VISION 20002/2005
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Orte des Lebens schaffen

Artikel drucken Eine Herausforderung für alle Pfarren (Von Weihbischof Andreas Laun)

Nach einer Radiosendung zum Thema Leben erhielt ich von einer mir unbekannten Frau folgendes E-mail: “Ich habe als Studentin folgendes erlebt: Ich weilte im Gebet in der Herz-Jesu-Kirche in Oppeln. Plötzlich wurde die Kirchentür aufgerissen und eine Frau stürmte hinein. In der Mitte der Kirche schlug sie sich mit beiden Fäusten auf die Brust und schrie: ,Gut hast Du mich bestraft, Gott, für die 5 Abtreibungen, die ich machen ließ, jetzt hast du mir mein einziges Kind genommen. Gut hast du mich bestraft, Gott.' Sie verschwand so, wie sie gekommen war." Und die Schreiberin fügt hinzu: “Später habe ich erfahren, daß ein 18jähriges Mädchen tödlich verunglückt ist, vom Auto überfahren."

Solche und ähnliche Geschichten werden in Lebensschützerkreisen weitergegeben, und es gibt sie in unendlicher Zahl: über Abtreibungen aus allen möglichen, irgendwie verständlichen Gründen, viel, viel öfter aus irrationalen und gemeinen. Gott sei Dank, es gibt auch andere, jene nämlich, die vom Sieg des Lebens und der Geburt von Kindern erzählen, die in Gefahr waren, dann aber doch das Licht der Welt erblickten und die große Freude ihrer Eltern wurden.

Soll ich versuchen, diese Geschichten, motivierend oder abschreckend zu sammeln? Aber was hätte es für einen Sinn? Diejenigen, die sie lesen sollten, lesen sie nicht oder gehen achselzuckend daran vorüber. Jene hingegen, die sie lesen, sind schon überzeugt. Man muß sie dennoch erzählen, weil Junge nachwachsen, die das versteckte Grauen noch nicht kennen, und weil auch die Guten Stärkung brauchen, um nicht müde zu werden.

Mitleid scheint nichts zu ändern. Berührt vielleicht stattdessen das eigene Interesse? Von Monat zu Monat wird den Menschen mehr bewußt, wie katastrophal die Folgen jener Kinderlosigkeit schon sind und erst recht sein werden, die uns die kinder- und familienfeindlichen Ideologien mit ihrer Verhütungs- und Abtreibungssucht in den letzten 50 Jahren eingebrockt haben.

Man möchte meinen, die Angst vor dem eigenen Unglück wird eine Haltungsänderung herbeiführen? Mitnichten, die Ideologen verbunkern sich erst recht in ihrer Unbelehrbarkeit. Wo immer sie können, tun sie, was schon Paul VI. in “Humanae vitae" vorausgesehen hat: Mit Hilfe von Schulprogrammen, Verordnungen und Gesetzen mischen sie sich in das Intimleben der Menschen ein. Statt alles zu tun, damit die Menschen wieder Freude an den Kindern haben, wollen sie Gratispillen, bezahlte und möglichst leicht gemachte Abtreibungen und planen Gesetze, um Abtreibungsgegner zu hindern, Frauen eine Alternative zur Abtreibung auch nur anzubieten oder wenigstens den Rosenkranz für sie zu beten.

Was kann man tun? Erstens sich vor Augen halten, daß die Wahrheit siegen wird. Zweitens, wegen der Unbesiegbarkeit der Wahrheit, die Hoffnung nicht verlieren, und drittens mit klarem Kopf nachdenken, wer was tun sollte.

Wer? Wenn Christen fragen “Wer soll?", sollten sie sich sofort die Antwort geben: Wir! Sicher nicht wir allein - aber auch wir müssen handeln, zumal es Dinge gibt, die Politiker bei bestem Willen nicht können, wir Christen aber schon! Daher: Was können und sollen die Christen tun? Worin besteht unser “Kerngeschäft"?

In seinem großartigen Fastenbrief 2005 stellt Erzbischof Alois Kothgasser unter der Überschrift “Für eine kinderfreundliche Kirche und Gesellschaft" die Frage: “Sind unsere Pfarrgemeinden Lebensorte für Kinder?" Die Frage ist wichtig, denn: “Die Kirche und die Gesellschaft wird auch daran zu messen sein, wie sie mit den ungeborenen und den geborenen Kindern umgeht."

Der Erzbischof stellt die Frage an die Pfarre. So einfach ist es, und wir müssen daher alles tun, die Antwort zu finden und die Antwort zu tun. Mir scheint, sie besteht aus folgenden Teilen:

Die Pfarre muß ein Ort sein, in der die Wahrheit gesagt wird, auch die verhöhnten und gemobbten Wahrheiten. Wo, wenn nicht im Volk Gottes muß der von Erzbischof Kothgasser geforderte Mut vorhanden sein, “der Wahrheit ins Gesicht zu schauen und die Dinge beim Namen zu nennen, ohne bequemen Kompromissen nachzugeben"? Der Erzbischof geht mit gutem Beispiel voran: In Anschluß an Papst Johannes Paul II. nennt er Abtreibung ein Verbrechen, kritisiert ihre “Billigung sogar im Gesetz" und stellt gegen alle “politische Korrektheit" fest: “Die Gesetze, die Abtreibung (...) zulassen und begünstigen," - also die Fristenregelung - richten sich gegen das Wohl aller und haben keine Rechtsgültigkeit.

Die Pfarre muß der Ort der Vergebung sein. Zur Wahrheit und wirklich zum “Kerngeschäft" der Kirche gehört es, die Menschen mit Gott zu versöhnen. Angesichts der vielen, vielen schwer verwundeten Frauen und Männer ist es unendlich wichtig, daß die Kirche die Versöhnung und damit auch die Heilung anbietet. Auch in dieser Frage macht sich Erzbischof Kothgasser Worte des Papstes zu eigen und erinnert an das, was Johannes Paul II. den betroffenen Frauen geschrieben hat (Evangelium 99).

Die Pfarre muß die “erste Adresse" des Lebensschutzes sein. Jeder Teenager, jede junge Frau, jedes Mitglied der Gemeinde muß wissen: “Wann und bei wem immer eine Konfliktsituation auftritt und die Versuchung zur Abtreibung entsteht, zum Pfarrer (und seinen Mitarbeitern) kann ich immer gehen, eigentlich zu jeder Tages- und Nachtzeit. Niemals muß ich mich fürchten, immer werde ich Verständnis und Hilfe finden."

Die Pfarre muß der Ort sein, an dem die “Lobby für Familie und Kinder" ihr geistiges Zentrum hat. Hier lernen die Menschen ein wirkliches Umdenken, im Widerspruch zu dem, was uns allen ständig suggeriert wird:

* Kinder sind vor allem ein Geschenk und nicht eine zu verhütende Last.

* Kinder zu bekommen, ist etwas Schönes - nicht eine verpatzte Karriere.

* Kinder zu betreuen und einen Haushalt zu managen ist eine Leistung, die dem Management eines Unternehmens ebenbürtig ist - nicht eine minderwertige Beschäftigung, derer man sich eigentlich schämen sollte. Frauen, die das machen, verdienen unsere Anerkennung in höchstem Maße - und nicht ein Nasenrümpfen.

* Eltern, die Kinder, sogar viele Kinder haben, brauchen wir dringend für das Überleben - Kinder sind kein Luxus, den sich jemand aus Jux und Tollerei zugelegt hat.

* Aufklärung sollte vor allem sagen, wie schön die eheliche Liebe und das Leben mit Kindern ist - nicht, dass Kinder eine “Gefahr" sind, die man vor allem “verhüten" sollte.

Der Staat sollte Familien mit Kindern fördern, fördern und noch einmal fördern - sie zu benachteiligen ist ein schweres, verhängnisvolles Unrecht. Wie die Hilfe des Staates und das öffentliche Umdenken ausschauen kann, lässt sich in Kinderlos von Stephan Baier nachlesen:

* Der Staat müßte den Familien mehr Geld lassen und geben.

* Der Staat müßte Mütter finanziell in jeder Hinsicht absichern und bezahlen - er bezahlt ja auch Kindergärtnerinnen und Lehrer.

* Der Staat sollte aufhören, Frauen im gebärfähigen Alter “falsch einzusetzen", indem er sie in den Beruf drängt: Wir brauchen Mütter viel notwendiger als Verkäuferinnen - und zu dieser Erkenntnis keinen Doktortitel.

* Der Staat müßte nach dem Grundsatz “Ein Mensch - eine Stimme" ein Wahlrecht der Eltern für ihre Kinder einführen.

Solche Überzeugungen müßten in den Pfarren besprochen, diskutiert, erarbeitet und zur politischen Selbstverständlichkeit gemacht werden. Wenn die Politiker sehen, daß so viele Menschen in dieser Richtung denken, werden sie die entsprechenden Gesetze machen können - trotz der vielen Pensionistenstimmen.

Vor den Propagandisten von Verhütung, Abtreibung und Kinderlosigkeit müssen wir uns nicht fürchten, sie sterben ohnehin aus. Anders die Muslime! Von ihnen kann man hören: Den Kampf um Europa mit Waffen haben wir seinerzeit verloren, jetzt erobern wir es mit unseren Kindern. Wir Christen sollten ihnen das nicht verargen, aber wir sollten uns ihnen als ebenbürtig erweisen, auch was die Kinder betrifft. Christ sollte ein anderes Wort für “Freund des Lebens" sein und Pfarre für “Lebenszentrum".

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