VISION 20002/2005
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Die Menschen kamen und kamen und kamen...

Artikel drucken (Br. Markus Machudera)

Am 13. Februar während des Angelusgebetes äußerte der heilige Vater wieder einmal den Willen seine Berufung vollenden zu wollen. Johannes Paul II. bedankte sich bei den Gläubigen für ihre Zuneigung und ihr Gebet und sagte: “Ich fühle immer die Notwendigkeit eurer Hilfe vor dem Herrn, um die Sendung zu erfüllen, die Jesus mir anvertraut hat."

Die Medien scheinen um die Zukunft der Kirche besorgt zu sein. Nach den Regeln der Politik erzeugen sie Druck auf den Papst, um ihn zum Rücktritt zu bewegen. Mit einer Geschichte, die ich bei einer Tagung gehört habe, möchte ich veranschaulichen, was dieser Nachfolger Petri mit seiner Krankheit und Behinderung vielen Menschen, nicht nur Katkoliken, bedeutet.

Es war einmal ein weiser Rabbi, zu dem kamen viele, um ihn in den unterschiedlichsten Problemen und Anliegen um Rat zu fragen. Für alle hatte er ein Wort, für jeden einen weisen Rat. Er machte ihnen Mut, stärkte sie für ihren Weg und am Ende segnete er sie. Mit der Zeit jedoch wurden seine Reden kürzer. Er sprach nur noch wenig, manchmal nur ein einziges Wort - und er segnete sie.

Eines Tages geschah es, daß er gar nicht mehr sprechen konnte. Er war stumm geworden. Dennoch kamen die Leute weiter zu ihm und suchten seine Nähe. Nun hörte er den Menschen, die zu ihm kamen, weinten und klagten, einfach nur zu. Sie vertrauten ihm ihre Sorgen, Probleme und Nöte an. Der weise Rabbi schenkte ihnen sein Ohr, denn er war ein guter Zuhörer. Am Ende segnete er sie.

Eines Tages geschah es, daß er taub wurde. Der weise Rabbi konnte den Menschen nun weder ein Wort mit auf den Weg geben, noch ihnen sein Ohr schenken - und dennoch kamen sie zu ihm. Was hatte er ihnen zu geben? Er sah die Menschen mit seinem gütigen, liebevollen Blick an - und er segnete sie.

Eines Tages geschah es, daß seine Augen blind wurden. Doch die Menschen kamen weiter zu ihm, sogar immer mehr. Sie kamen und kamen. Der weise Rabbi konnte zu den vielen Menschen nicht mehr sprechen, ihnen nicht mehr zuhören und sie nicht mehr ansehen - aber er segnete sie.

Eines Tages konnte er auch nicht mehr segnen. Nun, da er scheinbar nichts mehr zu geben hatte, ließen da die Menschen etwa von ihm ab, suchten sie nicht mehr seine Nähe? Was hatte der weise Rabbi den Menschen denn noch zu geben, nun, da er stumm, taub und blind geworden war, ja sie nicht einmal mehr segnen konnte? Und dennoch kamen und kamen und kamen sie - und sie legten ihr Ohr an sein Herz.

Br. Markus Machudera

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