VISION 20006/2001
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Pinocchio oder die Frage nach Gott

Artikel drucken (Giacomo Kardinal Biffi)

Der Erzbischof von Bologna legt mit der Interpretation der weltberühmten Kindergeschichte von Carlo Lorenzini, vulgo Collodi, ein höchst interessantes und wertbeständiges Buch vor, das trotz einer gewissen Kürze und Prägnanz doch nicht leicht ausschöpfbar ist.

Es ist erstaunlich, wie zwanglos das anspielungsreiche Märchen auf die Grundwahrheiten des katholischen Glaubens hin ausgelegt werden kann.

Die Schaffung eines hölzernen Hampelmannes, der “Sohn" werden soll, aber sofort aus dem Vaterhaus davonläuft, kaum daß er sich seiner bewußt wird, die Beseitigung der sprechenden Grille, die Pinocchio auf den rechten Weg zurückbringen will, das Eingehen auf die listigen Vorschläge von Fuchs und Kater, die Begegnung mit dem schönen Mädchen bieten ebenso reichlich Stoff für weiterführende Überlegungen wie die ernsthafte Suche Pinocchios nach dem Vater, das abermalige Wählen des Bösen und der letztlich, aber nicht zwangsläufige Sieg des Guten und die Umwandlung des Hampelmannes in einen “richtigen Jungen".

Dabei ist Kardinal Biffi, bei aller Feinheit der Sprache seiner Betrachtungen um klare Aussagen, wenn nötig, nicht verlegen. “Die ,Erfahrung der Leere' genügt gewiß nicht, um ein religiöses Leben zu entfalten. Sie muß von der ,Erfahrung der Gegenwart' begleitet sein. Aber zweifellos gibt es ohne die ,Erfahrung der Leere' keine ernstliche und dauerhafte Religion. Die Erfahrung der existentiellen Leere ist ein Geschenk - oder eine Strafe -, das auch den Menschen erfaßt, der sich von Gott entfernt, vorausgesetzt, er besitzt ein Innenleben."

Collodi kennt das Innenleben der Menschen und Biffi interpretiert völlig richtig, wenn er schreibt: “Für ... den heutigen Menschen ist das Herumstreifen im weltlichen Wald der Zweifel und Verneinungen interessanter als die ruhige Gemeinschaft mit der Wahrheit in der warmen Wohnung der Kinder Gottes." Aber dahin muß man erst einmal gegen viele Widerstände gelangen.

Die Grundaussage des Buches lautet: Der Mensch kann nicht einfach Mensch bleiben, weil er zur Kindschaft Gottes berufen ist. Wer sich der Wandlung letztlich verweigert, verfehlt somit auch das Ziel seines Menschseins, wie es anhand Pinocchios Freund doch anschaulich und unsentimental geschildert wird.

Eine literarische Entdeckung, die allen jenen zu empfehlen ist, die entweder ihren eigenen Lebensweg ein bißchen beleuchten wollen oder die 20 oder 30 Jahre nach der Lektüre des Pinocchio eine gültige Interpretation suchen, die sie damals vielleicht selbst schon, noch halb unbewußt, geahnt oder vorweggenommen haben.

Wolfram Schrems

Pinocchio oder die Frage nach Gott. Von Giacomo Kardinal Biffi. St. Ulrich-Verlag, 200 Seiten, öS 263.-

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