VISION 20002/2005
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Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß

Artikel drucken Josef Pieper über die Kardinalstugenden

Gelegentlich bekommt man ein Buch in die Hände und beginnt bei fortschreitender Lektüre immer mehr zu bedauern, daß man es nicht schon viel früher gelesen hat.

Man grämt sich direkt, daß einem die darin formulierten Erkenntnisse nicht schon vor Jahren zuteil geworden sind. Sie hätten so manche Mißverständnisse und Irrwege verhindern können.

Andererseits fühlt man, daß eine allzu große Enttäuschung ohnehin nicht angebracht ist, weil man besagtes Buch zu einem früheren Zeitpunkt vermutlich gar nicht recht zu würdigen gewußt hätte. Die ganze Tragweite des Geschriebenen wäre ohne die besagten Mißverständnisse und Irrwege wenig verständlich gewesen.

Wie dem auch sei, die schon klassischen Abhandlungen Josef Piepers (  1997) über die Kardinaltugenden sind so ein Buch. Die Traktate über die Tugenden, lange Zeit unter dem Titel Das Viergespann erhältlich, wurden im vergangenen Jahr anläßlich des 100. Geburtstags des katholischen Philosophen in einer sehr gefälligen Ausgabe unter dem Titel “Über die Tugenden" neu herausgebracht.

Was fällt dem heutigen Leser, besonders dem jüngeren, bei einem ersten Hineinschauen sofort auf? Hier ist von Dingen die Rede, von denen man in Unterricht und Verkündigung praktisch nie etwas gehört hat - und schon gar nicht in solcher Präzision. Welcher Prediger und Lehrer spricht denn von Tugenden - und zwar nicht mit Ironie oder Spott? Welcher Katholik kann überhaupt die vier Kardinaltugenden nennen? Wer weiß schon, daß die Hl. Schrift von ihnen spricht (Weish 8,7)?

Diesem Mangel an grundlegendem Wissen schafft Piepers Meisterwerk Abhilfe. Die erste Kardinaltugend, die erste “Tauglichkeit" also, mit der das Leben wie in einer Türangel bewegt wird und die befähigt, sein Leben zum Ziel zu bringen, ist die Klugheit. Sie ist es, die alle anderen erst “informiert" - “in Form bringt". Denn bevor jemand handelt, muß er sich über Sinn und Ziel seines Handelns, letztlich seines Lebens Rechenschaft ablegen.

Das “Urgewissen" sagt ihm zudem, daß er immer das Gute wählen und das Böse ablehnen soll. Die Klugheit befähigt ihn dann, in den Situationen des Lebens diese Ausrichtung auf Gott bestmöglich umzusetzen. “Die ’eingegossene' Klugheit des Christen setzt zudem die drei theologischen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe voraus; in ihnen wird er des Sachverhaltes inne, daß die Teilnahme am Leben des dreieinigen Gottes das übermenschliche Ziel des christlichen Daseins ist."

Die zweite Kardinaltugend ist die Gerechtigkeit (übrigens der bei weitem umfangreichste Abschnitt des Buches). “Wer die alltäglich begegnende Realität an dem Anspruch ’Gerechtigkeit' mißt, dem wird deutlich, wie sehr das Unheil in der Welt zwar viele Namen hat, vornehmlich aber den Namen Ungerechtigkeit." Dabei unterscheidet man sinnvollerweise zwischen der Gerechtigkeit der Einzelperson gegenüber Staat und Gesellschaft, der des Ganzen gegenüber dem einzelnen und der unter den Einzelpersonen.

Jede dieser Ausprägungen von Gerechtigkeit hat ihre eigene Logik. Bei allen geht es aber jeweils um “die Haltung, kraft deren einer standhaften und beständigen Willens einem Jeden sein Recht zuerkennt." Es ist nicht leicht, “einem jedem das Seine zu geben" (bzw. zurückzugeben).

Darum muß zuerst in der Tiefe der persönlichen, subjektiven Einstellung etwas grundgelegt werden: Nach den Worten des Hl. Thomas von Aquin ist nämlich die Gerechtigkeit “jene Ordnung der Seele" (also etwas Objektives im Subjektiven!), “wodurch es geschieht, daß wir niemandes Knechte sind - es sei denn Gottes allein." (Der Versuch, ausdrücklich ohne Gott gerechte staatliche Strukturen bzw. Verfassungen zu schaffen, ist somit von vornherein zum Scheitern verurteilt. Sind die Regierenden und die Regierten nicht Diener Gottes, dann sind letztere früher oder später zwangsläufig die Sklaven ersterer.)

Die von der Klugheit informierte Gerechtigkeit muß sodann auch gegen Widerstände durchgesetzt werden. Hier muß sich der “taugliche" Mensch in der Tapferkeit bewähren. Die dritte der Kardinaltugenden ergibt den vielleicht spannendsten Abschnitt des Buches und wird den Leser wegen des starken Bezugs zur eigenen Praxis und Lebenserfahrung wohl am häufigsten zum erwähnten Gedanken veranlassen: Warum hat mir das keiner früher gesagt? Pieper: “Tapfersein heißt ...: eine Verwundung hinnehmen können. ... Die Hinnahme der Verwundung macht erst das halbe, das vordergründige Wesen der Tapferkeit aus. Nicht um ihrer selbst willen nimmt der Tapfere die Verwundung hin. Vielmehr will er durch sie eine tiefere, wesentlichere Unversehrtheit bewahren oder gewinnen."

Der innere Zusammenhang mit den anderen Tugenden muß gegeben sein, sonst handelt es sich nur um problematischen “Heroismus" oder derbes Draufgängertum: “Wenn das Wesen der Tapferkeit darin liegt, im Kampfe für die Verwirklichung des Guten Verwundungen hinzunehmen, dann ist vorausgesetzt, daß der Tapfere weiß, was das Gute ist, und daß er ausdrücklich um des Guten willen tapfer ist."

Es gibt die Kräfte des Bösen, die mit dem Tod drohen. Aber jedes Verhandeln weitet deren Macht aus, jeder Kompromiß stellt einen Verrat dar und der “Dialog" ist der Beginn der Unterwerfung. Hier ist ein entschiedenes Nein verlangt. Ihre Vollendung findet die Tapferkeit aber schließlich in derjenigen Haltung der gläubigen Seele, die “durch den Eintritt in die höhere Welt" nicht erschreckt wird, sondern die sich im seelischen Leben der “dunklen Nacht" der Sinne und des Geistes aussetzen läßt und das “dunkle Feuer" Gottes wirken läßt, der “mit unerbittlich heilender Hand die Sinne und den Geist von den Schlacken der Sünde" reinigt.

Der vierte Abschnitt, Zucht und Maß, ist vielleicht der schönste. Der Sinn dieses Maßes ist “die innere Ordnung des Menschen, aus der allein diese ’Ruhe des Gemütes' erfließt. Zucht heißt: in sich selber Ordnung verwirklichen."

Dabei ist diese “Hinkehr zu sich selbst", diese recht verstandene Selbstliebe also, nichts weniger als selbstlos. Denn “dem naturhaften Wesen und Wollen des Menschen" ist es gemäß, “Gott mehr zu lieben als sich selbst. Dadurch also empfängt die Verletzung der Gottesliebe ihre selbstzerstörerische Schärfe, daß sie zugleich dem Wesen und dem naturhaften Wollen des Menschen selbst widerstreitet."

Pieper beleuchtet einige Felder, auf denen sich die Tugend des Maßes bewähren muß, etwa in der Geschlechtlichkeit: “Unkeuschheit gebiert eine Blindheit des Geistes, die nahezu völlig die Erkenntnis der Güter des Geistes ausschließt." Sie ist es auch, die somit letztlich die Freude am Sinnlichen verunmöglicht.

Auch im Bereich des Geltungsdranges, im Spannungsfeld von Demut und Hochgemutheit einerseits und Hochmut andererseits, muß das rechte Maß verwirklicht werden. Es geht um das Gut, womit jemand Geltung beanspruchen will, und um die Gelassenheit gegenüber Widrigkeiten: “Wenn einer auf solche Weise die Ehre verachtete, daß er sich nicht darum sorgte, zu tun, was Ehre verdient, so wäre das zu tadeln. Durch Verunehrung andererseits wird der Hochgemute nicht gebrochen; er verachtet sie als seiner unwürdig."

Schließlich finden sich noch erhellende Worte zur rechten Ordnung von Zürnkraft und Sanftmut, zu gutem Erkenntnisstreben und haltloser Neugierde, zur befreienden Wirkung von Zucht überhaupt.

Eine kleine Warnung an künftige Leser: Das Buch ist sehr anspruchsvoll. Das hat den Vorteil, daß es praktisch unausschöpfbar ist, es verlangt aber viel Konzentration und ein auch theoretisches Grundinteresse. Somit sei das Buch zum Schluß besonders allen empfohlen, die irgendwie mit der Formung von Menschen zu tun haben.

Nachdem sich aber letztlich jeder zur “Tauglichkeit" hin formen und formen lassen muß, wird es praktisch jeder mit Nutzen lesen können.

Wolfram Schrems

Über die Tugenden - Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß.
Von Josef Pieper. Kösel-Verlag, 19,95 Euro

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