VISION 20006/2001
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Ich hörte auf die Stille

Artikel drucken Mit Henri Nouwen sieben Monate in einem Trappistenkloster (Bernhard A. Eckerstorfer OSB)

Henri Nouwen gilt als einer der bedeutendsten geistlichen Schriftsteller unserer Zeit. Der holländische Priester lehrte Pastoraltheologie an renommierten Universitäten der USA und lebte zuletzt bis zu seinem Tod in einer kanadischen Arche-Gemeinschaft mit Behinderten.

1974 verbrachte er sieben Monate in einem Trappistenkloster im Staate New York. Die daraus hervorgegangenen Tagebuchaufzeichnungen machten ihn weltbekannt. Nun hat der Herder-Verlag diesen modernen Klassiker spiritueller Literatur in neuem Gewande wieder aufgelegt.

Von der ersten Tagebuchaufzeichnung bis zur letzten führt Nouwen den Leser in eine andere Welt, eine Klosterwelt des Betens und Schweigens. Er läßt uns teilhaben an seiner dadurch ausgelösten bitteren und doch so heilsamen Selbsterkenntnis wie auch an den vielen tiefsinnigen Gesprächen mit dem Abt des Klosters.

In ihrer Unmittelbarkeit werfen diese aus konkreten Situationen sprechenden Zeilen großartige Gedankenanstöße auf, die der Leser wohl leichter für sein Leben fruchtbar machen kann als so manches hochgeistige Buch über Gebet und christliche Lebensgestaltung. Denn man geht auf Schritt und Tritt mit einem großen Gottsucher in die Stille seines Herzens und in die Weite seiner Sehnsucht - und erkennt sich in vielem plötzlich wieder.

Es klingt eben nicht theoretisch und abgehoben, sondern ist durch eigene Erfahrung erkannt, wenn da einmal steht: "Klöster baut man nicht, um darin Probleme zu lösen, sondern um Gott aus all seinen Problemen heraus zu loben." Nouwen erfaßt das unsensationelle Wesen klösterlichen Lebens genau und gießt es an anderer Stelle in diese schlichten Worte: "Ich ertappe mich immer wieder bei dem Wunsch, etwas Besonderes zu tun, einen Beitrag zu leisten, etwas Neues hinzuzufügen, und ich muß mich ständig daran erinnern, daß ich, je weniger ich bemerkt werde, je weniger besondere Aufmerksamkeit ich suche und je weniger ich anders bin, desto besser das monastische Leben lebe."

Ein ständig wiederkehrendes Motiv dieser Tagebucheintragungen ist, Gott nicht nur im Chorgebet zu lobpreisen, sondern gerade auch die mühevolle Arbeit zum Lob Gottes zu machen. "Die meisten Menschen glauben, man gehe ins Kloster, um zu beten. Nun, ich habe diese Woche zwar mehr gebetet als früher, aber ich habe auch entdeckt, daß ich noch nicht gelernt habe, meiner Hände Arbeit zum Gebet zu machen."

Nouwen romantisiert den siebenmonatigen Rückzug in die Einsamkeit durchaus nicht. "Ich empfinde oft Heimweh nach der Welt mit ihren Schmerzen und Problemen." Auch wenn es uns auf die Nerven geht - wir sind doch oft süchtig nach dem stressigen Alltagsleben, das uns Selbstwertgefühl zu vermitteln scheint. Gerade deshalb kann dieses Klostertagebuch eine hervorragende Schule sein, in der Stille auf Gott zu hören und in den gewöhnlichen Dingen ihn zu erblicken.

Bernhard A. Eckerstorfer OSB

Ich hörte auf die Stille. Sieben Monate im Trappistenkloster. Von Henri Nouwen, Herder-Verlag, Freiburg 2001, 272 Seiten, öS 218

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