VISION 20005/2005
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Manchen wurde eine tiefe Bekehrung geschenkt

Artikel drucken Vier Tage als Beichtpriester beim Weltjugendtreffen in Köln

Vier Tage war P. Florian in Köln, um Beichte zu hören. Er erlebte dabei, daß auch dieses Weltjugendtreffen ein Ereignis mit Tiefgang war, für viele ein ein Glaubensvertiefung, ein neuer Aufbruch mit Jesus.

Welche Eindrücke bringst Du aus Köln mit?

P. Florian Calice: Die Medien erleben ein Weltjugendtreffen eigentlich von außen, also von der wunderbaren Stimmung unter den Teilnehmern her, die sie jedoch gleichzeitig auf ihren Tiefgang hinterfragen. Wenn man allerdings in diesen Tagen viele hundert Beichten hört, erkennt man, daß das Weltjugendtreffen etwas ganz Großes ist. Bei diesem Treffen ist mir besonders aufgefallen, daß die vielen Jugendlichen, die beichten kommen, von Gott so berührt werden, daß sie in Tränen ausbrechen. Das erlebe ich als Priester sonst nur ganz selten. Diesmal hat es sich in Köln aber richtig durch das Beichtgeschehen gezogen.

Wie hat sich das Beichten dort abgespielt?

Calice: Beginnend am Rhein gab es einen schönen Prozessionsweg, den die Pilger gegangen sind. Aus Lautsprechern war Musik und Gebet in verschiedenen Sprachen zu hören - so dezent, daß jede Gruppe auch für sich selber ein Gebet hätte gestalten können. Dieser Weg führte den Rhein entlang in den Dom zu den Reliquien der Weisen aus dem Morgenland. Von dort ging der Weg weiter über den Rhein zu einem offenen Gelände, wo alle zwei Stunden internationale Messen für die gerade ankommenden Pilgergruppen gefeiert wurden. Dahinter war ein überdimensionaler Beichtstuhl aufgebaut, zwei Hallen, eine mit dem Weltjugendtagskreuz, eine mit dem Allerheiligsten. Links und rechts davon waren dann 100 bis 200 Beichtstühle, in denen Priester in verschiedenen Sprachen Beichte angeboten haben...

Richtige Beichtstühle?

Calice: In der riesigen Messehalle standen rund 100 Tische mit Schildern, die darauf hingewiesen haben, in welcher Sprache die Priester jeweils die Beichte hörten. Es war interessant zu sehen, daß mit fortschreitender Zeit - die Jugendlichen mußten offenbar erst “warm werden" - die Schlangen der Beichtenden immer länger geworden sind. Auffallend war, daß die Priester, die nur Deutsch angeboten haben, leider nicht so viel zu tun hatten. Wer wie ich auch Italienisch oder Französisch angeboten hat, konnte sich des Ansturms kaum erwehren...

Weil so viele deutsche Priester da waren?

Mag sein, daß das auch mitgespielt hat. Aber es ist einfach eine Tatsache, daß die jungen Italiener mit größter Selbstverständlichkeit beichten gehen, auch die Franzosen, Spanier und die englischsprachigen Teilnehmer...

Gibt es auch Unterschiede in der Art zu beichten?

Calice: Ja, das kann man ja ganz anonym sagen. Bei deutschen Jugendlichen gab es sehr oft Gespräche über ihre Schwierigkeiten mit der Kirche. Und bei den italienischen Jugendlichen ging es vor allem um den Umgang mit den Geboten und um die persönlichen Bemühungen, das Evangelium zu leben. Sehr berührend war es zu sehen, daß es schon unter den Jugendlichen echte Christen gibt, die unter schwierigen Umständen mit großer Entschiedenheit versuchen, nach dem Evangelium zu leben: Jugendliche, die befreundet sind - ob schon auf dem Weg zur Ehe oder nicht - versuchen ihre Beziehungen nach der Lehre der Kirche zu leben; Jugendliche, die sich bemühen, Zeugnis für das Evangelium abzulegen, denen es leid tut, wenn sie es am Arbeitsplatz oder unter den Freunden nicht so schaffen...

Da besteht also schon ein wirkliches missionarisches Bewußtsein...

Calice: Ja, ganz ausgeprägt, besonders unter den italienischen Jugendlichen. Da gibt es auch eine große Selbstverständlichkeit, daß man am Sonntag in die Kirche geht.

Sind auch eher Fernstehende zur Beichte gekommen?

Calice: Man hat in diesen Tagen auch Jugendliche erlebt, die eine ganz tiefe Bekehrung geschenkt bekommen haben. Sie sind aus den unterschiedlichsten Gründen zum Weltjugendtreffen gekommen: um junge Leute zu treffen, eine Reise zu machen, aber nicht um sich Katechesen anzuhören. Weil sie dann aber doch bei Katechesen waren, sind sie draufgekommen, daß Gott in ihrem Leben eine viel zu geringe Rolle spielt. Sie waren plötzlich mit einer Wahrheit konfrontiert worden _ “Wir sind gekommen, um ihn anzubeten" war das Thema -, an der ihr Leben völlig vorbeigegangen war. Viele haben mit großem Schmerz gesagt: “Mein Leben geht ja ganz an Gott vorbeigegangen!" Und viele hatten Sehnsucht, gläubig zu werden.

Ist Dir sonst noch etwas aufgefallen?

Calice: Viele Jugendliche hatten mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, weil bei so großen Menschenmengen enorme organisatorische Probleme auftreten. Man muß die jungen Leute wirklich sehr bewundern, weil sie oft viele, viele Stunden auf etwas warten mußten: auf das Essen, den Zug - stehend, in der Hitze. Oft haben sie zu wenig zu essen bekommen. In ihren Beichten war das häufig ein Thema, daß sie da ärgerlich, kritisch oder ungeduldig geworden seien. Das hat sie zutiefst betrübt. Es hat mich beeindruckt, daß sie erkannten: Das Weltjugendtreffen erfordert von mir einen Geist der Pilgerschaft, also auch einer gewissen Buße und ich muß da mein Bestes geben. Man konnte sehen, wie Gott das herbeigeführt hat - alles ist ja von der Vorsehung gelenkt -, um die Jugendlichen auf die vielen Gnaden vorzubereiten, die sie bekommen haben. Sie mußten eben zunächst innerlich “auf dem Zahnfleisch gehen". Das ergab eine Zerknirschung, die für das Wesentliche geöffnet hat: sich zu wünschen, Jesus zu begegnen.

Und wie erlebst Du als Priester einen solchen Ansturm auf die Beichte?

Calice: Es war eine einzigartig schöne Erfahrung, so schön, daß es möglich ist, sechs oder sieben Stunden hindurch Beichte zu hören, ohne auch nur eine Sekunde Pause zu machen. Das geht eigentlich nur, weil es so schön ist. Natürlich ist es anstrengend, weil man sehr intensiv zuhören muß. Außerdem ist es nicht immer leicht, sich in verschiedenen Sprachen auszudrücken. Aber insgesamt ist es das Schönste, was man sich als Priester vorstellen kann.

Was war in Köln besonders im Vergleich zu den bisherigen Weltjugendtreffen?

Calice: Ich war in Paris, Rom und Toronto, also den letzten Treffen mit Johannes Paul II. Was mir auffällt: Der Gedanke, daß der Papst als Popstar gefeiert wurde, ist für mich eindeutig widerlegt. Denn für mein Empfinden hat Johannes Paul II. aufgrund seiner natürlichen Gaben, aber auch aufgrund seiner unglaublichen Persönlichkeit, seiner Väterlichkeit, die durch all die Jahre seines Amtes herangereift ist, eine ganz andere Ausstrahlung gehabt als Papst Benedikt. Dieser hat im Vergleich zu seinem Vorgänger eine fragilere Stimme, er wirkt in seinen Bewegungen vielleicht eine Spur unbeholfen, etwas schüchtern - und trotzdem ist die Begeisterung der Jugend völlig identisch. Daran sieht man, daß die Jugendlichen das Wesentliche erfassen: Es geht um die Begegnung mit dem Petrus, nicht um einen Menschen, da da verehrt wird. Wer immer Papst wäre, die Jugendlichen würden ihm die Gefolgschaft zum Ausdruck bringen wollen. Das zeigt eine unglaubliche Reife im Verständnis dessen, was die Kirche ist.

Das Gespräch führten Alexa und Christof Gaspari im Rahmen der Sendung von Radio Maria Österreich: "Der Papst, die Jugend und die Welt" am 21. August 2005. Einen Mitschnitt dieser Sendung (sie hat von 20 bis 22 Uhr gedauert) kann unter der Tel.nr. 0043 (0)1 7107072 bestellt werden.

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