VISION 20002/2005
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Die Schöpfung lehrt Gott zu lieben

Artikel drucken Haustiere - ein Segen für viele Kinder

Es ist etwa 7 Uhr morgens. Ein Kind steht vor der Tür und hat so etwas wie ein Wollknäuel in den Armen. Ich öffne die Tür. “Herr Pfarrer, Sie müssen für mein Meerschweinchen beten, sonst stirbt es."

Wir gehen in die Stube, setzen uns und beten zusammen für das kranke Tierchen und ich segne es auch. “Wird Strubeli jetzt nicht sterben?", fragt mich das Kind. “Es darf nicht sterben, denn es ist mein bester Freund, mein allerbester Freund. Mit ihm kann ich über alles sprechen." “Und mit Deiner Mutter, kannst Du mit ihr nicht auch über alles reden?", frage ich. “Das schon, aber sie ist fast nie zu Hause, weil sie arbeiten muß. Sie geht morgens früh und kommt meist spät wieder heim." “Und Dein Vater?" “Ich habe keinen Vater." “Hast Du auch Freundinnen?" “Ja, schon, aber nur mit Strubeli kann ich über alles reden..."

Ich mußte an Christian Morgenstern denken, der einmal gesagt hat: “Ganze Weltalter von Liebe werden notwendig sein, um den Tieren ihre Dienste und Verdienste an uns Menschen zu vergelten." Ich bin immer wieder tief berührt, was für ein stiller Segen Tiere für den Menschen sein können, vor allem für Kinder und Jugendliche.

Der hl. Thomas von Aquin schreibt in seiner Summa: “Gott spricht in zwei Büchern zu den Menschen: im Buch der Schöpfung und im Buch der Bibel." Die ganze Schöpfung ist aus dem Herzen Gottes hervorgegangen, aus Seiner Liebe. Darum atmet die Schöpfung Gottes Liebe. Wenn darum Menschen in Tuchfühlung mit der lebendigen Schöpfung leben, kommen sie Gott, dem Schöpfer, näher. Mit einem Ohr hören sie Seine Stimme, mit einem Auge sehen sie Seine Herrlichkeit, mit einer Hand ertasten sie den Saum Seines Gewandes, mit einem Fuß erspüren sie Seinen Weg. Denn “Himmel und Erde sind erfüllt von Seiner Herrlichkeit."

Die Vorherrschaft der Technik prägt nun seit über 200 Jahren die westliche und immer mehr auch die ganze Welt. Und seither vollzieht sich vor unseren Augen eine nie dagewesene Entfremdung von der lebendigen Schöpfung und somit vom lebendigen Gott. Der Sinn, der in der Schöpfung atmet, bleibt dem Menschen dadurch weitgehend verborgen. Der Mensch “fühlt" Gott nicht mehr, er “spürt" Seine Gegenwart nicht mehr, der Atem Gottes dringt nicht mehr an seine Seele heran, der Mensch hört Gott nicht mehr sprechen im leisen Säuseln des Windes (1Kön 19,11).

Das künstliche Bild von TV, Film, PC, Internet, die künstliche Unterhaltung beherrscht und bestimmt heute so sehr den ganzen Menschen, vor allem die Kinder und Jugendlichen, daß für sie der Schöpfer immer mehr zu einem Fremden, zu einem Unbekannten wird. Eine zunehmende Verödung der Seele breitet sich aus, eine Kälte der Gefühle, eine unbeschreibliche Vereinsamung und Langeweile bei so vielen Menschen.

Auch das biblische Wort dringt heute nur noch hauchdünn an die Menschen heran. So dürfen wir uns nicht wundern, daß das Bewußtsein für den lebendigen Gott fast ganz verschwunden ist und die Kräfte des Dämonischen: der Selbstverachtung, der Freudlosigkeit, der Selbstzerstörung sich immer gebieterischer an die Oberfläche drängen.

Ich habe an vielen Kindern beobachten können, was für ein stiller Segen ein Haustier sein kann, ein Meerschweinchen, eine Ratte, ein Kaninchen, ein Hund. Nicht nur als Trostspender, nicht nur als verschwiegenes Ohr für viele kindliche Nöte und Geheimnisse, sondern als eine Brücke zum Schöpfer, als ein Gefühlsvermittler zum lieben Gott. Solche Kinder verfügen oft über einen ganz anderen und viel unmittelbareren Zugang zur religiösen Wirklichkeit, sind mitfühlender als andere und greifen oft schon ganz früh mit ihren Gefühlen in die große, heute so mißbrauchte und leidende Schöpfung aus.

In dem Buch Der Abbau des Menschlichen macht sich der Biologe und Nobelpreisträger Konrad Lorenz ernsthafte Gedanken über die Zukunft des Menschen, vor allem der Jugend, die heute so gefährdet ist, weil sie keinen Sinn mehr sieht, das Leben sinnvoll zu leben und immer mehr in der Sucht nach künstlicher Unterhaltung untertaucht. Er schreibt:

“Die beste Schule, in der ein junger Mensch lernen kann, daß die Welt einen Sinn hat, ist der unmittelbare Umgang mit der Natur selbst. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein normal veranlagtes Menschenkind, dem eine nahe und vertraute Berührung mit Lebewesen, d. h. mit den großen Harmonien der Natur, vergönnt ist, die Welt als sinnlos empfindet! Dabei kommt es nicht darauf an, mit welchen Lebewesen das Kind in vertraute, persönliche Beziehung tritt. Ein Tier zu besitzen, zu pflegen und auch die Verantwortung für sein Wohlergehen zu tragen, würde unzähligen Kindern Freude machen... Mit der Freude an der lebendigen Schöpfung entsteht, wie ich behaupten möchte, bei jedem Menschenkind, das überhaupt zu tieferen Empfindungen befähigt ist, die Liebe zu allen lebendigen Wesen... In der Tat müßten den heutigen jungen Menschen die Größe und die Schönheit dieser Welt sehr gründlich zugänglich gemacht werden, um sie an der gegenwärtigen Lage der Menschheit nicht verzweifeln zu lassen."

Wenn wir das ernst nehmen, wenn wir glauben, daß die Gnade, das göttliche Leben im Menschen auf der Natur aufbaut, daß Gott nur dort wirklich ankommen kann, wo der Mensch im ersten Buch (der Schöpfung) zu lesen gelernt hat, dann heißt Evangelisierung eben nicht bloß, die Kinder einseitig mit biblischen Geschichten, mit Katechismuswissen und religiösen Filmen zu füttern, sondern sie auch an die vom lebendigen Schöpfer geschaffene und von Seinem Atem durchwaltete Schöpfung heranzuführen (und so die Kinder abzulenken und wegzuführen von der Sucht nach künstlicher Unterhaltung am TV, PC, Internet, die so ganz im Gegensatz steht zur Freude am kreativen Spiel, am kreativen Tun.)

Solche Hinführung zur lebendigen Schöpfung kann für ein Kind zur Geburtsstunde für ein neues Leben werden: die Erfahrung von Sinn, von Liebe und Mitgefühl und das Erwachen Gottes in seiner Seele.

Urs Keusch

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