VISION 20006/2019
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Und ich fürchte meine Träume

Artikel drucken Mutig im Konzentrationslager bestanden (Christoph Hurnaus)

In diesem erschütternden Buch berichtet die 1921 in Polen geborene Wanda Półtaw­ska über ihre Zeit im Konzentrationslager Ravensbrück. Die damals junge polnische Frau musste im KZ nicht nur Zwangsarbeit leisten, sondern wurde durch das unmenschliche Nazi-Regime auch zu medizinischen Experimenten gezwungen. Als Wanda Półtawska nach der Befreiung des Konzentrationslagers am 8. Mai 1945 nach Lublin zurückkehrt, verfolgen sie Nacht für Nacht schreckliche Träume über die Zeit im Konzentrationslager.
Ein ihr bekannter Psychiater gibt ihr den Rat, die schrecklichen Erlebnisse niederzuschreiben. Innerhalb von zwei Monaten bringt Wanda ihre Erinnerungen an die vier Jahre dauernde Hölle menschlicher Erniedrigung zu Papier. Erst 20 Jahre nach ihrer Niederschrift willigt sie ein, ihre Erinnerungen einem größeren Leserkreis zugänglich zu machen. Dieses erschütternde Zeitdokument erschien seither in vielen Sprachen und wurde vor einigen Wochen vom Fe-Medienverlag wieder neu aufgelegt.
Im Alter von 20 Jahren wird Wanda, die Mitglied einer katholischen Pfadfindergruppe ist, 1941 von der Gestapo verhaftet und gemeinsam mit anderen Aktivisten im Lubliner Schloss interniert. Unter den Aktivisten, die im Untergrund verbotene Aktivitäten gegen die Deutschen organisieren, befindet sich auch ihre um zwei Jahren jüngere Freundin Krysia. Krysia ist damals fast noch ein Kind. Zwischen Wanda und Krysia entwickelt sich eine tiefe Freundschaft. Wanda versucht ihre Freundin fortan vor den schlimmsten Dingen zu beschützen.
Półtawska beschreibt die entsetzlichen hygienischen Zustände im Lubliner Schloss. Läuse, Flöhe, Krätze und Typhus gehören zur Tagesordnung. Unter den inhaftierten Frauen herrscht eine strenge Stallorder. Den Ton geben die Prostituierten an.  Sie sehen verächtlich auf die politischen Gefangenen herab. In der Zeit ihrer Internierung ahnt Wanda allerdings noch nicht, dass ihr und ihren Mitgefangenen noch viel Schlimmeres bevorsteht.
An einem schönen Septembertag im Jahr 1941 werden die ers­ten 154 Frauen von Polen nach Ravensbrück transportiert. Es ist der erste große Frauentransport in ein Konzentrationslager. Wanda beschreibt die Tage der Überstellung und die ersten Tage im Lager: Nächte ohne Schlaf, entsetzlicher Hunger, brutale Stimmen, Gesten, Tritte, Fäuste, Ohrfeigen. Der Frauenblock wird von deutschen Aufseherinnen bewacht, an ihrer Seite riesige Schäferhunde. In dem Frauenblock leben neben den Polinnen auch andere Frauen: Französinnen, Russinnen, Roma…
Unter den polnischen Frauen entwickelt sich eine starke Solidarität und ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl. Wanda Półtawska erzählt in dem Buch wunderbare und heroische Zeugnisse von echter Menschlichkeit. Sie zeigen, dass der Mensch in Zeiten der größten Erniedrigung die höchste Stufe der Menschlichkeit erreichen kann. Die unmenschliche Zwangsarbeit und der entsetzliche Hunger treiben andererseits manche Frauen in den Wahnsinn. Viele beginnen, sich lesbischen Handlungen hinzugeben, was Wanda zutiefst schockiert.
Nach all den Schrecken wird Wanda Półtawska für medizinische Experimente ausgewählt. Nazi Chirurgen nehmen fortan Operationen an wehrlosen Frauen vor. Viele dieser Frauen, denen Wanda liebevoll den Namen Kaninchen gibt, leiden wahnsinnige Schmerzen, sterben an Fieber oder werden zu Krüppeln. 1943 regt sich unter den Frauen erster Widerstand gegen die Operationen. Als Anfang 1945 die Nachricht eintrifft, dass alle Frauen erschossen werden sollen, gelingt es Wanda und Krysia, sich mit falschen Häftlingsnummern in das Außenlager Neustadt-Glewe zu schmuggeln.
Nach der Befreiung des Konzentrationslagers im Mai 1945 kehren die beiden nach zwanzigtägiger Reise in ihre Heimatstadt Lublin zurück. Auf dem gefährlichen Weg zurück nach Polen entgeht Wanda nur um ein Haar einer Vergewaltigung.
Nach dem Erleben der menschlichen Hölle des Konzentrationslagers wird sie Psychiaterin. Wanda heiratet, wird Mutter von vier Töchtern und lernt den jungen Priester Karol Wojtyła kennen, mit dem sie über 50 Jahre eine intensive Korrespondenz pflegt. Als Wanda Półtawska 1962 an Darmkrebs erkrankt, bittet der spätere Papst Pater Pio um seine Fürsprache. Im November 1962 erlebt Wanda eine Spontanheilung, die im Seligsprechungsprozess für Johannes Paul II. berücksichtigt wird.
Die schrecklichen Erlebnisse im Konzentrationslager machen Wanda Półtawska zu einer besonderen Anwältin für die Heiligkeit des Lebens. Eine wichtige Botschaft dieses Buches besteht darin, dass das Leben für den Christen nur eine Vorstufe auf eine höhere Berufung ist, und dass die Trennlinie zwischen Gut und Böse mitten unter uns selbst verläuft.

Und ich fürchte meine Träume. Von Wanda Półtawska, Fe-Medienverlag, Preis: 10,30 €. Siehe auch Portrait Vision 1/91

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