VISION 20003/2000
« zum Inhalt Zeugnis

Ein Papst auf den Knien

Artikel drucken Eindrücke von der Israelreise Johannes Paul II. (Christoph Hurnaus)

Unser Freund Christoph Hurnaus hat den Papst auf dessen Israelreise begleitet - und war äußerst beeindruckt von diesem Höhepunkt des Pontifikats.

Bei dieser Pilgerreise kam Johannes Paul II. in ein Land, das noch immer in der Zerissenheit des Sechs-Tage-Krieges von 1967 lebt. Wie der päpstliche Hausprediger Raniero Cantalamessa am Rande des Besuches meinte, gelang es dem Pilger aber in dieser Zeit einen "Sechs-Tage-Frieden" herzustellen. Wohl niemand hätte ihm das zugetraut.

Durch seinen Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte "Yad Vashem" brach der Papst auch das Eis im Verhältnis zu den Juden, den älteren Brüdern der Christen. Tiefbewegt betete der geschwächte Pilger aus Rom an diesem Ort der Erinnerung und sprach über das Unrecht, das dem jüdischen Volk in seiner Geschichte widerfahren war.

Am letzten Tag seiner Reise besuchte Johannes Paul II. die Klagemauer, den heiligsten Ort des Judentums. Er las still den Text aus der Vergebungsbitte, den er anschließend in eine Mauerritze steckte. Diese demütige Geste - sie soll die Christen auch daran erinnern, daß das Heil von den Juden kommt - trug viel dazu bei, daß man die Beziehungsgeschichte zwischen Katholiken und Juden nach diesem Besuch neu wird schreiben können.

So meinte der in Israel bekannte Publizist Uri Avneri in einem Kommentar zum Papstbesuch: "Ich habe auf den Papst geschaut und bin von Neid erfüllt worden. Ich habe die Katholiken um so eine Führungsgestalt beneidet (...) Ein gebrechlicher alter Mann, der stundenlang im Wind stand und über das Leiden anderer sprach, überbrachte eine Botschaft über Gerechtigkeit und Menschenliebe. Eine Botschaft, die aus dem Herzen kam, denn dieser Mann hat sie unter Beweis gestellt. (...) Das Bild des Christen war bisher für den Juden der Kreuzfahrer oder der feindselige Herrscher. Jetzt wird der Christ als ein alter Mann gesehen, krank und mit milder Stimme, der viele jüdische Jugendfreunde hat."

Der Papst brachte seine Botschaft nicht nur dem jüdischen Volk, sondern auch den Palästinensern, mit deren Leid er sich solidarisch zeigte. Tiefbewegt betete er, nachdem er einen Gottesdienst mit den Christen Palästinas in Betlehem gefeiert hatte, 20 Minuten an der Geburtsgrotte. In seiner Predigt sagte der Papst, es sei die ewig gültige Botschaft Betlehems, der Geburtsstadt Christi, daß nicht Gewalt, Wohlstand und Eroberung die menschliche Geschichte forme, sondern die Kraft, dem Bösen zu widerstehen und Sünde und Tod zu besiegen.

Johannes Paul II. besuchte auch ein Flüchtlingslager in der Nähe Betlehems. Den 10.000 Flüchtlingen im Lager Daheishe rief er zu, ihre menschliche Würde nicht zu vergessen. Und er ermutigte sie: "Fürchtet Euch nicht, euer langes Leiden steht vor den Augen der Welt". Der Pontifex verbeugte sich vor beiden Völkern, Juden und Palästinensern, und beschämte alle, die gemeint hatten, er würde diese hochpolitische Mission nicht bestehen können. Er kam mit der Botschaft des Friedens, des Dienens, ja des Knieens - einer Botschaft, die auch von Nichtchristen verstanden wurde.

Bewegend sein Besuch in der Grabeskirche in Jerusalem, die er den heiligsten Ort der Erde nannte - für ihn der Höhepunkt seiner Reise. Außer Protokoll kehrte er ein zweites Mal dorthin zurück, bewegt von dem Wunsch, jene Stätte, "wo Christus sein Blut für die Menschheit vergossen hat," noch einmal zu sehen. Im Abendmahlsaal feierte er die erste katholische Messe seit 1551 und verharrte dort 25 Minuten knieend im Gebet. In den Gemächern, in denen die Apostel mit Maria auch die Herabkunft des Heiligen Geistes erfleht hatten, betete der Papst für ein neues Pfingsten.

Die größte und eindrucksvollste Feier fand am Berg der Seligpreisungen, am See Genezareth statt. Über 100.000 Jugendliche aus allen Teilen der Welt, vorwiegend aus der Gemeinschaft des neokatechumenalen Weges, waren gekommen, um mit ihm zu feiern. Johannes Paul II. stellte den Jungen die zehn Gebote und die Seligpreisungen der Bergpredigt als den "Königsweg zur geistlichen Reife und Freiheit" vor.

An dieser Messe nahm auch der Wiener Kardinal Christoph Schönborn teil, der den Besuch des Papstes eine "Sternstunde der Weltgeschichte" nannte und erklärte: "Der Papst repräsentiert nicht eine museale Geschichte, er macht die Aktualität des Evangeliums sichtbar".

Vor seinem Aufenthalt in Israel hatte der Papst Jordanien besucht. Dort hatte ihm König Abdullah II, ein direkter Nachfahre des Propheten Mohammed, überaus herzlich empfangen. Obwohl es im hashemitischen Königreich nur etwa vier Prozent Christen gibt, drückten überall in Amann Spruchbänder wie: "Vatikan + Jordan = friendship + nobility" eine besondere Wärme dem Papst gegenüber aus.

Als Führer einer weltumspannenden Gemeinschaft ging der geschwächte Pilger allen Katholiken in diesem Heiligen Jahr voraus. Er ermutigte uns alle, uns besonders in diesem Jahr des Jubels auf eine geistige Pilgerschaft und spirituelle Reise zu begeben. Die Freude über dieses von ihm ersehnte Geschenk Gottes sei nicht in Worte zu fassen, sprach ein sichtlich gerührter Papst nach seiner Rückkehr zu Pilgern in Rom.

Johannes Paul II. war nicht mit der Vitalität seiner Aufbruchsjahre als Pontifex, in denen er die ganze Welt eroberte, unterwegs, auch wenn er optisch einen viel besseren Eindruck vermittelte, als während des Österreichbesuches vor zwei Jahren. Er kam als ein Papst, der den Kreuzweg geht, für die Schuld und Sünden der gespaltenen Christenheit und der Welt. Durch die Mühsal des Kreuzes gezeichnet und durch sein Knien und Dienen erreicht er die Herzen der Menschen jedoch mehr als je zuvor. Am Anfang des neuen Jahrhunderts steht der Papst als letzte große moralische Autorität vor der Welt.

Christoph Hurnaus

© 1999-2020 Vision2000 | Sitz: Beatrixgasse 14a/12, 1030 Wien | Mail: vision2000@aon.at | Tel: +43 (0) 1 586 94 11