VISION 20004/2010
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„Wer hat euch gesagt, christliches Leben sei cool?“

Artikel drucken Die gelebte Barmherzigkeit erfordert ein Training (P. Alain Bandelier)

Meine kleine Schwester raunzte, wenn man sie frisierte; meine Großmutter sagte dann: „Schönheit muß leiden!“ Ja, man muß zum Leiden bereit sein, wenn man ein etwas schwieriges Ziel erreichen will. Man muß Kälte ertragen, wenn man einen Achttausender ersteigen will, und Staub schlucken, wenn man am Rennen Paris-Dakar teilnimmt. Man muß stundenlange, langweilige Übungen absolvieren, wenn man ein tolles öffentliches Konzert gestalten will. Und wenn man einem Kind das Leben schenkt, wird man um zwei Uhr nachts aufstehen müssen, weil es Hunger hat, das Kleine! Ein mittelmäßiges Glück braucht keinen solchen Aufwand. Aber es versäumt die höchsten Freuden.
Ja, meine Freunde! Wer hat euch denn gesagt, daß christliches Leben cool sei und daß man auf einem fliegenden Teppich in den Himmel gelangt? Dein Herr hat die Welt auf dem harten Holz des Kreuzes gerettet, und du verzupfst dich, kaum daß das Evangelium dich etwas zu kosten beginnt? Gott mit ganzem Herzen zu suchen, Ihn anzubeten, Ihm zu dienen, das ist wunderbar! Aber es ist nicht einfach. Seinen Nächsten zu lieben, mit dem Armen zu teilen, etwas in der unvollkommenen Welt zu ändern, Freude zu schenken, all das ist herrlich! Aber es ist nicht einfach.
Auch das spirituelle Leben, anders gesagt: die wahre gelebte Barmherzigkeit, erfordert ein Training. Der heilige Ignatius nennt das spirituelle Exerzitien. In die Großzügigkeit, das Durchhaltevermögen, die Freiheit muß man sich einüben. „Der Weg der Vollkommenheit führt über das Kreuz. Es gibt keine Heiligkeit ohne Verzicht und ohne geistigen Kampf.“ Also ohne eine gewisse Askese, die sich in der einen oder anderen Form des freiwilligen Verzichts äußert, in einer „Kasteiung“, um in der traditionellen Sprache zu bleiben. Das ist der Widerhall von Jesu Wort: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst…
Es sei sofort hinzugefügt, daß die besten Bußübungen jene sind, die man nicht selbst wählt und die man im Frieden, ja mit Freude annimmt. Aber darauf bereitet man sich eben mit Bußübungen vor. Ihre Form mag sich von einer Kultur und Epoche zur anderen ändern, sich ändern je nach persönlichem Anruf. Aber ganz darauf verzichten darf man nicht. Übrigens sollten wir an jedem Freitag, insbesondere in der Fastenzeit, einen echten Verzicht leisten, und am Aschermittwoch und Karfreitag ist Fasten Pflicht.

P. Alain Bandelier
Dieser Text und die beiden Interviews sind „Famille Chrétienne“ 1675 vom Feb. 2010 entnommen.

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