VISION 20006/2022
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„Michael hat die Gruppe verlassen“

Artikel drucken (Clotilde Hamon)

Wie oft schon hat diese kurze Nachricht auf dem Handy-Bildschirm dem Drückeberger Schmach bereitet und in der Gruppe die wildesten Spekulationen ausgelöst. „Du bist schuld, er hat genug von den 15 Seiten Novenen, die dauernd verschickt werden“, „Nein, es ist Paulina, die alle mit ihren Blumenfotos nervt“, „Halt, er dürfte einen falschen Knopf betätigt haben“… Die WhatsApp-, Signal- oder Messenger-Gruppen haben das Familienleben verändert, indem sie Netzwerke geschaffen haben, die telefonische Rundrufe und per Post versandte Mitteilungen ersetzt haben. Sie eröffneten einige erstaunliche Möglichkeiten, verschlossen aber andere.
Schneller, effizienter und wertvoll, um in Kontakt zu bleiben, wenn Familien geografisch getrennt sind, hat dieser Echtzeit-Austausch auch seine Kehrseite. Dass Michael die Gruppe verlassen hat, lag daran, dass ihn die allzu vielen Mitteilungen, die sein Handy ständig klingeln lassen, gestresst haben… Familiengruppen gibt es jede Menge: mit Kindern oder ohne, die Kinder untereinander, die Kernfamilie, die Großfamilie, die Gruppen zu verschiedenen Anlässen, etwa um den Umzug von Tante Odilie zu organisieren…
In Kontakt bleiben – was bedeutet das überhaupt, wenn wir uns immer weniger persönlich begegnen? Ist der kollektive Austausch ebenso gehaltvoll wie ein Live-Gespräch, bei dem man seine Gemütsverfassung im Vier-Augen-Gespräch von Mensch zu Mensch mitteilen kann? Kann ein Smiley den Ausdruck von Freude oder Traurigkeit über diese oder jene Nachricht ersetzen? Natürlich nicht, jeder weiß es, aber es geschieht, und die ganze Palette der Emotionen wird kleiner. Wir reden uns ein, das sei besser als nichts, aber wir nahmen uns früher mehr Zeit, um uns zu sehen und wertvolle Gespräche im persönlichen Beisammensein entstehen zu lassen.
Sie sparen Zeit, aber welche?
Das Kurzzeitkontakt, fälschlicherweise als „Echtzeit“ bezeichnet, ist eine minderwertige Zeit, die den falschen Eindruck erweckt, dass alles dringend sei. Wie können wir unter diesen Umständen Prioritäten setzen, Zeit für Innerlichkeit erübrigen? Wie kann man den Geschmack des freien Austausches bewahren, der nichts mit Informationen zu tun hat? Die Älteren haben nicht immer „Neuigkeiten“ zu berichten, abgesehen von ihrer Hüft­operation oder den News der Familie, von denen wir bereits auf WhatsApp gelesen haben.
„Was gibt’s Neues?“ „Nichts als altes Zeug“, antwortet Onkel Heinz, aber die kleinen Nichtigkeiten, die er erzählt, die Weisheit, die er ausstrahlt, wenn man sich die Zeit nimmt, zu ihm hinzugehen und einen Kaffee mit ihm zu trinken, wiegen die Sensationsmeldung im Netz auf.

Aus Famille Chrétienne v. 15.-21.1.22



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