VISION 20005/2005
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Keine Angst, auf die Straßen zu gehen

Artikel drucken Beispiel einer erfolgreichen Bemühung, den Menschen in der Großstadt Christus zu bringen

Ist Mission überhaupt etwas für eine Dompfarre, die mitten in der Großstadt liegt? Haben Sie nicht genug Verwaltungstätigkeit und Sorge mit der Erhaltung der Bausubstanz?

Dompfarrer Anton Faber: Das war für uns immer eine Frage: Sollen wir uns nicht mit dem begnügen, was wir ohnehin zu tun haben. Oder sollen wir nicht wacher auf jene schauen, die entweder als Touristen oder als Suchende und Fragende zu uns kommen? Sollen wir nicht offensiv auf sie zugehen, sie nicht nur als Partner betrachten, die bei uns Geld abliefern und dafür Sehenswürdigkeiten zu sehen bekommen?

Und was war das Ergebnis dieser Überlegungen?

Faber: Wir haben im Jahr 2000 eine erste große Pfarrmission unternommen. In der Vorbereitung war es gar nicht so einfach, den Pfarrmitgliedern verständlich zu machen, daß Mission nicht bedeutet, nach Afrika zu fahren, um dort die Menschen zu bekehren, sondern daß Mission bedeutet, Zeugnis zu geben für das, was unser Leben bestimmt.

Was war also das besondere ihrer Pfarrmission im Jahr 2000?

Faber: Wir haben die Tore des Stephansdomes aufgemacht und die Menschen eingeladen zu kommen, um ihnen zu sagen, daß unsere Aktivitäten nicht nur für Insider da seien, sondern für alle, die bereit sind, unser Angebot anzunehmen. Wir haben etwa die Menschen zu einem Gebetsabend in den Dom eingeladen, sind dazu an einem Samstag Abend von vier verschiedenen Punkten der Innenstand aus zum Dom gegangen, jeweils 30 bis 40 Leute, mit Kerzen in der Hand. Sie haben Passanten angesprochen: “Dürfen wir Sie zu einem Gebetsabend in den Dom einladen?" Hunderte haben der Einladung Folge geleistet.

Wieviele Mitglieder der Dompfarre haben sich an dieser Pfarrmission beteiligt?

Faber: Mehr als 100 haben aktiv mitgemacht. Zuerst mit weniger, dann aber mit wachsendem Mut. Von der Gemeinschaft Emmanuel, mit der wir die Pfarrmission organisiert haben, auch über 100. Diese Gemeinschaft hat viel Erfahrung mit Pfarrmissionen. Sie hat uns wirklich Mut zu unserer Initiative gemacht.

Sind Sie selbst bei dem Sternmarsch mitgegangen?

Faber: Ja. Aber ehrlich gesagt: Ich hatte nicht so viel Mut, Passanten anzusprechen. Ich habe gesagt, ich würde die Kerzen tragen und die anderen sollten die Leute ansprechen. Bei der Stadtmission im Jahr 2003 bin ich allerdings selbst mit Rollerskates durch die Innenstadt gefahren und habe die Menschen in den Dom eingeladen.

Zeigt eine solche Initiative nachhaltige Wirkungen?

Faber: Der Vorwurf des Strohfeuers wird oft gemacht. Gerade aus der Erfahrung, daß meine Mitarbeiter neuen Mut schöpfen konnten, habe ich Initiativen, die wir im Rahmen der Missionswoche gemacht hatten, dann fortgeführt. Allein damit steht die Nachhaltigkeit unter Beweis. Wir haben seither regelmäßige Festmahle für die Armen, drei-, viermal im Jahr. Weiters haben wir monatlich eine Messe für Leidende eingeführt. Da wird nach dem Gottesdienst für Kranke und Leidende gebetet.

Wird das angenommen?

Faber: Absolut. Jedesmal kommen da 100 bis 150 Leute. Wir haben weiters im Dom eine Fürbitt-Box aufgestellt. Jede Woche landen da hunderte Anliegen - in den verschiedensten Sprachen - in dieser Kiste. Bei der Messe für die Leidenden und in der Stunde der Barmherzigkeit wird dann für diese Anliegen gebetet. Es ist die Offenheit, missionarisch in die Stadt hineinzuwirken, absolut gewachsen. Wir feiern monatlich eine Stunde der Barmherzigkeit, eine Gebetsstunde mit Anbetung. Das Allerheiligste wird ausgesetzt. Hunderte Kerzen stehen rund um das Allerheiligste auf dem Altar. Die Menschen werden aufgefordert, selbst Gebetsanliegen zu formulieren, die eigenen Sorgen und Freuden in eine “Joy and worry box" zu legen, sich aus einer Kiste einen Bibelspruch zu nehmen, der Ermutigung oder Trost schenken kann. Es wird füreinander gebetet. Dazu stehen kleine Gebetsteams bereit. Ihnen kann man sein Anliegen anvertrauen.

Dort geht man einfach hin?

Faber: Ja. Man sagt ihnen das Anliegen und sie beten für einen. Viele nützen dieses Angebot. Das ganze Geschehen findet bei schöner Musik statt. Ein Moderator erklärt in bestimmten Zeitabständen: “Wir sind hier im Herzen der Stadt zum Gebet zusammengekommen und laden Sie ein, sich uns anzuschließen. Sie können auch das Angebot der Beichte oder der Aussprache bei einem Priester annehmen."

Gehen die Leute da tatsächlich beichten?

Faber: Gerade das Sakrament der Buße, das ja vielerorts ganz wenig in Anspruch genommen wird, ist im Rahmen eines solchen Gebetsabends eine sehr gute Gelegenheit, daß Menschen einen Neubeginn wagen. In dieser Gebetsstimmung merken viele: Da ist in meiner Geschichte noch etwas begraben, was einem Zuspruch der Versöhnung bedarf. Viele überschreiten in dieser Atmosphäre leichter die Hemmschwelle zur Beichte, um Ordnung in ihrem Leben zu schaffen - vor allem da, wo Priester öffentlich das Sakrament anbieten. Man kann sehen, wie die Priester da mit einem Beichtenden sitzen und für ihn dann beten - selbstverständlich ohne daß man etwas davon hört.

Kommen da auch Menschen, die schon sehr lange nicht gebeichtet haben?

Faber: Das ist eine typische Erfahrungen bei diesen Gebetsabenden. Da gibt es Menschen, die seit 30, ja seit 60 Jahren nicht gebeichtet haben. Ich erinnere mich an eine 80jährige Frau. Sie war geschieden, war mit manchem in ihrer Lebensgeschichte uneins. Obwohl sie nicht wiederverheiratet war, war sie nach ihrer Scheidung nicht mehr bei der Beichte. Sie hat in der Zeitung gelesen, anläßlich unserer Pfarrmission gebe es einen Abend der Barmherzigkeit. Sie hat sich gedacht: Vielleicht ist der Herrgott mit mir barmherzig, und ist zu diesem Abend - und dann auch zur Beichte - gekommen. Allein für sie hat sich alle Bemühung der Pfarrmission 2000 gelohnt.

Sie haben kurz angedeutet, daß die Mission den Missionaren so gut tut. Können Sie dazu etwas mehr erzählen?

Faber: Die Grundhaltung der Katholiken war in den letzten Jahren sicher von der Erfahrung geprägt: Wir werden immer weniger, die religiöse Praxis nimmt ab - werden wir aussterben? Diese resignierte, leicht depressive Haltung ist in katholischen Kreisen immer wieder festzustellen. Durch die missionarischen Aktivitäten haben die Mitarbeiter - und ich selbst auch - deutlich erfahren, welche Sehnsucht der Menschen festzustellen ist nach dem, was wir als unseren innersten Schatz besitzen und weiterzugeben versuchen. Wir stehen also nicht auf verlorenem Posten.

Wie macht die Jugend bei diesem Geschehen mit?

Faber: Sehr gut. Viele andere Initiativen stoßen oft ins Leere. Aber bei diesen Aktionen, bei diesen verschiedenen ungewöhnlichen Weisen hinauszugehen, war die Jugend unserer Pfarre sehr interessiert. Daß das Geschehen, wie bei den Weltjugendtagen, einen gewissen Event-Charakter hat, kommt dem Zugang der Jugend natürlich entgegen. Aus der Missionswoche haben wir den Mut bekommen, auch beim Donauinselfest aufzutreten. Und da merken wir: Wir sind gefragt, wenn wir ein christliches Zeugnis geben - auch bei der Jugend

Haben Sie selbst miterlebt, wie sich die Kirche am Donauinselfest präsentiert?

Faber: Heuer war ich drei Tage dort. Man muß sich vorstellen: Da kommen drei Millionen Menschen hin! Und als Katholische Kirche sind wir eine von 20 oder 25 Bühnen in guter Zusammenarbeit mit der “You-Band". Das sind gute Leute. Ich selbst bin kein Spezialist für moderne Jugendmusik. Heuer hatten wir das Glück, daß Patrick Nuo - von uns gechartert, als er noch nicht so bekannt war - in der Hitparade ganz vorne lag. Er hat tausende Jugendliche angezogen. Das Motto am Donauinselfest war: "Key2life", der Schlüssel zum Leben. Das blieb selbstverständlich nicht bei der Musikschiene stehen, sondern ging tiefer - in einem Umfeld, in dem Hitze, Alkohol, Massenansturm das Geschehen mitprägen. Unser Angebot wurde positiv angenommen.

Hatten Sie dort selbst Begegnungen mit Jugendlichen?

Faber: Ich bin bei der Bühne gestanden und habe gemerkt, wie überrascht die Menschen waren, daß wir dort, wo Spaß und Freude an erster Stelle stehen, anwesend sind. Offenbar werden wir nach wie vor als moralisierende Instanz wahrgenommen. Wenn wir bei einem Fest präsent sind, gute christliche Popmusik und Gespräche anbieten, überrascht das positiv.

Wir hatten neben der Bühne auch ein Anbetungszelt, einen Bereich der Begegnung, wo wir Jugendlichen erklären konnten, warum wir das tun. Die Jugendliche lassen sich durchaus in tiefere Gespräche verwickeln.

Zu solchen kommt es?

Faber: Ja. Die Jugendlichen bleiben stehen, lassen sich anreden, stellen Fragen und reagieren positiv staunend. Sie nuzten die Gelegenheit, um mit einem Mönch zu sprechen oder mit einem Jugendlichen, der für die Katholische Kirche steht. Und so machen sie vielleicht einen Schritt zum Glauben.

Was haben Sie persönlich durch all diese Initiativen gewonnen?

Faber: Vor allem habe ich eine neue Freude an der Selbstverständlichkeit unseres missionarischen Zeugnisses gewonnen. Wir brauchen uns nicht für die Kernschätze unseres katholischen Glaubens genieren: die Heilige Messe, die Anbetung, das Sakrament der Versöhnung, das Zugehen auf andere, all das ist gefragt. Wir sind als Katholiken keine aussterbende Rasse, als Kirche kein sterbender Riese. Unser christliches Zeugnis kann gut ankommen, auch wenn wir es nicht überprofessionell anbieten. Jeder Katholik hat da etwas zu bieten. Es werden uns Verfolgungen und Verleumdungen, manche Angriffe nicht erspart bleiben. Aber das Geschenk zu erfahren, wie sehr wir in dieser Welt gefragt sind, überwiegt das alles.

Das Gespräch führte Christof Gaspari.

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