VISION 20006/2022
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Beten ist ganz einfach

Artikel drucken Über das Beten, das man nicht mit allzu großen Erwartungen überfrachten soll

Kürzlich ist die Autobiographie von Jacques Gauthier, einem Theologen, Schriftsteller und Dichter, der vor 20 Jahren eine radikale Bekehrung erlebt hat, erschienen. Auf Deutsch würde der Titel Buches „In Seiner Ge­gen­wart“ lauten. Im folgenden Gespräch spricht Gauthier über seine Erfahrungen mit dem Gebet.

 
Jacques Gauthier  

Ihr Buch trägt den Titel En sa présence. Nachdem Sie schon lange Erfahrung mit dem Gebet haben – was spüren Sie innerlich, wenn Sie vor Gott treten?
Jacques Gauthier: Wie sehr viele Beter, verspüre ich meistens nichts, soweit es meine Gefühlsebene betrifft! Und dennoch weiß ich: Er ist da! Das ist er, der Glaube, der nackte Glaube: Zu wissen, dass ich in Seiner Gegenwart bin. Das spielt sich nicht auf der Ebene der Gefühle ab, sondern im tiefsten Herzen. Natürlich geschieht es hin und wieder, dass ich kleine Lichtblicke erlebe. Das sind Momente, in denen ich tiefen Frieden und große Stille ohne Ablenkung erfahre. Diese seltenen Momente sind wahre Geschenke. Es besteht aber die Gefahr, dass man dann glaubt, morgen werde man das Gleiche erleben, und man verliert den Mut, sobald Ablenkungen und Trockenheit wieder einkehren. Daher sagte die heilige Teresa von Avila, dass man beim Beten nicht die Gnadengaben Gottes suchen soll, sondern den Gott der Gnaden: Ihn betrachten, Ihn, jenseits all dessen, was man empfinden, in Begriffe fassen oder erleben kann. Er ist jenseits von allem. Es genügt, einfach in Seiner Gegenwart zu sein, weil Er uns zugesagt hat, Er werde immer bei uns sein. „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Was antwortet man jemandem, der sich eine persönliche Begegnung mit Jesus Christus wünscht und sagt, er spüre nichts in Seiner Gegenwart?
Gauthier: Ich sage ihm, er mache eine Erfahrung, die alle Welt macht. Die Welt spürt ebenfalls nichts. Und wir – sollte unser Gebet etwa stets exstatisch, nur Jubel sein, während sich so viele junge Leute umbringen, es so viele Abtreibungen gibt, so viel Leid, so viel Sucht? Das passt nicht! Trockenheit im Gebet zu erleben, heißt, mit seinen Zeitgenossen solidarisch zu sein, auf gewisse Weise mit ihnen die Last der Welt zu tragen. In der Trockenheit des Gebets sind wir zutiefst Missionare. Schauen Sie die kleine Thérèse vom Kinde Jesu an: Sie erlebte in ihrem Gebetsleben Trockenheit und Dürre. Und doch war sie eine kleine Heilige mit großer Ausstrahlung, die rund um sich Freude verbreitete. Es ist ein Kreuz auszuharren, wenn man nichts verspürt. Aber je mehr wir das Kreuz erfahren, umso größer und tiefer wird unsere Freude.

Diese Menschen würden aber gern umwerfende Bekehrungen erleben, von Gott Zeichen empfangen…
Gauthier: Bekehrungen spielen sich nicht alle in der gleichen Weise ab. Sie kommen von Gott. Meine war wie ein Rauschzustand – ich nenne sie gern einen Honey Moon. Andere verspüren nichts oder meinen zumindest, nichts zu spüren. Sie bedürfen einer geistlichen Begleitung, damit sie lernen, Gottes Gegenwart in ihrem Leben zu erkennen: „Merkst du den Frieden, den du jetzt empfindest, aber vorher nicht hattest?“, „Merkst du nicht, dass sich etwas in deinem Leben verändert hat?“
Ich wiederhole jedoch: Gott ist jenseits der Gefühle. Manche Leute rennen von Exerzitien zu Exerzitien auf der Suche nach spürbaren Erfahrungen. Sie sind auf der Suche nach Gefühlsaufwallungen, die dann aber ebenso rasch abklingen, wie sie gekommen sind. Unsere Seele braucht mehr: Sie wird satt in der Gegenwart Gottes, im nackten Glauben, in der Stille, in der Wüste. Wir sind nicht alle Einsiedler, werden Sie mir erwidern. Aber wir können alle, ob in der U-Bahn, bei der Arbeit oder daheim, die Augen schließen, unser Herz öffnen und Ihm einfach Dank sagen.
(…)
Hat man nicht oft eine zu komplizierte, intellektuelle Vorstellung von der Suche nach Gott?
Gauthier: Ja, das stimmt. Diese Suche verläuft allzu oft nach unserer eigenen Vorstellung, und dabei ist Gott da, überall. Zunächst ist Er dauernd und ganz einfach gegenwärtig in Seinem Wort. Es ist in unserer Reichweite und bietet ausreichend Nahrung. Manche sind dauernd auf Neuigkeiten aus. Es muss das neue Buch sein, das eben erst erschienen ist. Es sei besser als das alte, würde uns besser den Weg zu Gott weisen. Aber ein 50 oder 300 Jahre altes Buch ist gleich gut wie die Bücher von heute. Es gibt fulminante Erfahrungen bei Johannes vom Kreuz, dem heiligen Bernhard, dem heiligen Augustinus oder bei den Kirchenvätern, die heute noch aktuell sind. Warum sollten sie überholt sein?
(…)
Was ist die größte Bedrohung für unser geistiges Leben?
Gauthier: Die Routine. Nicht mehr staunen zu können. „Mit der Zeit ist alles aus,“ hat Léo Ferré gesungen. Man geht in die Messe, weil man es immer schon getan hat und ohne ansprechbares Herz. „Es gibt etwas Schlimmeres, als eine perverse Seele zu haben, nämlich eine in der Routine erstarrte,“ stellt Charles Péguy fest. „Mit der Zeit liebt man nicht mehr,“ zu diesem Schluss kam Léo Ferré. Es ist die Gefahr des älteren Bruders im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Und dann gibt es die Acedia, diese Art Traurigkeit und Erschlafftheit der Seele. Diese Gefahr ist zunehmend bedrohlich, denn unser überladenes Leben begünstigt diese Erscheinung. Jeder sollte diesbezüglich wachsam sein, die Vorzeichen beachten und nicht zögern, sich bei einer Einkehr Kraft zu holen oder ein schönes, spirituelles Buch zu lesen, das uns wieder auf den Weg zurückführt. Die Acedia kann aber auch eine Gnade sein, weil sie uns helfen kann, uns infrage zu stellen und zu ändern. Uns erkennen zu lassen, dass wir uns schon so sehr an die Gnade gewöhnt hatten, dass wir für sie undurchlässig geworden waren.

Alles in allem bezeugen Sie seit 70 Jahren durch ihre dichterischen, ihre einfachen Worte, dass sich Gottes Gnade in allen Dingen verbirgt.
Gauthier: Ja, der Herr bezeugt sich durch uns. Er braucht uns. Er bettelt um unsere Liebe. Er ruft laut: „Mich dürstet. Gebt mir zu trinken.“ Wonach dürstet Ihn? Nach uns! Nach unserem Ja, nach unseren Händen, nach unserem Herzen. Benedikt XVI. sagte: „Die ganze Dreifaltigkeit offenbart sich durch diesen Schrei Jesu am Kreuz.“ Wir denken, dass wir uns nach Gott sehnen, aber es ist Er, der uns sucht und der auf uns wartet. Und man bereitet Ihm eine riesige Freude, wenn man sich lieben lässt und aufhört, links und rechts herumzusuchen. Ununterbrochen sagt uns der Herr: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt, ich werde euch Ruhe verschaffen. Ich bin gütig und von Herzen demütig.“ Glauben wir daran oder nicht?

Auszug aus einem Interview mit Jacques Gautier, der mehr als 80 Werke veröffentlicht hat. Zuletzt erschien: En sa présence, Artège 2022, 336 Seiten, 21,90 €. Das Gespräch mit ihm hat Antoine Pasquier geführt.

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