VISION 20003/2000
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Leben an der Hand Gottes

Artikel drucken Befreit vom Kreisen um die eigenen Sorgen (Christof Gaspari)
Leben an der Hand Gottes

Jedes Jahr freue ich mich auf die Lesungen zu Beginn der Osterzeit. In den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte wird da beschrieben, wie Petrus und Johannes, nachdem sie den von Geburt an Gelähmten im Tempel geheilt und die Auferstehung Christi verkündet hatten, vor den Hohen Rat zitiert werden...

Mit welchem Freimut sprechen die Apostel da! Den Mächtigen, die gerade erst ihren Meister zu einem schrecklichen Tod verurteilt hatten, erklären sie nun: "Ob es vor Gott recht ist, mehr auf euch zu hören als auf Gott, das entscheidet selbst. Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben." (Apg 4,19f)

Dabei hatte Petrus ein paar Monate vorher Jesus aus Angst verraten. Wieso dieser Wandel? Was hat diese radikale Veränderung hervorgerufen? Offenbar hatten die Jünger eine Erfahrung gemacht, die ihr Leben von Grund auf verändert hatte. Eine neue Dimension war da aufgebrochen.

Vor dem Hohen Rat war Jesus für die Jünger offenbar nicht mehr nur einer, der mit Vollmacht eine faszinierende Lehre verkündet und erstaunliche Wunder gewirkt hatte, und von dem sie gemeint hatten, man könnte in Seinem Reich Karriere machen. Jesus hatte sich vielmehr als der geoffenbart, dem alle Macht im Himmel und auf der Erde gegeben war, nachdem Er den Tod hinter sich gelassen hatte und durch diese für den Menschen unausweichlich letzte Katastrophe souverän hindurchgeschritten war.

Aber selbst diese Einsicht hatte in den Tagen zwischen Ostern und Pfingsten nicht gereicht, eine solche Wandlung hervorzurufen. Es bedurfte noch einer wesentlichen Erfahrung: Der Heilige Geist, Gott selbst also, hatte in ihnen Wohnung genommen und damit eine radikale Änderung ihrer Existenzform bewirkt. Der Apostel Paulus, der Jahre später dieselbe Erfahrung machen wird, hat deren Ergebnis so beschrieben: "Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir." (Gal 2,20)

Diese Erfahrung ist es, die die Apostel in die wahre Freiheit geführt, ihnen die Angst genommen und neue Horizonte erschlossen hat. Und dieses Geschehen ist es, das die Kirche über die Zeiten hinweg lebendig erhalten hat: Wo Menschen sich für das Wirken Gottes öffnen, betreten sie den Weg der wahren Befreiung.

Sie entsteht aus der liebevollen Nahebeziehung zu dem, der alles geschaffen hat und alles in Händen hält. Sie ergibt sich aus der Tatsache, daß Gott die Last von unseren Schultern nehmen will, wenn wir Ihn nur lassen. Wer sein Leben in die Hände Gottes legt, in dem wächst das Vertrauen, daß alles, was von nun an in seinem Leben geschieht, durch Gottes geheimnisvolles Wirken heilsträchtig wird - für ihn selbst und für die anderen.

Das ist die große Befreiung, die auch heute viele Menschen erleben, wenn sie zu einem lebendigen, persönlichen Glauben finden. Wenn von Erneuerung in der Kirche gesprochen wird, dann geht es darum, die Menschen zu dieser befreienden Begegnung mit Christus zu führen.

Wer diese Begegnung - und sie geschieht in den unterschiedlichsten Formen - erfahren hat, für den gibt es einen tiefen Einschnitt im Leben. Für ihn gibt es das Leben vorher - und nachher. Viele wissen auf den Tag genau, wann alles einen neuen Anfang genommen hat. Manche können die Stunde nennen.

Vor ziemlich genau 29 Jahren wurde mir diese Erfahrung geschenkt - unverdient, weil als Agnostiker an Glaubensfragen uninteressiert. Aber welche tiefe Freude hielt damals Einzug in mir! Welche Gewißheit, daß der Herr es gut mit uns Menschen meint! Welche Offenheit für die Schönheit der Schöpfung! Ich begann meine Umgebung mit neuen Augen zu sehen. Hatte plötzlich jederzeit einen Gesprächspartner, von dem ich wußte, daß Er mir mit größtem Wohlwollen und Verständnis zuhörte. Vor allem aber war die Last von meinen Schultern genommen, selbst meines Glückes Schmied sein zu müssen, war ich doch Dem begegnet, Dem ich mein Leben anvertrauen konnte.

Zugegeben: Die Hochstimmung dieser wunderbaren Zeit nach der ersten Bekehrung hielt nicht an. Sie konnte nicht anhalten. Zeiten der Prüfung, Grenzerfahrungen, die die Beziehung zu Gott vertiefen, waren notwendig. Sie wechselten mit neuen Erfahrungen der Nähe und der Führung Gottes ab. Eine Gewißheit aber blieb über alle Jahre hinweg erhalten: daß die Schrift wahr ist und Gottes Gebote Wegweiser zu einem erfüllten Leben sind.

Als der Kirche Fernstehender hatte ich vorher keinerlei Verständnis für die Gebote gehabt. Im Grunde genommen hatten sie mich auch gar nicht wirklich interessiert. Und manches war mir vollkommen unzeitgemäß erschienen, von der Entwicklung überholt, etwa die Aussagen zur Empfängnisverhütung - engstirnig, engherzig! Nicht daß sich alle meine Einwände von heute auf morgen aufgelöst hätten. Keineswegs: Marienverehrung, regelmäßige Beichte, Fragen der Empfängnisregelung und anderes blieben Fragen, zu denen ich zunächst keinen Zugang hatte. Aber eines wußte ich: Gott hatte mich in Seine Kirche heimgeholt, weil Er es gut mit mir meinte. Ihre Lehre würde mir Wege des Heils weisen. Und weil es so viel Wunderbares zu entdecken gab, mußte ich ja nicht gerade mit jenen Wegweisungen anfangen, die mir schwer zugänglich erschienen. Sie würden sich mit der Zeit erschließen. Geduld.

Und genau diese Erfahrungen durfte ich in den letzten Jahrzehnten machen. Je mehr ich mich mit der Lehre der Kirche beschäftigte, umso mehr entdeckte ich, wie liebevoll sie vorgetragen und wie wertvoll sie für die Ausrichtung des Lebens war. Und vor allem: Wie sehr die Gebote Wegweiser in die Freiheit sind.

Leider kommt diese Botschaft in unserer Zeit, die vielfach von einer eher kirchenfeindlichen Polemik beherrscht ist, nicht bei den Menschen an. Daran sind auch wir Gläubigen schuld, lassen wir uns doch allzu sehr in Debatten über die "heißen Eisen" ein und treten dabei leicht mit erhobenem Zeigefinger auf und erwecken den Eindruck, beim Glauben ginge es vor allem um Gebote und Verbote, um Moral und Wohlverhalten

Nein: Das Wesentliche an unserem Glauben ist Jesus Christus, der auferstandene Herr, der uns den Heiligen Geist schenkt und Wohnung in uns nimmt, damit nicht mehr wir leben, sondern Er in uns. Damit nicht mehr wir allein die Last unseres Lebens zu tragen haben, sondern Er mit uns.

"Fürchtet Euch nicht, öffnet Eure Tore weit für Christus!", rief Papst Johannes Paul II. in der ersten Ansprache nach seiner Wahl der Welt zu. Er hat uns damit den Weg in die Freiheit gewiesen.

Christof Gaspari

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