskopisch, spektographisch, chemisch und immunologisch untersucht: Es ist menschliches Blut, Blutgruppe AB.

Neben den Blutspuren ist die im Linnen eingeschlagene Vorder- und Rückseite des ganzen Körpers abgedrückt: das Bild eines ausgepeitschten Mannes. Auf seinem Kopf zeigen sich 50 bis 60 Dornenstiche. Das Gesicht ist angeschwollen durch einen heftigen Hieb mit einem Stock und durch andere Schläge. Hände und Füße sind mit Nägeln durchbohrt. Der Mann ist mit einer Lanze zwischen der fünften und sechsten Rippe durchstochen. Dort zeigen sich postmortale Blutspuren.

Immer noch stellen sich die Wissenschaftler jedoch die Frage: Was ist der physische Mechanismus, der dieses Antlitz durch Oxydation und Dehydration auf der Außenfaser des Linnens hervorgebracht hat? Dieses detaillierte, dreidimensionale Bild ist zudem nicht durch einfachen Kontakt mit dem Grabtuch entstanden; denn es existiert auch dort, wo der Körper das Leinen nicht berührt hat.

Da es heute unbestreitbar ist, daß das Leichentuch um einen Körper gewickelt war, kann nach Ansicht der Wissenschaftler das Abbild nur das Resultat eines Ausströmens von diesem Leib gewesen sein: einer Ausströmung von Licht, Wärme, von Strahlen oder irgendeiner anderen Natur, über die man bis jetzt noch keine Aussagen machen kann. Auf jeden Fall sind keinerlei Zeichen der Verwesung auf dem Tuch zu erkennen.

So hat sich bei manchem Forscher die Frage aufgedrängt, ob vielleicht der Vorgang der Auferstehung die Ursache für das Tuchbild gewesen sein könnte. Ein endgültiger, schlüssiger Beweis muß jedoch noch erbracht werden.

Die Hypothese einer mittelalterlichen Fälschung kann eigentlich nur die Neugierde jener wecken, die sich oberflächlich mit dem Grabtuch beschäftigen.

Diese Hypothese machte nach einem Radiokarbontest in den Laboratorien Oxford, Tuscon und Zürich 1988 weltweit Schlagzeilen. Dem Test zufolge wäre das Linnen zwischen 1260 und 1390 zu datieren. Diese Resultate wurden seither von namhaften Wissenschaftlern angefochten und ernsthaft infragegestellt. Eindeutig widerlegt das Grabtuch selbst diese Testergebnisse: Die Art der Herstellung des Stoffes, das Vorhandensein von Spuren antiker ägyptischer Baumwolle und das Fehlen tierischer Fasern stellen das Gewebe in das syrisch-palästinensische Gebiet um das erste Jahrhundert.

Darüberhinaus findet sich eine Fülle von Blütenpollen aus dem mittelorientalischen Raum. 1973 hatte der Mikrobotaniker und Kriminalist Max Frei aus Zürich 58 Pflanzenarten auf dem Linnen identifiziert. 44 davon sind für die Flora in und um Jerusalem charakteristisch. Das bestätigten auch jüdische Gelehrte: Prof. Aharon Horowitz und der Geobotaniker Avinoam Danin aus Tel Aviv. Sie gehen von der Überzeugung aus, das Tuch müsse im Raum von Jerusalem hergestellt worden sein.

Dazu fanden die Wissenschaftler auf den Augen des Mannes Spuren zweier Münzen, die 29 n. Chr., also unter Pontius Pilatus, geprägt worden waren. All das steht in vollem Einklang mit den archäologischen und geschichtlichen Daten.

Die Forschungsergebnisse sind wie ein Indizienbeweis: Ein zum Tod Verurteilter wurde mit Nägeln ans Kreuz geschlagen und nach seinem Tod eilig beigesetzt. Deshalb hat man den Leichnam nicht gewaschen.

Auf der rechten Brustseite erscheint eine große Wunde mit dem Erguß einer serösen Flüssigkeit, das heißt von Blut und Wasser. Also mußte zu diesem Zeitpunkt schon der Tod eingetreten sein. Das Grab dürfte ein Bankbogen- oder Banktroggrab gewesen sein. Bei einem Backofen- oder Kokimgrab hätte man nicht die Möglichkeit gehabt, die oben liegende Hälfte des Tuches an den Seiten aufzulegen. Das erhabene Antlitz des Toten sagt: Dieser Gekreuzigte war kein Verbrecher.

Das Tuch stammt aus der Zeit Jesu und wurde durch die Jahrhunderte hindurch trotz der bewegten Wechselfälle der Geschichte bewahrt. Die Existenz des Grabtuches ist kaum vorstellbar ohne das leere Grab.

Schon seit Jahrzehnten versuchen Wissenschaftler das Abbild des Gekreuzigten reliefhaft darzustellen. Endlich ist es zu Beginn des neuen Jahrtausends gelungen, durch eine Kombination fortgeschrittener Wissenschaftsmethoden und künstlerischem Engagement eine dreidimensionale Figur des Mannes auf dem Grabtuch zu schaffen.

Wer heute in Bologna das “Heilige Jerusalem", die älteste Kirche der Stadt betritt, der sieht: An den Stufen zum Altar im Zentrum des Gotteshauses liegt ein bronzener Körper: nackt, mächtig, königlich. Das Werk ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit von Wissenschaft und Kunst: des Anthropologen Prof. Fiorenzo Facchini und des Anatomen, Prof. Lamberto Copini, des Dozenten für mechanische und thermische Messungen Giulio Fanti und des Künstlers Prof. Luigi Mattei. Mit Hilfe modernster Technologie speicherten sie die Daten der Gestalt auf dem Grabtuch und übertrugen deren Maße in eine dreidimensionale Form. Die Ergebnisse übersetzte der Künstler dann zu einer lebensgroßen Statue.

Dazu Fiorenzo Facchini, Anthropologe und Priester: “Es war natürlich nicht möglich, in der Statue alle die Stigmata, die die Geißelung hinterließ, sichtbar zu machen. So einigten wir uns auf die größten Wunden in bezug auf die Kreuzigung und die Gesichtsverletzungen beim Sturz auf dem Weg nach Golgota. Gleichzeitig kann man sehen, daß die rechte Schulter etwas tiefer liegt, wahrscheinlich infolge der schlechten Lage des Kreuzesquerbalkens, den der Verurteilte tragen mußte."

Auf die Frage, was bei der Untersuchung des Abbilds an neuen Erkenntnissen ermittelt wurde, antwortet Facchini: “Der Mann auf dem Grabtuch war eine Person mit guter körperlicher Kondition, robust. Außerdem von einer außerordentlichen Schönheit, die die Menschen faszinieren mußte. Der mächtige Rumpf verrät, daß er eine kräftige Stimme besaß, die fähig war, von vielen Menschen in einem weiteren Umkreis gehört zu werden. Das entspricht genau dem Jesus des Neuen Testaments.

Die Füße sind groß und breit, die Sohlen stark wie bei einer Person, die viel und auch barfuß wandert. Es fällt auf, daß der Bart an der rechten Seite etwas kürzer ist. Wahrscheinlich wurde er an dieser Stelle während der Geißelung zum Teil weggerissen. All das hat man wissenschaftlich getreu auf der Statue berücksichtigt. Hier haben wir das erste dreidimensionale, wissenschaftlich authentische Abbild des Mannes auf dem Turiner Grabtuch vor uns. Und wenn dieser Mann Jesus ist, dann stehen wir vor dem getreuen Portrait des Mannes von Galiläa."

Der Autor ist Archäologe in Israel.

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