VISION 20005/2022
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Mutter Julia Verhaeghe

Artikel drucken Botschaft an uns (Von Márton Héray FSO)

Visionärer Weitblick und religiöser Tiefgang: Das waren zwei Charakterzüge von Mutter Julia Verhaeghe (1910-1997), deren Todestag sich am 29. August zum 25. Mal jährte. Obwohl sie nie eine neue Gemeinschaft gründen wollte, träumte sie gottgeweihtes Leben neu. Arm, gehorsam und ehelos sollten ihre geistlichen Töchter und Söhne leben, aber das alles ohne Klostermauern, ohne eigene Tracht und echt dynamisch. Nicht weil es gerade modern anmutete, sondern weil sie von Gott diese Sendung empfangen hatte, spornte sie die Mitglieder des „Werkes“ zu diesem Lebensstil an. Schon früh wurde Mutter Julia klar, dass diese Berufung ganz im Dienst der Kirche stehen und dass durch die Mitglieder Kirche im Kleinen erfahrbar werden sollte.
Viele Menschen hätten einer solchen Vision in ihrer Zeit wahrscheinlich wenig Überlebens­chancen gegeben. Und sie hätten wohl recht gehabt, wenn diese Vision nur von einer – wenn auch gläubigen und heiligmäßigen – Frau gekommen wäre. Dieser neue Lebensstil, der damals sowohl in kirchlichen als auch in weltlichen Kreisen fremd anmutete, dem eine gewisse mediale Öffentlichkeit sogar ein sektiererisches Label aufdrücken wollte, ist heute als neue Form gottgeweihten Lebens bekannt und von Papst Johannes Paul II. im Jahr 2001 als „Familie des geweihten Lebens” gutgeheißen worden.
Mutter Julia wird Gründerin genannt, obwohl sie über sich selbst sagte: „Ich habe nichts gegründet. Seit Jesus Christus die heilige Kirche gegründet hat, ist alles gegründet. Er braucht nur Menschen, die diese Gründung gründlich leben.“
Von den Mitgliedern des „Werkes“ wird sie auch als Mutter bezeichnet, denn – wie die Mutter einer Familie – gab sie sich ganz für die Kirche und vor allem für ihre geistlichen Töchter und Söhne hin. Obwohl sie über keine Güter im materiellen Sinn verfügte und körperlich eher schwach und gebrechlich war, wollte sie mit ihrem Leben, ihren Gaben und ihrer Liebe dem Aufbau des Reiches Gottes in den Seelen dienen. Weil sie sich für die anderen verzehrte, konnte Gott durch sie der Kirche neues Leben schenken. An ihrem 25. Todestag danken wir ihr, dass sie die Aufrufe Gottes in Treue befolgte – auch in schwierigen Situationen, in denen es scheinbar nicht mehr weiterging; nicht aus Stolz, sondern weil sie die feste Überzeugung im Herzen trug, dass Gott am Werk war.
Wie konnte Mutter Julia diese neue Berufung leben und weitergeben? Wie konnte sie die Spannungen und Kämpfe durchstehen, mit denen sie immer wieder konfrontiert war? Wie konnte sie als Mensch die rechte Mitte bewahren? Die Antwort steht in ihrem Grabstein eingemeißelt: „Gottes barmherzige und gerechte Liebe sucht euch, wacht über euch, wartet auf euch. Geht zu ihr in der heiligen Eucharistie!“
Mutter Julia pflegte ihr Leben lang eine tiefe persönliche Freundschaft mit Jesus Christus, der in der Eucharistie unter uns gegenwärtig bleibt. Und genau das ist es, was sie ihren geistlichen Söhnen und Töchtern mit auf den Weg gab: Geht zu Jesus, gebt eurem Leben einen Fokus, seid Menschen der rechten Mitte!
Ein Blick in Mutter Julias Biographie zeigt, dass sie sich schon als Kind stark zu Jesus in der Eucharistie hingezogen fühlte. Dieser Eifer wurde vor allem durch den Priester Edward Poppe entzündet, der den „Eucharistischen Kinderkreuzzug“ in Belgien verbreitete. „Der eucharistische Herr hat mich ergriffen, begleitet und mit Seiner heiligen Nähe genährt,“ wusste Julia noch viele Jahrzehnte später zu berichten. Als junges Mädchen fasste sie den Entschluss, täglich die heilige Messe zu besuchen. Weder die harte Arbeit in den Familien, in denen sie tätig war, noch die frühe Morgenstunde konnten sie von ihrem Vorhaben abbringen.
Die große Liebe zum eucharis­tischen Herrn war der Nährboden, auf dem ein neues Charisma reifen und wachsen konnte. Auch die Gründungsgnade des „Werkes“ wurde während einer heiligen Messe von Gott gegeben. Am 18. Januar 1938 feierte der Kaplan von Julias Heimatort Geluwe, Arthur Cyriel Hillewaere, seinen 50. Geburtstag. Während der Feier des eucharistischen Opfers gab Kaplan Hillewaere Gott sein Leben für die Entwicklung des „Werkes“ hin. Julia lag an diesem Tag krank in ihrem Bett, durfte aber innerlich die Hingabe dieses Priesters, der ihr geistlicher Begleiter war, erfahren. So nahm das „Werk“ mit Mutter Julia und Kaplan Hillewaere seinen sichtbaren Anfang.
Obwohl die Priestergemeinschaft erst einige Jahrzehnte später konkrete Gestalt annehmen sollte, sah Mutter Julia von Anfang an, dass die gegenseitige Ergänzung zwischen Schwestern und Priestern und anderen Berufungen wesentlich zum Charisma des „Werkes“ gehören würde. Sie hegte ihr Leben lang eine tiefe Ehrfurcht vor der Gnade des Priestertums und betete und opferte viel für die Diener des Altars.
In ihrem Leben hatte Mutter Julia viel zu leiden. Grund für ihre schlechte Gesundheit war ein schwerer Sturz in ihrer Jugendzeit, bei dem sie sich zwei Rippen gebrochen hatte. Die Verletzung heilte nie vollständig aus und brachte viel Leid mit sich. Aber Mutter Julia klagte nicht und wollte nie, dass wegen ihrer Krankheit gejammert wird. Im Gegenteil: Sie wollte in Freud und Leid Gott verherrlichen und der Kirche dienen.
Heute umfasst die geistliche Familie „Das Werk“ eine Schwestern- und eine Priestergemeinschaft, aber auch andere Mitglieder und Freunde, die in der Welt leben und als Alleinstehende, Verheiratete oder Verwitwete mit dem „Werk“ verbunden sind. Alle schöpfen aus der paulinischen Spiritualität des „Werkes“, leben in Verbundenheit mit dem Herzen Jesu und streben danach, den katholischen Glauben zu lieben, zu leben und weiterzugeben – gemäß dem Wort Jesu: „Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat“ (Joh 6,29).
Die eucharistische Anbetung steht bis zum heutigen Tag in der Mitte des gemeinschaftlichen Lebens. Das im Tabernakel schlagende Herz des Erlösers lädt alle ein, auf Ihn zu schauen, Ihn zu lieben, alles von Ihm zu erwarten. „Ich fühle mich unfähig, den erhabenen Gedanken an die eucharistische Gegenwart des Herrn zum Ausdruck zu bringen,“ so Mutter Julia. „Ich verliere mich in Ihm wie ein Wassertropfen im großen Ozean.“ Sehr viele Gnaden, die mit der Entstehung und der Ausbreitung des „Werkes“ verbunden waren, wurden ihr durch die heilige Eucharistie geschenkt. Sie hatte den festen Glauben, dass die Gemeinschaft vor allem in der Eucharistie wächst, so wie die ganze Kirche ständig durch das Geheimnis des Leibes und Blutes Christi belebt und erneuert wird.
Der Herr bekräftigte diese eucharistische Grundgesinnung am Ende ihres Lebens auf ganz konkrete Weise. Am 29. August 1997 lag sie in ihrem Krankenbett im Kloster Thalbach in Bregenz. Am vorhergehenden Abend hatte sie eine starke Hirnblutung erlitten, die nach Auskunft des Hausarztes in ein bis zwei Tagen zum Tod führen würde. Einige Mitglieder der Gemeinschaft versammelten sich bei ihr, um sie in den letzten Stunden ihres irdischen Pilgerweges betend zu begleiten.
In der Früh des 29. August, Gedenktag der Enthauptung Johannes’ des Täufers, wurde in der Kirche des Klosters Thalbach – wie gewohnt – um 6.15 Uhr die heilige Messe gefeiert und durch einen Lautsprecher in das Zimmer von Mutter Julia übertragen. Eine Schwester, die bei dieser heiligen Messe neben dem Krankenbett von Mutter Julia saß, berichtete: „Als das Glöcklein zur heiligen Wandlung erklang, hörte Mutter Julias Puls auf zu schlagen und ihr Gesicht veränderte sich in auffallender Weise. Unsere Mutter war heimgegangen in die Ewigkeit.“ Genau im Augenblick der Wandlung durfte sie ihrem Erlöser und Bräutigam begegnen.
Wenn wir an ihrem 25. Todestag an Mutter Julia denken, steht uns ihr verborgenes Leben vor Augen. Verborgen vor der Bühne der Welt. Verborgen vor den Augen der Menschen. Verborgen in Gott. Mutter Julia hatte einen großen Weitblick und war in der Liebe des Herzens Jesu verankert. Ihre Botschaft bleibt sehr aktuell. Ihr Herz brannte für die Erneuerung der Kirche.
Aber sie hätte sich Erneuerung ohne Verbundenheit mit dem eucharistischen Herrn, ohne Bekehrung des Herzens und ohne Treue zum Lehramt der Kirche nie vorstellen können. Sie hinterließ uns keine Monografien, aber viele Briefe, die von ihrer Verbundenheit mit dem Herzen des Erlösers und ihrer Sorge für die Menschen Zeugnis geben. Und sie schenkte uns das trostvolle Wort: „Ich werde im Himmel bleiben, was ich auf Erden war: eine Mutter für euch alle. Denn dies ist eine Gabe, die Gott in mein Herz gelegt hat. Und was Gott gibt, das bleibt auf ewig.“

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