VISION 20006/2001
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Den anderen annehmen - jetzt und hier

Artikel drucken Barmherzigkeit: eine Herausforderung, die sich bei jeder Begegnung neu stellt (Maria Loley)

Maria Loley hat von jung an ihr Leben in den Dienst ihrer Mitmenschen gestellt - bis heute. Wer hätte uns besser als sie Auskunft geben können, was mit Barmherzigkeit gemeint ist - und wie man diese im Alltag lebt?

Barmherzigkeit - ein gerade von Christen oft verwendeter Begriff: Was bedeutet er eigentlich?

Maria Loley: Das zentrale Merkmal der Barmherzigkeit ist: Der Barmherzige läßt sich betreffen. Er wird getroffen von der Not, vom Schmerz des Menschen, der ihm begegnet. Wenn der Barmherzige dem Elend begegnet, dreht es ihm den Magen um - und er handelt sofort. Im Geheimnis der Menschwerdung erkennen wir, daß es Gott so geht in Bezug auf den Menschen.

Im Evangelium heißt es, seid barmherzig, weil auch Gott barmherzig ist. Ist der Mensch da nicht überfordert?

Loley: Nein. Die Menschen übersehen, daß Gott auch in ihnen Barmherzigkeit bewirken will. Außerdem muß man sehen, daß das Evangelium eben eine Herausforderung darstellt. Es verlangt eine totale Umkehr, die ein langer, ein lebenslanger Prozeß ist. Aber sie braucht den Entschluß im Augenblick. Ich werde mich nie bekehren, wenn ich sage: “Übermorgen treffe ich dann eine Entscheidung."

Was kennzeichnet die Barmherzigkeit?

Loley: Am besten sieht man das am Gleichnis des barmherzigen Samariters: Da sind schon zwei Kompetente vorübergegangen, obwohl sie gesehen hatten, was los war. Sie hatten wichtigere Aufgaben zu erfüllen. Der Samariter aber sieht den unter die Räuber Gefallenen - und hat Mitleid. Er leidet mit. Das Mitleiden setzt Barmherzigkeit in Bewegung.

Jede andere Aufgabe tritt da also vor der Not, der man begegnet, zurück.

Loley: Sicher. Der Herr sagt ja: Barmherzigkeit will ich - nicht Opfer. Dem Priester und dem Leviten war das Opfer wichtiger.

Die beiden haben sicher den Zehent gegeben, waren eben irgendwie anders barmherzig...

Loley: Man darf Barmherzigkeit nicht als Großkonzept sehen. Es geht vielmehr darum, daß ich mich heute, hier und jetzt dem anderen zuwende! Es fängt damit an, daß ich den anderen sehe - oder eben nicht. Und dann muß ich mich betreffen lassen. Ich muß handeln. Der Samariter hat die Erstversorgung der Wunde gemacht, er hat den Mann auf sein Reittier aufgeladen, ihn in die Herberge gebracht. Dort hat er die weitere Versorgung delegieren können - allerdings hat er sie bezahlt! Dann erst ist er seinen weiteren Aufgaben nachgegangen. Aber er war nicht so von ihnen gefangen, daß ihm dies den Blick für die Not und die Bewegung des Herzens versperrt hätte. Und er hat die Sache nicht gleich abgehakt, sondern gesagt: Wenn Du mehr brauchst, bekommst Du es, wenn ich zurückkomme. Er hat sich also für die ganze Wiederherstellung des Mannes verantwortlich gefühlt.

Wie kann man zu dieser Haltung der Barmherzigkeit kommen? Kann man da bestimmte Schritte setzen?

Loley: Aus meiner Erfahrung würde ich meinen: Ich muß innehalten können. Um mich betreffen zu lassen, muß ich meinen Schritt anhalten. Und das kann und muß ich üben. Sonst geschieht es, daß ich heute zurückdenke: Ja, gestern, da war einer, der hat elend ausgesehen... Das Gehetztsein ist ein zentrales Problem unserer Zeit, und es führt dazu, daß so viel “Herztätigkeit" nicht zustande kommt.

Ein Ansatzpunkt wäre demnach, sein Leben nicht total zu verplanen...

Sicher. Die Ausbeutung des arbeitenden Menschen heute nimmt ihm jeden Freiraum, in dem er er selbst werden kann. So wird der Mensch völlig verfügbar - ein modernes Sklaventum.

Die moderne beschleunigte Welt programmiert also auf Unbarmherzigkeit.

Loley: Und dabei ist die Barmherzigkeit im Menschen als eine Urfähigkeit grundgelegt. Allerdings steht sie im Spannungsfeld zum Egoismus. Es braucht also die Entscheidung. Wenn ich mich also nicht völlig versklaven lasse, kommt die Barmherzigkeit in mir hoch. Daher ist es wichtig, daß wir unseren Mitmenschen dazu verhelfen, innehalten zu lernen. Da kam einmal ein junger Mann - er war voll auf Karriere ausgerichtet - zu mir. Er könne nicht mehr zuhören, habe er festgestellt. So könne er nicht leben. Was er tun soll? Mein Rat: Zunächst einmal in sternenhellen Nächten den Himmel betrachten, auf das Plätschern des Baches hören, den er auf seinem Heimweg entlanggeht, dem Zwitschern eines Vogels lauschen. Stehen bleiben und horchen. Schon mit Kindern sollte man das üben.

Der Papst hat den Sonntag nach Ostern zum Sonntag der Barmherzigkeit proklamiert. Welchen besonderen Auftrag stellt das dar?

Loley: Wir müssen von der Barmherzigkeit sprechen, auf ihre Sieghaftigkeit hinweisen. Tag für Tag erlebe ich diese Sieghaftigkeit an den Klienten. Dazu ist zu sagen: Die Barmherzigkeit hat verschiedene Gesichtszüge. Zu ihr gehören die Güte, die Freude, die Zärtlichkeit, die Behutsamkeit. Die Menschen müssen nicht erst unter die Räuber fallen, damit ich barmherzig werde. Ich kann sie von früh bis spät leben...

Erzähle ein Beispiel.

Etwa in der Art, wie ich jemanden, der hereinkommt, grüße. Was immer ihn gerade bewegt, Frust, Ärger oder Niedergeschlagenheit, ich grüße ihn mit Herzlichkeit. Das muß nicht dick aufgetragen sein. Ich eröffne dem anderen eine Begegnung, die von Herzen kommt. Der Barmherzige spricht mit dem Herzen. Was immer der andere wollte, primär braucht er einen Menschen, der ihn versteht, der bereit ist, mit ihm mitzufühlen. Jeder erwartet sich, daß man mit ihm fühlt. Und dieses Mitfühlen verlangt von mir wenigstens das innere Innehalten.

Wichtig ist, daß ich den anderen anschaue. Ich merke immer mehr, daß wir einander fast nie in die Augen schauen. In den Augen wird aber offenbar, was wir mit dem Herzen sagen wollen. Die Freundlichkeit hat einen besonderen Ausdruck im Blick. Und die Güte muß man hören.

Es geht also im Grunde genommen um ganz einfache Dinge...

Loley: Ja, und immer wieder um die Frage: Kann ich den anderen mehr lieben? Vor allem, wenn er mir unsympathisch ist und mir ungelegen kommt. Laß ich mich von diesen Umständen aufhalten? Einengen?

Liebe also auch dann, wo mich nicht das Gefühl dazu drängt?

Loley: Wichtig ist die Liebe: Ich muß dem anderen das schenken, was ihn aufbaut. Die Liebe schielt dabei nicht nach dem Resultat. “Jetzt habe ich schon so viel getan, und..." Natürlich will ich, daß der andere aufgebaut wird. Aber das muß nicht nach meinen Vorstellungen gehen. Die Liebe ist am wirksamsten, wenn sie bedingungslos geschenkt wird - in den kleinsten Alltäglichkeiten.

Kannst Du das noch etwas illustrieren?

Loley: Wie wichtig ist ein ermutigendes Wort! Fast alle Menschen sind heute hoffnungsarm bis hoffnungslos. Und noch etwas: Man muß dem anderen die Möglichkeit geben, wirklich über sein Befinden zu sprechen. Ihn daher möglichst konkret fragen: Wie fühlst Du dich mit diesen Zores? Kannst Du schlafen?

Also nicht das routinemäßige: Wie geht's?

Loley: Es geht um einfühlsame Fragen.

Wird einer, der sich so verhält nicht dauernd mißbraucht?

Loley: Und wenn schon. Bei den 5.000, die Jesus gespeist hat, waren sicher nicht nur nach unseren Vorstellungen würdige Abnehmer. Wieviel läßt Gott sich mißbrauchen! Und wir gehen mit der Apothekerwaage herum. Wir haben so viel Angst, von unserer Großherzigkeit könnten Unwürdige profitieren. Noch einmal: Die Fähigkeit zur Barmherzigkeit ist in uns drinnen. Sie muß sich entfalten können. Dann werde ich vom Schöpfer in dieser Entfaltung geführt und belebt. Das geschieht vor allem, wenn ich meinen Dienst an den Mitmenschen nicht als eigene Superleistung sehe, sondern als Ausdruck des Mitmenschseins.

Stelle ich mich in dieser Dienstauffassung dem Heiligen Geist, dann wirkt Gott, denn Er hat ja längst vor mir Erbarmen mit dem, der hungert oder verzweifelt ist. Und ich stelle mich Gott zur Verfügung, muß in meinem Dienst verharren, damit die Impulse des Geistes auf der ganzen Ebene wirken können. Wenn wir die Bereitschaft haben, Gott wirken zu lassen, können unglaubliche Dinge passieren!

Was heißt in diesem Zusammenhang verharren?

Loley: Jeden Tag wieder neu anfangen.

Barmherzigkeit ist also kein Kapital, über das ich ein für alle Mal verfüge.

Loley: Es nimmt zwar zu, gewinnt Gestalt und Kraft. Aber wir müssen wissen: Wir tragen unseren Schatz in zerbrechlichen Gefäßen. Wenn ich heute Erfolge erlebe, so muß ich wissen, daß ich morgen schrecklich entgleisen kann, wenn ich zu sehr mit meiner Tüchtigkeit rechne. Ich muß mir immer wieder in Erinnerung rufen, daß ich arm und bedürftig bin und alles empfangen muß. Darum sagt Jesus: Wenn ihr alles getan habt, dann sagt, ihr seid unnütze Knechte. Dieses Wort habe ich lange nicht verstanden. Es heißt einfach: Wir müssen Gott jeden Tag neu in uns wirken lassen.

Welche Wege führen also zum Wachstum der Barmherzigkeit?

Viele. Ein wesentlicher ist die Begegnung. Dann die Freude, wenn dem anderen etwas Gutes geschieht. Oder daß ich anerkennen kann, wenn ein anderer eine gute Idee hat. Oder daß ich mit anderen Freude teile, etwa meinen Urlaub mit jemandem, der sich das nicht leisten könnte. Oder zu fasten, um für jemanden etwas zu gewinnen. Dann Selbstbesteuerung: Wenn ich in dieser Richtung nicht irgendetwas tue, bin ich ein erstarrter Mensch. Ich muß wissen, daß ich eine Verantwortung zum Teilen habe. Eines muß mir klar sein: Der Geiz fällt mir sicher einmal auf den Kopf. Und noch etwas: Man muß der Vorsorgeangst den Kampf ansagen. Ich muß nicht heute schon für 2003 vorsorgen!

Aber die Versicherungsmentalität wird uns doch heute von allen Seiten eingeimpft.

Loley: Das muß man aber abbauen. Wir brauchen mehr Wagemut. Wer nichts wagt, wird keine Glückserlebnisse haben. Es gibt kein Erfolgserlebnis ohne Wagnis. Soll das Menschsein ohne Risiko zum Erfolg führen? An allen Ecken und Enden ertönt der Schrei nach Menschlichkeit. Auf den müssen wir antworten, weil der andere Mensch mich etwas angeht.

Das Gespräch führten Alexa und Christof Gaspari.


Hilfe in äußerster Bedrängnis

Ich begrüße die Frau herzlich. Sie scheint völlig verzweifelt, wirkt antriebslos. Zwei Monate Mietrückstand, Angst, die Wohnung zu verlieren... Sie erzählt: Der unglückselige Punkt, der ihre Geschichte zum Kippen brachte, war der Betrug eines Rechtsanwalts. Er hat ihr 35.000 Schilling herausgelockt. Dabei hat sie nur einen Hausbesorgerposten. Sie nimmt einen Bankkredit auf, um den Rechtsanwalt zu bezahlen. Er verspricht ihr ein Dokument, mit dem sie sofort die Staatsbürgerschaftsurkunde ausgehändigt bekommt. Alles andere für die Staatsbürgerschaft war schon erledigt. Die rasche Abwicklung war für sie wichtig.

Endlich hat sie das teure Dokument, bringt es zur Behörde - es erweist sich als Fälschung. Katastrophe. Für die Tilgung des Kredits haften Gehalt und Kinderbeihilfe. Der Mann hat sich abgesetzt, sorgt nicht für die Familie. Die Frau und ihre Kinder leben von der Hand in den Mund.

Jetzt steht sie vor mir. Hast Du schon gefrühstückt? “Nein. Man muß nicht immer essen." “Hast Du 10 Minuten Zeit?" Ich hole etwas aus der Küche. “Was gibt es zu Mittag für die Kinder?" “Brot und Butter sind noch da." “Wie reagieren die Kinder?" “Sie maulen." Ich gebe ihr ein paar hundert Schilling. “Kauf etwas ein." Wegen der Miete rufe ich einen Bekannten an: “Hast Du 1.000 Schilling für einen akuten Notfall?" “Dürfen es auch 5.000 sein?" Eine erste Hilfe ist es - für Miet- und Stromschulden. Mittlerweile haben wir weiter helfen können - auch bei der Bank: Erreicht, daß ihr mehr Geld für den Lebensunterhalt bleibt.

Zuletzt erzählt sie: “Ich habe nur mehr an Selbstmord gedacht." Daß sie gekommen ist, war ein letzter Versuch. Aber das ist kein Einzelfall. Oft sind die Situationen menschlich hoffnungslos. Dann warte ich, daß sich von Gott ein Weg öffnet.

Das ist unser Alltag. Ich muß dauernd schauen, wie ich das Geld zur Linderung der vielen Not zusammenbettle...

Maria Loley

Spenden für Maria Loleys Aktion Mitmensch: BLZ: 11000 (CA) Kt.Nr: 0861-58003/00


Anderen zu helfen, besiegt die Angst

Er ist von Hayamat, einer Einrichtung für Foltergeschädigte, betreut worden. Dort behandeln sie ihn wegen seiner furchtbaren Angstzustände. Sie verfolgen ihn, seitdem er an einer Studentendemonstration im Iran teilgenommen hat. Dort mußte er miterleben, wie die Polizei acht Kollegen aus dem dritten Stock auf die Straße geworfen hat. Seither überfällt ihn immer wieder plötzlich eine Panik. Er sieht beispielsweise gegenüber Polizisten und plötzlich verwandelt sich das Bild in die traumatische Szene - und er erstarrt. Dann müssen wir ihn wachkriegen. Er zittert am ganzen Körper.

Der junge Mann ist derzeit auf dem Weg zum Christentum. Eines Tages erschien er bei uns in der Kirche. Seitdem kommt er regelmäßig. Zaundürr. Wenn er kommt: Hast Du gegessen? Nein. Also koch einmal einen Kaffee, ich komm' gleich, hol aus der Küche schnell Brot, Butter, Wurst, Käse, Yoghurt... eine Tasche voll. Am Sonntag frühstückt er jetzt immer bei uns mit. Aber stets die Angst, er könne abgeschoben werden. Der Asylantrag läuft, unerledigt.

Mittlerweile hat er erkannt, daß der Koran nicht die Wahrheit ist. Hier bei uns macht er jetzt kleine Botendienste. Das macht ihn glücklich, wenn er für andere etwas tun kann. Er ist draufgekommen, daß nur das ihm hilft. Er betont das immer wieder: Damit kommt er über seine Angst hinweg.

Maria Loley

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