VISION 20004/2010
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Ohne Selbsterkenntnis kein innerer Fortschritt

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Aufbauend auf rein weltlichen Beobachtungen und Überlegungen kommt der Pädagoge und Philosoph, Friedrich Wilhelm Foerster, ein prominenter Kritiker des Nationalsozialismus, zu der Einsicht, daß Umkehr und Buße von entscheidender Bedeutung für die menschliche Entfaltung sind.
Es gibt eine Wiedergeburt, auch nach dem tiefsten Fall. Es gibt eine Möglichkeit, Schuld und Irrtum wieder gut zu machen. Es gibt einen Weg zu reinigender Sühne für jeden Menschen. Die Vorbedingung dazu aber ist der Schrecken des Menschen vor sich selbst, die tiefinnere Demütigung, das volle Eingeständnis der Schuld. Daraus entsteht von selbst das elementare Bedürfnis nach Buße, das nicht etwa ein künstliches Produkt religiöser Einwirkungen ist, sondern aus der tiefsten Erneuerungskraft der menschlichen Natur stammt.
Ohne Selbsterkenntnis, Reue und Buße gibt es keinen inneren Fortschritt des Menschen.
Das Entbehren, das Tun oder das Leiden, das der Mensch sich selber auferlegt, um seinem alten Selbst die Macht eines neuen Willens zu zeigen, das ist der einzige Weg für ihn, von sich selbst frei zu werden, über sich selbst hinauszuwachsen – ohne das gibt es nichts als Stagnation und innere Fäulnis.
Es ist das Zeichen einer innerlich unverdorbenen Seele, wenn ein Mensch noch das Verlangen und die Kraft hat, seine Schuld durch unbarmherzige Selbsterkenntnis und Selbstverurteilung gleichsam auszubrennen und durch selbstgewählte oder willig angenommene Buße die Kraft des höheren Strebens in seiner Seele zu stärken und zu befestigen. Wer dazu fähig ist, der bewahrt sich ewige Jugend, der rettet sich vor jener seelischen Verkalkung, der so viele Menschen aus Selbstzufriedenheit und Bequemlichkeit schon in jungen Jahren verfallen.
Es gibt fortschreitende und stillstehende, aktive und passive Menschen: Nur wer sich selbst erkennen, wer sich demütigen, wer bereuen und sühnen kann, der schreitet fort und erhebt sich dem Leben gegenüber und sich selbst gegenüber aus dem passiven Stand in den aktiven Stand.

Aus: „Lebensführung“ von Friedrich Wilhelm Foerster, Pädagoge (+1966 Kilchberg, Schweiz)

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