VISION 20001/2018
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Die Welt braucht Zeugen der Wahrheit

Artikel drucken Über die systematische Aushöhlung des christlichen Menschenbildes (Christof Gaspari)

Wichtige Begriffe wie Ehe, Familie, Treue, Liebe, Leben, Wahrheit… sind unklar geworden. Nicht mehr eindeutig. Man merkt es in Gesprächen. Die Beteiligten verwenden dieselben Worte, aber meinen damit jeweils etwas anderes. Wer dann behauptet, er könne den Begriffsinhalt mit Sicherheit deuten, er kenne also die Wahrheit dessen, was da bezeichnet wird, setzt sich sofort der Kritik aus. „Du magst das so sehen. Ich sehe das anders,“ heißt es dann. Und: niemand sei im Besitz der Wahrheit. So etwas zu behaupten, sei anmaßend.  

Erst kürzlich las ich einen Kommentar, der diesen Relativismus in Sachen Wahrheit deutlich aussprach: „Es gibt keine Wahrheit,“ hieß es da. „Es gibt nur unterschiedliche Wahrnehmungen.“
Natürlich gibt es unterschiedliche Wahrnehmungen, aber diese setzen die tatsächlichen Gegebenheiten nicht außer Kraft. Die unterschiedliche Fallgeschwindigkeit von Feder und Stein, die wir wahrnehmen, hebt das Fallgesetz nicht auf. Die Vermutung, die jemand hat, der mich mit meiner Tochter im Restaurant sieht, sie sei meine Freundin, hebt die Tatsache nicht auf, dass sie meine Tochter ist. Die Wahrnehmung, dass eine befruchtete Eizelle ein mehrzelliges Gebilde ist, hebt die Wahrheit nicht auf, dass es sich um einen Menschen in den Anfangsphasen seiner Existenz handelt.
Wie kam es dazu, dass uns heute mit solcher Selbstverständlichkeit in wesentlichen Fragen der Sinn für das Wahre abhanden gekommen ist? Der Grund: Die Wahrheit wird heute systematisch, Schritt für Schritt – wenn auch möglichst unauffällig – ideologisch ausgehöhlt, ja geradezu in ihr Gegenteil verkehrt.
Dieser Kampf findet seit Jahrzehnten schleichend statt. Er steht unter dem Stern der Diktatur des Relativismus. Scheibchenweise wird am Abbau des Selbstverständlichen gearbeitet. Mit großer medialer Unterstützung wird das, was ohnedies klar ist, zunächst in Frage gestellt. In geschickt inszenierten Diskussionen präsentiert man Ausnahmefälle und extreme Notsituationen, in denen es bei Anwendung der bestehenden Regeln zu Härten kommen würde. Typisch die immer wieder zitierte vergewaltigte, alleinstehende Frau, die jetzt schwanger ist und nicht ein und aus weiß – um Abtreibung zu rechtfertigen.
Damit sind wir bei der ersten massiven Einbruchsstelle der vorherrschenden Ideologie: der Freigabe der Abtreibung. Mit ihr wurde der gesellschaftliche Konsens und die Wahrheit, dass Töten ein Verbrechen ist, aufgekündigt. Das sei die Sache jeder Frau, denn jede könne über ihren Bauch entscheiden. Er gehöre ihr, hieß es. Eine Lüge, die sich langsam aber sicher als „neue Wahrheit“ etabliert hat. Mittlerweile wollen selbst Bischöfe nicht mehr an den entsprechenden wahrheitswidrigen Gesetzen rütteln.
Viele andere grundlegende Entscheidungen folgten: Die Ehe wurde systematisch ihres Inhalts als dauerhafte, fruchtbare Verbindung von Mann und Frau, beraubt. Die liberale Scheidungsgesetzgebung hat sie zunächst destabilisiert und zu einer lockeren, jederzeit relativ leicht kündbaren Verbindung umfunktioniert. Sie ist mittlerweile so abgewertet, dass unverheiratetes Zusammenleben zu einem Standardmodell junger Paare geworden ist.
Die Etablierung der „Ehe für alle“ ist nur der letzte Schritt der zerstörten Wahrheit, dass der Mensch berufen ist, als Mann und Frau in einer dauerhaften Beziehung ein erfülltes – wenn auch nicht problemloses – Leben zu führen. Ehe degeneriert somit zum vorübergehenden Zusammenleben beliebiger Personen.
Ein weiterer Schritt: die künstliche Befruchtung. Auch hier wurde zunächst das Elend kinderloser Paare in die Auslage gestellt, die Zeugung in der Retorte als Akt der Barmherzigkeit inszeniert. Mittlerweile ist daraus ein florierender Wirtschaftszweig geworden, der die Zeugung des Menschen zu einem Produktionsprozess umfunktioniert – mit Gütesiegel und Qualitätsmanagement: Nur Kinder, die den Vorstellungen ihrer Eltern entsprechen, sollten zur Welt kommen. In ärmeren Ländern entsteht ein neuer Berufszweig, die Mietmutter, die Schwangerschaft für andere austrägt.
Ich beende die Aufzählung mit dem, was derzeit massiv gepusht wird: die Euthanasie. Wieder dieselbe Walze: Äußerstes Leiden, keine Aussicht auf Heilung, dramatische Schilderungen zweifellos tragischer Situationen, Mitleid erregend – keine Frage. Was tatsächlich geschieht: Das Leben wird so dargestellt, als sei es nur dann wertvoll, wenn es nützlich erscheint. Dem Leid wird weitgehend der Sinn abgesprochen. Jeder sei eben Herr seines Lebens, so die „neue Wahrheit“. Welche Folgen diese hat, lässt sich an Ländern wie Holland ablesen. Dort erwägt die Regierung eine Regelung, die jedem Bürger einen Anspruch auf „Beihilfe“ zum Suizid einräumt, unabhängig vom Gesundheitszustand. Und wie frei pflegebedürftige Alte in ihren Entscheidungen wohl sind, kann man sich leicht ausmalen.
So koexistieren Wahrheit und „neue Wahrheiten“, wobei letztere zunehmend gesetzlich abgesichert und durch Strafen gegen Widerspruch abgesichert werden.
In seiner Predigt vor der Papstwahl im April 2005 sprach Kardinal Joseph Ratzinger von dieser Diktatur des Relativismus: „Wie viele Glaubensmeinungen haben wir in diesen letzten Jahrzehnten kennengelernt, wie viele ideologische Strömungen, wie viele Denkweisen… Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wogen zum Schwanken gebracht, von einem Extrem ins andere geworfen worden: vom Marxismus zum Liberalismus bis hin zum Libertinismus; vom Kollektivismus zum radikalen Individualismus; vom Atheismus zu einem vagen religiösen Mystizismus; (…) Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich ,vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung hin-und-hertreiben-Lassen’, als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint. Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten lässt.“
Ja, mitten in all dem müssen wir Christen zurechtkommen, sind bedroht, den Blick für die offenbarte Wahrheit zu verlieren, eingeschüchtert, sie anderen als einzig erfüllendes Lebensmodell anzubieten. Und dabei stehen wir doch auf der sicheren Seite. Wir treten nicht für etwas ein, was wir uns selbst ausgedacht hätten, sondern stellen uns in den Dienst des Herrn, der von sich gesagt hat: „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.“ (Joh 18,37) Wir müssen uns bewusst machen: Wir treten für die Ordnungen ein, die Gott in der Schöpfung Grund gelegt hat!
Wenn wir unseren Glauben nur halbwegs ernst nehmen, müssen wir in dieser verwirrten Zeit endlich damit aufhören, uns  zu gebärden wie die verängstigten Vertreter einer längst überholten Ideologie, die den Anschluss an die moderne Welt verloren hat. Im Gegenteil: Wir sind das Licht der Welt, einer Welt, die dabei ist, sich mit all ihren „neuen Wahrheiten“ systematisch ins Unglück zu manövrieren. Aber wie sagt man es dieser Welt, die stolz auf ihre Errungenschaften ist? Dialogisiert und diskutiert wird ja genug. Nur leider vielfach ohne erkennbaren Erfolg.
So wichtig es ist, gute Argumente vorzubringen, die Schönheit und Sinnhaftigkeit der Wahrheit darstellen zu können – das allein reicht nicht. Es geht nicht primär um intellektuellen Diskurs – auch der ist wichtig –, es geht um Zeugnis. Und zwar um das Zeugnis für Jesus Christus, der von sich gesagt hat: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ (Joh 14,6)
Wem ein Leben aus der Wahrheit ein Anliegen ist, der muss Zeugnis für Jesus Christus geben. Er muss erkennbar machen, dass es im Glauben nicht nur darauf ankommt, Wahrheiten zu kennen und zu befolgen, sondern das Leben an der Hand Jesu Christi zu gehen. Sich von Seinem Heiligen Geist leiten zu lassen.
Wer dies erkennt und sich bemüht, es im eigenen Leben umzusetzen, der erfährt: Die Lehre der Kirche, alle ihre Wegweisungen sind wahr – gestern, heute und morgen.


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