VISION 20006/2010
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Wir setzen bei den Frauen an

Artikel drucken Mission unter Muslimen (Marie-Catherine Kingbo)

Seit mehr als vier Jahren wirkt Sr. Marie-Catherine (siehe Portrait 1/09) als Missionarin unter Muslimen im Niger. Kürzlich hielt sie sich zu medizinischen Untersuchungen in Wien auf. Wir haben sie gefragt, welche Erfahrungen sie im Umgang mit den Muslimen gesammelt hat.

Familie gilt als hoher Wert im Christentum wie im Islam. Wie sieht das bei letzterem tatsächlich aus?
Sr. Marie-Catherine Kingbo:
Auf die Familien wirkt sich der Islam stark aus, besonders auf die Stellung der Frauen. Sie sind in ihrer Freiheit sehr eingeschränkt, dürfen nicht Beschäftigungen nachgehen, wie sie es gerne täten, nicht die Schule besuchen, so wie sie es wollten. Schon nach der Volksschule müssen sie ausscheiden, weil sie ganz jung verheiratet werden – fast immer gegen ihren Willen. Sie hätten lieber weitergelernt. Die Jugendlichen wiederum haben keinerlei Freiheit, sich zu Fragen des eigenen Glaubens zu äußern. Über wesentliche Fragen sprechen sie sehr unterschiedlich, je nachdem in welchem Umfeld sie sich befinden. Von einem Glaubenswechsel ist keine Rede. Wollten sie Christen werden, wäre das die Katastrophe schlechthin. Die Familie würde sie ausstoßen. Und das ist nicht nur eine Frage der Bildung. Es gibt sehr gebildete Leute, die gleichzeitig sehr fundamentalistisch sind.

Wie ist das Verhältnis von Männern und Frauen?
Sr. Marie-Catherine:
Was die Mann-Frau-Beziehung anbelangt, kann man keine generelle Aussage machen. Was mir aber in den Dörfern, für die wir tätig sind, aufgefallen ist: Seitdem wir mit den Mikrokrediten, den Babyernährungsprogrammen und dem Getreidebank-Projekt, die den Frauen zugute kommen, begonnen haben, hat das die Frauen aufgewertet. Da waren ja plötzlich Leute, die sich für die Belange der Frauen einsetzten! Das hat in der Folge dazu geführt, daß sich die Männer mehr um ihre Frauen bemühten. Wir merken hier einen Mentalitätswechsel. Denn die Frauen standen bisher immer in der zweiten Reihe. Ein großes Problem sind die vielen Scheidungen. Es genügt, daß der Mann dreimal vor Zeugen ausspricht, daß er sich von der Frau lossagt. Wenn Frauen – meist wegen schlechter Behandlung – es nicht mehr aushalten, verlassen sie einfach den Haushalt. In beiden Fällen ist ihr Schicksal dann meist die Prostitution in den Städten. Die Frauen bedürfen da wirklich einer Befreiung: Sie werden viel zu früh zur Ehe gezwungen, aus den Schulen genommen. Und dabei liegt die Hauptlast der familiären Sorge auf ihnen. Daher setzen wir so stark bei den Frauen an.

Inwiefern trägt die Gewährung von Mikrokrediten dazu bei?
Sr. Marie-Catherine
: Wenn wir ihnen Mikrokredite einräumen sagen wir ihnen – übrigens in Gegenwart der Dorfältesten: Dieses Geld ist für euch und eure Kinder, nicht für die Männer. Die Mikrokredite verleihen den Frauen eine gewisse Autonomie und dadurch werden sie aufgewertet. Ein Beispiel: Durch die Einnahmen aus dem Mikrokredit konnte eine Frau mit einer Ausbildung zur Krankenhilfe beginnen. Das hat sie gegenüber ihrem Mann sehr aufgewertet. Eine andere konnte ihr Kind in die Schule schicken. Auch das hat dem Mann imponiert und ihn zu mehr Engagement animiert.

Braucht es zu solchen Projekten christliche Missionarinnen?
Sr. Marie-Catherine:
Das war ja das Überraschende. Als wir mit unserer Arbeit hier angefangen haben und dann erstmals mit den Imamen und den Bürgermeistern zusammengekommen sind, da haben sie uns gesagt, daß all das, was wir hier tun, von keiner anderen Einrichtung – schon gar nicht von der Regierung – getan worden war. Die Leute dort haben an uns erlebt, daß ihnen in einer Weise geholfen wird, wie sie es vorher nie erlebt hatten – etwa durch unsere Mikrokredite. Seit 2007 haben wir diese Aktion laufen. 747 Frauen aus 17 Dörfern sind an ihr beteiligt. Sie bekommen am Beginn 23 Euro. Und wenn sie diese nach sechs Monaten zurückgezahlt haben, erhöhen wir den Betrag um weitere acht Euro. Es ist bemerkenswert wie ideenreich die Frauen dann mit diesen wenigen Mitteln umgehen. Sie können das Geld auch so gut wie immer zurückzahlen. Unsere Arbeit bewirkt auch, daß sie sich gegenseitig zu unterstützen beginnen. In unserem Zentrum knüpfen sie Beziehungen. Es ist zu einem Ort der Begegnung geworden. Wir fördern das gezielt. So entstehen Beziehungen, die im Alltag fortbestehen. Übrigens: Bei der Einweihung unseres Ernährungszentrums haben uns die muslimischen Frauen zu unserer großen Freude einen Tanz vorgeführt, der das Leben Jesu dargestellt hat.

Wie ist die Beziehung der Muslime zu Andersgläubigen?
Sr. Marie-Catherine:
Das ist von Land zu Land verschieden. Ich bin Senegalesin und habe den Islam dort anders erlebt als jetzt im Niger. Im Senegal gibt es insgesamt ein halbwegs gutes Miteinander. Christen haben einen Freiraum. Da jedoch die Toleranz, von der gern geredet wird, im Alltag nicht überall anzutreffen ist, herrscht bei Christen und Animisten doch eine gewisse Zu?rückhaltung. Im Niger gibt es weniger Toleranz. Ein Beispiel: Wir haben ein Grundstück für die Niederlassung unsere Gemeinschaft und die Errichtung einer Schule gesucht. Ein reicher Mann war bereit, mir eines zu verkaufen. Als es zur Unterzeichnung des Vertrags kommen sollte, zog er sein Angebot zurück. Muslime hatten ihm nahegelegt, sein Grundstück nicht für ein christliches Werk herzugeben.

Welche Rolle spielt die Barmherzigkeit im Islam?
Sr. Marie-Catherine:
Die gilt nur unter Muslimen. Waisenhäuser sind ausschließlich für die Muslime da. Es gibt zwar eine Unzahl von Koranschulen und Moscheen, aber es gibt kaum Spitäler, Gesundheitsstationen, allgemeinbildende Schulen. Reiche Muslime stecken ihr Geld lieber in den Bau von Moscheen als in soziale Einrichtungen.

Was sollten Christen im Umgang mit Muslimen bedenken?
Sr. Marie-Catherine:
Als erstes: Den eigenen Glauben schätzen. Christen müssen einfach im Glauben und in der Wahrheit leben. Wenn der Muslim erlebt, daß ein Christ seinen Glauben hochhält und lebt, respektiert er dies. Das sollten die Europäer bedenken. Sie müssen ihren Glauben leben. Wir haben auf unserem Gewand eine bildliche Darstellung der Fußwaschung. Da steht: Jesus ist gekommen, um uns zu dienen. Das erregt das Interesse der Muslime. Sie fragen: Wer ist dieser Mann? Und dann ergibt sich die Möglichkeit, Zeugnis zu geben. Man sollte auch nicht zu viel theoretisieren. Es geht um ein handfestes Zeugnis und um handfeste Argumente. Etwa in Sachen Kopftuch: darauf hinweisen, daß in muslimischen Ländern nicht nur von muslimischen Frauen verlangt wird, das Kopftuch zu tragen. Warum sollten sich also hier im Westen die Muslime nicht auch an die Usancen des Landes anpassen? Ähnliches mit Kirchen und Moscheen. Wie haltet ihr es und wie wollt ihr es hier?
Und noch etwas: Hier fehlt es an Respekt gegenüber der Hierarchie. Die Art, wie mit dem Papst, seiner Autorität umgegangen wird! Wir in Afrika haben vor ihm größten Respekt. Und ähnlich ist es bei den Muslimen. Sie respektieren die religiösen Autoritäten. Meinungsunterschiede wird der Muslim dem Imam gegenüber in respektvoller Weise äußern. Man muß nicht mit jeder päpstlichen Handlung und Äußerung einverstanden sein, aber man muß wahrhaftig, liebe- und respektvoll reagieren. Das fehlt in Europa. Und das schadet dem christlichen Glauben. Die Art, wie hier diskutiert und kritisiert wird, ist mir geradezu peinlich.

Womit würden wir Europäer Euch den Umgang mit den Muslimen erleichtern?
Sr. Marie-Catherine:
Noch einmal: Indem Ihr aus dem Glauben lebt – und menschlichere Umgangsformen pflegt. Die Sitten hier im Westen sind vielfach abstoßend, die Abtreibung, die Homosexualität, die Drogen beispielsweise. Dann sagen die Muslime: Schaut nur, wie ihr Christen lebt! Und noch etwas: Es ist auffallend, daß man in Europa den Muslimen gegenüber weitaus toleranter ist als gegenüber den Katholiken. Man wendet sich gegen die Kreuze in Schulen und Spitälern und empört sich, wenn in der Schweiz gegen den Bau von Minaretten gestimmt wird. Wer soll das verstehen?

Wie überlebt Ihr eigentlich dort in diesem so armen Land?
Sr. Marie-Catherine
: Da kann ich nur Gott Dank sagen. Wir sind eine junge Gemeinschaft in einem muslimischen Land. Trotz der Armut und den äußerst schwierigen Lebensbedingungen im Niger gibt es junge Leute, die mit uns leben und arbeiten wollen. Das allein ermutigt mich, mich weiter für die Entwicklung dieser Kongregation einzusetzen – auch wenn wir kein eigenes Heim, kein eigenes Grundstück haben. Wir leben zu dreizehnt in vier Räumen. Wir bestreiten unseren Unterhalt von Spenden und durch einen Mini-Handel, etwa mit kleinen Behältern mit Eis, gefrorenem Wasser. Unsere Haupttätigkeit erfolgt unentgeltlich. Die Regierung unterstützt uns nicht, die Diözese hat kein Geld. Als geistliche Schwester beziehe ich 120 Euro im Monat. Das geht für die Miete auf. Aber all das mindert unsere Freude, den Menschen dort zu dienen, nicht.
Und noch etwas: Wir erleben in all dem, daß uns die göttliche Vorsehung trägt. Irgendwie eröffnen sich immer wieder Wege. Denn: Obwohl es uns seit etwas mehr als vier Jahren gibt, betreuen wir bereits viele soziale Werke: die Sorge um leprakranke und in Haft befindliche Frauen, um Prostituierte, die Mikrokredite, die unterernährten Kinder, die schwangeren und stillenden Frauen… Für all das bekommen wir immer wieder Spenden. Was eben fehlt, ist eine regelmäßige finanzielle Unterstützung. Aber wir erfahren sehr viel materielle Unterstützung und moralische Ermutigung aus Europa. Das gibt uns das Gefühl: Wir sind nicht allein, da gehen viele mit. Und das gibt uns Mut weiterzumachen.

Marie-Catherine Kingbo ist Gründerin einer jungen Kongregation, die den Ruf bekam, den ärmsten Muslimen das Antlitz Christi zu zeigen. Das Gespräch mit ihr hat Alexa Gaspari geführt.

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