VISION 20001/2018
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Der heilige Nikolaus als Missionar

Artikel drucken Unterwegs am Abend des 5. Dezembers (Reinhard Penker)

Es ist knapp vor 17 Uhr! Ich bin in der Pfarre als Nikolaus angekleidet und bekomme das Goldene Buch überreicht. Darin: Ein vorgedruckter Text für die Begrüßung, inklusive „Vater-Unser“. Ich bin konsterniert…
 
Muss man den von der Pfarre ausgeschickten Nikoläusen das „Vater Unser“ vorgeschrieben mitgeben, damit sie erst solcherart das Gebet der Gebete gemeinsam mit Kindern und Eltern beten? Ich kann es nicht glauben!
Heute habe ich was Besonderes vor. Sabine, eine liebe Schwester im Herrn, hat mir 50 selbstgemachte Rosenkränze mitgegeben, dazu habe ich 50 Bildchen der Heiligen Familie von Betlehem und 20 ebensolche mit einem Mariamotiv bei mir. Auf meiner Liste stehen sieben Familien und ca. 20 Kinder.
Ich habe den Herrn und die Gottesmutter vorab gebeten, mich offene Kinder- und Erwachsenenherzen antreffen zu lassen, denn ich will im Gespräch mit ihnen tiefer in das Geheimnis von Advent und Weihnachten eintauchen. Angesichts der mitgegebenen Texte überkommen mich leichte Zweifel. Spielt da nur mehr das Materielle eine Rolle oder ist da doch noch Raum für den göttlichen Funken?
Ich gehe mit meinem jugendlichen Begleiter durch die verschneiten Straßen. Ein Auto bleibt stehen. Eine Frau ruft: „Heiliger Nikolaus, darf ich für meine Enkelin ein Foto mit Dir machen?“ „Klar doch.“ Die Freude der Frau ist spürbar, und nachdem wir in unserer Butte genügend Lebkuchen mithaben, gibt es auch einen für die Dame. Mit strahlendem Lächeln besteigt sie wieder ihren Wagen und fährt davon.
Dann ist es soweit: Wir treffen bei den ersten Familien ein. Und tatsächlich: Bei den Kindern finde ich, wie erhofft und erbeten, offene Herzen vor. Ich versuche ihnen soweit ich es weiß, die Bedeutung ihres Vornamens zu erklären. Viele davon sind biblisch, also einfach. Großes Staunen mancherorts, dass sich dahinter auch ein Erzengel, ein Heiliger, oder ganz besondere Personen verbergen.     
Dann kommt die Schule, der Kindergarten dran. Hier hilft der liebevoll vorbereitete Spickzettel der Eltern. Viel Lob, aber auch manche Sorge sind da zu lesen. Ein idealer Zeitpunkt für den Hinweis: „Deine Mutti, dein Papa bemühen sich sehr um Dich, aber manchmal, wird es auch für sie schwierig.“ „Dann nimm den Rosenkranz und ruf den Himmel an.“ „Denn nichts auf der Welt, auch nicht das Lichtschwert der Jediritter kann da wirklich helfen.“ „Aber der Vater im Himmel, der Herr Jesus, die Gottesmutter…, sie warten nur darauf, dass Du sie im Gebet anrufst, sie bittest, in Deine Situation zu kommen.“ „Denn Gott erhört jedes Gebet, er will immer Dein Bestes, Dir immer helfen – und für Gott ist nichts unmöglich!“
Die Kinder greifen nach dem Sack mit den Rosenkränzchen, die in schillernden Farben in Säckchen eingepackt sind und suchen sich einen aus – und auch die Erwachsenen machen mit. Dazu gibt es ein Marienbildchen.
Die besondere Stimmung bei und in den Familien wird deutlich spürbar. Kinder tauen weiter auf: Singen Lieder, spielen auf der Harfe, tragen Gedichte vor, überreichen selbst Gemaltes. Viele haben sich und die Wohnung besonders hergerichtet, sind in festlicher Stimmung. Dann kommt die Rede auf den Advent – Bedeutung? „Ankunft.“ „Von wem?“ „Christus.“ „Ja, sehr gut.“ „Wo?“ „In einem Stall in Bethlehem.“ – „Ganz genau.“ „Aber wo will er geboren werden?“ „In Dir, mein Schatz, in Deinem Herzen.“ Die Augen, auch der Erwachsenen werden feucht, der adventliche Tau legt sich auf die Familien. Der göttliche Funken trifft die Herzen.
Dann beten wir noch alle das „Vater Unser“ – ohne Vorlage! Und alle beten mit; so gut es eben geht. Ja, und dann kommen – ganz am Ende – noch die berühmten roten Sackerl. Ja, fein, denn wenn das Herz voll ist, dann ist jedes Geschenk nicht mehr als eine nette Zugabe!
In mir ist jetzt schon Weihnachten. Mit großer Freude gehen wir zurück in die Pfarre. Dankbar für so viele Gnaden, aber auch denkend an jene, die großen Durst verspüren und drohen, in der Konsumwelt des Advents unterzugehen. Die nach der Labung ihrer Seele gieren, sie aber nicht finden!
Heute beschließe ich, dieses Feld keinem angemieteten Agentur-Nikolaus mehr zu überlassen, sondern dafür zu kämpfen, dass alle Kirchen am 5. Dezember am Abend genügend Nikoläuse bereitstellen können, um den erschöpften Menschen den lebensspendenden Quell unseres Heilands zu bringen und um Christus zu Weihnachten in ihren Herzen lebendig werden zu lassen.


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