VISION 20001/2018
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Wenn Kinder lügen

Artikel drucken Über ein weitverbreitetes Phänomen (Marie-Laure Semnont und Bénédicte Drouin)

Viele Kinder tun sich mit der Wahrheit schwer. Die Eltern ertappen sie bei kleinen oder größeren Lügen. Wie soll man reagieren? Im Folgenden einige Gedanken zum Thema:

Lügen sie überhaupt, wenn sie klein sind? „Mein Papa hat im Keller ein großes Motorrad – es ist grün und sehr schön. Aber nicht weitersagen. Mama weiß nichts davon,“ flüstert der 3,5-jährige Damian seinem Schulfreund ins Ohr. Mama, die ein paar Schritte dahinter geht, hat ein feines Gehör. Sie lächelt.
Kann man da wirklich von Lüge sprechen? Lügen setzt voraus, dass man bewusst Unwahres sagt, um irrezuführen. Die meisten Psychologen und Kinderpsychiater sind sich darin einig, dass ein Kind vor dem 4. Lebensjahr nicht wirklich lügt, weil es Vorstellungswelt und Realität schlecht auseinanderhält. Es sagt einfach, was es denkt. Zwischen Wahr und Falsch zu unterscheiden, setzt eine gewisse Reife voraus. Wenn es das Vernunftalter erreicht, sieht es da klarer.
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Fast unumgänglich: Angeberei, Übertreibung, Fabelei. Die Fantasiebegabten wollen einfach eine allzu glanzlose Realität behübschen.
„Oft begegnet einem auch ein Mangel an Selbstbewusstsein,“ stellt Veronika, eine Volksschullehrerin aus einem Vorort von Paris fest. „Einige haben den Eindruck, in den Augen der anderen nichts zu gelten. Da erfinden sie eben, um sich interessant zu machen.
Vorigen Monat habe ich mit Bernards Mutter über seine schlechten Noten gesprochen. Wegen der schlechten Ergebnisse hat sie den vorgesehenen Ausflug nach Euro-Disney gestrichen. Bernard hatte allen schon davon erzählt gehabt. Am folgenden Montag hat er von seinen Abenteuern berichtet. Ich war sicher, die Strafe sei aufgehoben worden – aber nein.“
Wegen solcher Lügen sollten sich Eltern keine übertriebenen Sorgen machen, versichert die bekannte italienische Kinderärztin Maria Montessori: Hier handle es sich um eine künstlerische Darstellung wie die eines Schauspielers. Dennoch besteht die Gefahr, dass der Angeber zu guter Letzt seine Geschichte selbst glaubt. Der Begriff Wahrheit verblasst in seiner Vorstellung. Man muss ihn ernsthaft – allerdings auch sanft, denn der Kleine braucht auch Anerkennung – daran erinnern, dass er sich zu sehr von der Wahrheit entfernt, dann nicht mehr glaubwürdig ist – und als Lügner dastehen wird.
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Ein paar Tipps:
– Die Lüge ist ein Hilferuf: Das Kind fühlt sich zu schwach, um sich der Wahrheit zu stellen. Es flüchtet lieber in die Lüge.
– Man stelle eine Rangordnung auf: Unterscheiden Sie verschiedene Arten von Lüge. Lügen, um den Bruder oder die Schwester nicht zu kränken, ist eines – lügen, damit sie bestraft werden etwas anderes.
– Könnten Sie nicht selbst der Grund für gewisse Lügen sein? In dem Sie zu streng oder zu fordernd sind? Indem Sie Ihrem Kind zu viele Fragen über sein Gefühlsleben stellen?
– Den Geschmack für die Wahrheit wecken. Es geht nicht darum, sofort einen Schuldigen zu entlarven, sondern in ihm den Geschmack an der Wahrheit zu fördern.
– Vergebung, Wachsamkeit, Liebes- und Zuneigungsbezeugungen sind unerlässlich, um Vertrauen und den Geschmack an der Wahrheit zu wecken.
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So mancher Umgang bleibt nicht ohne Folgen. „In der zweiten Klasse Mittelschule begann Caroline zu lügen,“ erinnert sich Béatrice. Sie war damals befreundet mit einem Mädchen, das Pflegekind in einer Familie und etwas verdorben war. Es schreckte im Umgang mit Erwachsenen nicht vor Lügen oder Schwindel zurück. Und unsere war von ihr fasziniert. “
Das Vorbild der Eltern schränkt das Phänomen ein oder vergrößert es. Auch die Familienkonstellation spielt eine Rolle. Mehrere neue Studien zeigen, dass Kinder von Alleinerziehern oder getrennt lebenden Eltern eher zur Lüge neigen. Wahrscheinlich, um mit ihrer schwierigen Situation zurechtzukommen.
Entscheidend ist das Vorbild der Eltern im Alltag. Bei Kleinigkeiten: der Ausrede bei der Polizei, wenn ein Strafmandat an der Windschutzscheibe war; beim Telefonanruf eines Vertreters, der eine Kücheneinrichtung anbietet und dem man erzählt, man habe gerade eine gekauft… Oder bei weniger Unbedeutendem: „Gut, ich habe geschwindelt. Aber auch du gibst bei deinen Steuererklärungen um 5% weniger Einkommen an,“ stellt Laurent, 13 Jahre alt, ironisch fest. „Und sagst du nicht immer wieder zu Elise, sie sei jünger als vier Jahre, damit sie im Bus nichts zahlt…?“
Selbst wenn es vorkommt, dass die Wahrheit zu sagen, Eltern in Schwierigkeiten bringt, die eine Lüge ihnen erspart hätte, so wird das beim Kind, das ja denselben Versuchungen ausgesetzt ist, Spuren hinterlassen.
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Normalerweise vertrauen wir unseren Kindern. Entdecken wir, dass sie lügen, wird es schwierig… Selbst wenn sie nicht gravierend ist, verändert die Lüge das Vertrauen, das in Familienbeziehungen so wichtig ist.
Veronika, die Lehrerin, erinnert sich, dass sie als Kind wenig gelogen hat. „Es war nicht die Angst vor der Bestrafung, die mich abhielt, sondern der mögliche Vertrauensverlust meiner Eltern. Er hätte mich wirklich geschmerzt und gedemütigt. Als Jugendliche haben sie mich allein ausgehen lassen, ich durfte meine Ferien selbst planen… eine meiner Schwestern, die jüngere, beklagte, das sie viel strenger gehalten wurde. Aber sie log.“
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Die Lüge schwächt auch das Selbstvertrauen. Um sie zu verbergen, muss man lügen… Die Spirale beginnt sich zu drehen. Wenn es einmal da drin steckt, erlebt das Kind schmerzlich seine Abhängigkeit. Misstrauen, Gewissensbisse, Traurigkeit sind früher oder später die Folgen.
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Was soll man bei Lügen tun? Zunächst: Reagieren. Gleich oder später – aber reagieren. Nichts ist schlimmer als gleichgültig zu bleiben und beim Kind den Eindruck zu erwecken, der Erwachsene sei ein Idiot und habe nichts gemerkt.
„Ich will nicht aus jeder Lüge ein Drama machen, denke aber, dass man jedes Mal zur Sache kommen sollte,“ erklärt Corinne. „Es geht aber auch nicht darum, dauernd auf der Lauer zu liegen und fortgesetzt zu verdächtigen – so kann man nicht leben.“


Aus Famille Chrétienne v. 10.2.01

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