VISION 20001/2018
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Wir stehen in einem Kulturkampf

Artikel drucken Ansätze zur Erneuerung der Gesellschaft: kluges öffentliches Engagement – vor allem aber: auf Christus hören (Von Erzbischof Charles J. Chaput OFMCap)

Die Welt funktioniere besser, wenn sie  Gottes Plan folgt, er­klärt der Erzbischof von Philadelphia. Dem Gesetz Gottes und den Seligpreisungen zu folgen, sei ein sicheres Erfolgsrezept, weil wir so der menschlichen  Natur entsprechend leben. Und das lasse den Menschen aufblühen.

Allzu oft sind wir der Ansicht, dass Regeln etwas sind, was unser Glück beeinträchtigt. Begreift man sie jedoch als gottgewollte Ordnung, so sind Regeln für uns wohltätig, weil sie uns erkennen lassen, wie wir ein Leben führen können, das teilhat an Seiner Herrlichkeit. Sie bringen uns dazu, das zu verwirklichen, was Gott geplant hatte: wie der Mensch sein und handeln sollte. Das ist einer der Aspekte, die die Schrift zum Ausdruck bringt, wenn Jesus sagt, Er sei gekommen, „damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“
Wenn es nun in der Schöpfung eine moralische Ordnung gibt, wie sollten wir es dann mit unseren menschlichen Gesetzen halten? (…) Das Gesetz bindet uns aneinander. Es widerspiegelt die Ordnung der Gesellschaft, sichert diese Ordnung aber auch ab. Es bringt zum Ausdruck, wer wir als Gesellschaft sind, aber es prägt uns auch als Menschen. Wenn wir uns also entfalten wollen, so müssen wir dafür sorgen, dass die Gesetze, die wir beschließen – wir nennen das „positives Recht“ – auf dem rechten Verständnis aufbauen, was es heißt, Mensch zu sein.
Daraus leitet sich Folgendes ab:
Erstens: Das Naturrecht sollte die Basis für das positive Recht darstellen. (…)
Zweitens: Durch seine Anwendung lehrt uns das positive Recht entweder im Einklang mit dem Naturrecht zu leben oder nicht. Es kann uns zur Freiheit, die auf Wahrheit aufbaut, führen. Oder von dieser wegführen. (…)  Unsere Gesetze sollten uns helfen, im Einklang mit dem zu leben, was Gott in unsere Herzen geschrieben hat. (…)
Drittens: Viele Denker – zu ihnen zählt auch der hl. Johannes Paul II. – haben erkannt, dass die Kultur dem Recht und der Politik vorausgeht. Das Recht verkörpert eine Kultur und bringt sie voran, besonders, was deren moralischen Aspekt anbelangt. Wir Christen sollten uns dessen bewusst sein, wenn wir uns für Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft trotz des feindlichen Klimas im heutigen Kulturkampf einsetzen. Wir sollten, so gut wir können, politische Mittel einsetzen, ohne uns dafür zu entschuldigen. Wir sollten politischen Einfluss suchen und geltend machen, wenn wir uns für so lebenswichtige Fragen wie Ehe und Familie, Abtreibung, Immigration und Euthanasie einsetzen. Und es ist gut, wenn wir das tun.
Aber, wie Kardinal Avery Dulles einmal feststellte: Kulturkämpfe können nicht durch taktische Gefechte gewonnen werden, selbst bei so entscheidenden Fragen wie diesen. (…) Auf lange Sicht, so schrieb Dulles, „werde, sobald ein Konsens für eine gesunde Gesellschaft hergestellt ist, dessen Umsetzung fast von selbst stattfinden.“ Noch einmal: Dulles gab nie zu verstehen, dass wir die politische Arena verlassen sollten. Ich tue das auch nicht – ganz im Gegenteil. Aber wir sollten uns stets daran erinnern, dass der Kampf um die Herzen und Seelen auf einer grundsätzlicheren Ebene als dem der Wahlkabine stattfindet. Umkehr ist weitaus wichtiger und hat viel weiterreichende Folgen als eine Debatte über ein bestimmtes Gesetz.
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Der französische Gelehrte Pierre Manent hat einmal festgestellt, dass das moderne Leben – das „Projekt der Moderne“ – auf dem menschlichen Willen beruht, die Welt rund um uns zu verändern. Klarerweise wussten die Menschen immer schon, dass sie die Welt in gewissem Maß verändern können. Die Alten aber waren sich ihrer Begrenzungen viel mehr bewusst. Sie waren auch bescheidener in ihren Ansprüchen. Sie waren sich bewusst, dass wir uns mit einer bestehenden Ordnung anfreunden müssen, die – wenn auch mit Mängeln behaftet – grundsätzlich gut ist. Indem sie diese natürlichen Grenzen anerkannten und sich mit ihnen abfanden, erlebten sie wahre Freiheit. Der moderne Mensch sieht die Welt jedoch mit ganz anderen Augen. Das moderne Leben „befreit“ uns von dem Gedanken, dass wir uns an irgendeine natürliche Ordnung anzupassen haben – ja, dass eine solche Ordnung überhaupt existiert.
Zu Zeiten des Aristoteles erkannten Männer und Frauen den natürlichen Zweck der Ehe – ihren Telos – und versuchten, ihn, wenn auch unvollkommen, zu verwirklichen. Der moderne Mensch sieht auch, was Ehe ist – er will das aber ändern.
Also macht er sich ans Werk, um sie nach eigenen Vorstellungen umzugestalten. Und da wir den Sinn für eine objektiv vorgegebene menschliche Natur und eine moralische Ordnung verloren haben, umkleiden sich unsere Wünsche rasch mit dem Mantel der „Menschenrechte“, damit andere sich nicht störend einmischen können.
Der Grund, warum so viele Zeitgenossen die in der Welt vorgefundene Ordnung zu ändern versuchen, liegt darin, dass sie die Welt, so wie sie diese erfahren, als einengend und ungerecht erleben. Der Philosoph Eric Voegelin hält fest, dass je mehr der moderne Mensch bemüht ist, die natürliche Ordnung neu zu schaffen, umso mehr muss er auch Gott aus seinem Bewusstsein verbannen. (…) Das erklärt die Verbitterung in den Stimmen, die Gott in unserer Zeit zu diskreditieren versuchen. Sie erklärt auch die Brutalität der totalitären Regime im vergangenen Jahrhundert. Man kann Gott verhöhnen, aber Seine Ordnung kann man letztendlich nicht umstoßen.
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Wie zu jeder Zeit, sind wir dazu berufen, unseren Mitmenschen Jesus Christus zu verkündigen. Wir selbst müssen uns das Wissen über die Wahrheit des Menschen und die objektiven Grundlagen der Moral im Naturgesetz aneignen und es anderen nahebringen. Wir müssen darum kämpfen, dass die menschlichen Gesetze im Einklang stehen mit diesem tieferen Gesetz. Und wir müssen die Menschen an die Wahrheiten, die sie aus den Augen verloren haben und auf denen unsere Gesellschaften aufbauen, erinnern.
Noch als Kardinal schrieb Joseph Ratzinger einmal, dass die Weltanschauung, auf der die USA aufbauen (…), „entsprechende menschliche Verhaltensweisen erfordern. Diese Haltungen können jedoch nicht gedeihen, wenn man das historische Fundament der Kultur und die ethisch-religiösen Sichtweisen, die ihm entsprechen, nicht ernst nimmt. Eine Kultur und ein Volk, die sich von den bedeutenden ethischen und religiösen Kräften seiner Geschichte abnabeln, begehen Selbstmord.“
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Am Ende seines Meisterwerks „After Virtue“ vergleicht der Philosoph Alasdair MacIntyre die Umstände, unter denen heute Menschen mit traditionellen Sichtweisen leben, mit jenen der Männer und Frauen im sogenannten „Finsteren Mittelalter“. Er stellt fest, dass es für sie damals – wie für uns heute – entscheidend war, überschaubare Gemeinschaften zu bilden, in denen die Umgangsformen sowie das intellektuelle und moralische Leben durch die dunkle Zeit – in der wir mitten drin sind – erhalten bleiben können. Und wenn diese Tradition der Tugenden während der jüngsten dunklen Zeiten durchgehalten werden konnte, sollten auch wir nicht die Hoffnung verlieren.
Diesmal erwarten uns die Barbaren jedoch nicht außerhalb der Mauern – sie regieren uns schon seit geraumer Zeit. Dass wir uns dessen so wenig bewusst sind, ist unser Dilemma. Wir warten nicht auf Godot, sondern auf einen neuen – zweifellos ganz anderen – hl. Benedikt.
Wenn ich MacIntyre richtig verstehe, so besteht eine der Möglichkeiten, wie wir in einer so tief gespaltenen Welt fruchtbar wirken könnten, darin, Pfarren, Seminare, Clubs, Universitäten und Familien ins Leben zu rufen, die wahre Schulen der Heiligung sind. Das wäre lebenswichtig, um eine Gesellschaft aufzubauen, um die Kultur zu verändern und zu versuchen, einen erneuerten Sinn für christliche Gemeinschaft zu entwickeln.
Allerdings – darauf hat Benedikt XVI. in einer seiner Reden hingewiesen – waren der hl. Benedikt und seine Mönche nicht darauf aus, eine Zivilisation aufzubauen oder zu erhalten. Vielmehr, so sagte der Papst:
„Ihr Antrieb war viel elementarer. Ihr Ziel hieß: quaerere Deum. In der Wirrnis der Zeiten, in der nichts standzuhalten schien, wollten sie das Wesentliche tun – sich bemühen, das immer Gültige und Bleibende, das Leben selber zu finden. Sie waren auf der Suche nach Gott. Sie wollten aus dem Unwesentlichen zum Wesentlichen, zum allein wirklich Wichtigen und Verlässlichen kommen… Das, was die Kultur Europas gegründet hat, die Suche nach Gott und die Bereitschaft, Ihm zuzuhören, bleibt auch heute Grundlage wahrer Kultur.“
Wenn wir mit ganzem Herzen danach streben, Jesus Christus zu finden, wächst Kultur, und es wird unsere Gesellschaft erneuert. Durch Gebet, durch Sakramente, Windeln Wechseln, gutes Haushalten, durch Predigten, Liebe zum Ehepartner, Vergeben und um Vergebung Bitten – all das im Geist der Liebe – entsteht Stein auf Stein das Reich Gottes.
Wie Papst Benedikt in seinem Buch Jesus von Nazareth festgestellt hat: Das Reich Gottes kommt auf dem Weg eines hörenden Herzens. Das ist das wichtigste, worum wir beten können, ein Herz, das offen für das Wort Got­tes ist. Wenn unsere Herzen lauschen und wir die Stimme des Guten Hirten hören, dann kann Gott damit beginnen, uns nach Seinem Bild und Willen zu formen.
Auszüge aus dem Vortrag des Erzbischofs von Philadelphia zum Thema  Law and Morality in Public Discourse am 6.8.14

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