VISION 20002/2005
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Der große Lumpensammeltag

Artikel drucken Wenn Gott Seine unfaßbare Barmherzigkeit kundtut (Von Urs Keusch)

Daß unser Gott barmherzig ist, wird zwar oft besungen - aber wer begreift es wirklich? Im folgenden Impulse, sich für dieses wunderbare Geheimnis des Glaubens zu öffnen.

Die heilige Schwester Faustyna, an die die Botschaft von der Barmherzigen Liebe Gottes erging, hatte Vorläuferinnen. Eine von diesen war Schwester Benigna Consolata Ferrero aus dem Kloster der Heimsuchung Mariä in Como (Oberitalien). Sie lebte von 1885 bis 1916. Ihre Schriften waren einmal weit verbreitet, waren für unzählige Menschen eine Quelle des Trostes und der Zuversicht. Sie gehören zum Schönsten und Liebenswürdigsten, was christliche Mystik in diesem Bereich hervorgebracht hat.

Wie Sr. Faustyna, so nannte Jesus auch Sr. Benigna “Apostelin Seiner Barmherzigkeit" und “Sekretärin Seiner Liebe". Zu ihr sagte der Herr einmal: “Ich will mit dir handeln wie ein Lumpensammler, der die Lumpen kauft und denjenigen, die sie ihm bringen, noch etwas dafür bezahlt. Wenn du mir deine Armseligkeiten gibst, bezahle ich sie dir; ich ziehe dich aus einer Verlegenheit und du machst mir Freude. Aber der Verkauf muß durch einen Akt tiefster Demut geschehen; du darfst dich dabei nicht verdrießlich zeigen, sondern es muß dir von Herzen kommen..."

Es spricht hier die menschgewordene Liebe Gottes zu uns. Es ist die Liebe, die auf jeder Seite der Bibel nach uns Menschen ruft. Es ist die Liebe, die für uns am Kreuz ihre Arme ausgebreitet hat. Es ist die immer gleiche Liebe Gottes, die von sich sagt: “Mein Herz wendet sich gegen mich, mein Mitleid lodert auf... Denn ich bin Gott, nicht ein Mensch, der Heilige in deiner Mitte." (Hos 11,8-9)

Es ist die Liebe, die so wenig Aufmerksamkeit findet bei uns Menschen. Darum versucht es der Herr, gleichsam durch Hintertüren, immer wieder an uns heranzukommen. Denn wir Menschen sind verloren ohne Ihn. Wir bleiben verloren, solange wir uns nicht von Seiner erbarmenden Liebe haben finden lassen. Die lebendige Seele weiß das: “Würdest Du, Herr, unsere Sünden beachten, Herr, wer könnte bestehen. Doch bei Dir ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht Dir dient." (Ps 130)

Als ich einmal in einer Predigt von Jesus, dem Lumpensammler sprach, kam nach der Heiligen Messe eine etwa 50jährige Frau zu mir und sagte: “Herr Pfarrer, das ist gut gesagt, das mit den Lumpen, daß man die Lumpen zu Jesus bringen soll. Aber bei mir würde ein Sack nicht reichen, zehn Säcke voll Lumpen würden es werden - nein, 20 Säcke, ja, ein ganzer Lastwagen voll."

“Dann füllen Sie den Lastwagen und fahren Sie damit zu Jesus," sage ich zur Frau. Sie lacht ein verzerrtes Lächeln, es legt sich Verbitterung auf ihr Gesicht und sie wirft mir im Weglaufen die Bemerkung hin: “Ach, das würde mir ja doch nichts bringen, mein Leben bliebe trotzdem eine Katastrophe."

Diese arme Frau! Sie hat noch nicht begriffen, daß wir nicht auf Erden sind, um einmal im Triumphzug in den Himmel einzufahren. Sie hat nicht gelernt, daß Niederlagen im Leben, schwere Schicksale und Prüfungen, Krisen, Enttäuschungen, Depressionen und Krankheiten uns dazu gegeben sind, um daran zu wachsen, zu reifen, um Mitleid und Erbarmen zu lernen mit den Menschen. Und daß wir so ein wenig demütig werden und Reue üben und daß wir aufgebrochen werden für das Licht aus der höheren Welt.

Ganz anders war es bei diesem Mann: Er war schon über 70 Jahre alt, lebte ganz zurückgezogen in seinem kleinen Zimmer in einer Alterssiedlung. Als junger Mann war er aus dem elterlichen Betrieb ausgerissen, um viele Jahre in der Fremdenlegion zu dienen. Sein Sohn aus erster Ehe hatte sich umgebracht, seine weiteren Beziehungen gingen an seiner Gewalttätigkeit zugrunde.

“Mein ganzes Leben war eine Kette von Gewalt und Tobsucht," hat er mir einmal erzählt. “Eines Tages wurde mir alles zu viel. Ich war damals in den Fünfzigern und ertrug mein Leben einfach nicht mehr. Obwohl ich trank wie ein Loch - ich konnte meine Vergangenheit nicht ersäufen. Also entschloß ich mich, dem Ganzen ein Ende zu machen. Ich holte meine Pistole und wollte es tun. Schluß, fertig!"

“Da geschah etwas: ich konnte nicht! Ich konnte einfach nicht! Es war mir, als wäre ich auf einmal wie im Himmel. Ich spürte eine mächtige Liebe, ein unvorstellbares Glück, eine Wärme, eine Nähe... Ich kann es nicht beschreiben. Mir fiel das Eisen aus der Hand. Ich war einfach im Himmel... Am anderen Tag ging ich in eine Kirche, nach etwa 30 Jahren zum ersten Mal wieder in eine Kirche. Ich schaute mir das Kreuz im Chor an, den leidenden Christus, mußte Ihn unverwandt anschauen.

Da wußte ich: Er war es! Er war der Himmel, der über mich gekommen war, Er war mein Retter! Seither quält mich mein grausames Leben nicht mehr. Ich weiß, Er hat es an sich genommen, wie ein krankes verwundetes Tier hat Er es an sich genommen, um es in Seinen Armen zu heilen. Alles macht Er gut, alles, auch das Schlimmste. Wenn man nur bereut!

Seither habe ich Frieden in meinem Herzen. Und ich bete seither fast Tag und Nacht: Herr, erbarme Dich meiner, erbarme Dich meines Sohnes, meiner Frauen, der Legionäre und aller schrecklichen Sünder."

Um solche Umkehr geht es beim Fest der Barmherzigkeit, das Papst Johannes Paul II. im Heiligen Jahr offiziell eingeführt hat. Es ist der große “Lumpensammeltag". Alle sollen kommen mit ihren Säcken voll Lumpen. Sie sollen kommen und bereuen, bereuen und beweinen: ihr ganzes Leben, alle ihre Sünden, alles, was drückt und quält sollen sie zu Jesus bringen: die Lumpen des ganzen Lebens. “Ich werde sie heilen und stärken", spricht der Herr.

Wir sollen aber nicht nur uns zu Jesus bringen, sondern alle Menschen: alle, die nicht kommen wollen, die Jesus fern stehen, die im Dunkel gefangen sind, niedergebeugt und tödlich verwundet von ihren Sünden. Wir sollen es machen wie Schwester Faustyna, zu der Jesus sagte:

“Erweise meiner Barmherzigkeit Lob und Ehre. Tu das folgendermaßen: Sammle alle Sünder der ganzen Welt und tauche sie ein in den Abgrund meiner Barmherzigkeit. Ich will mich den Seelen hingeben, mich verlangt es nach Seelen. An meinem Festtag - am Tag der Barmherzigkeit - wirst du die ganze Welt durchstreifen und wirst ohnmächtige Seelen zur Quelle meiner Barmherzigkeit bringen. Ich werde sie heilen und stärken."

Lassen wir Jesus Christus in Seiner Sehnsucht nach uns Menschen nicht allein! “Die Strahlen der Barmherzigkeit brennen mich. Ich will sie auf die Seelen ergießen." Folgen wir Seiner Einladung zu diesem Fest und bereiten wir uns selber darauf vor mit der “Novene zur Barmherzigkeit Gottes" und einer guten Beichte, die Christus “das Tribunal Seiner Barmherzigkeit" nennt.

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