VISION 20004/2010
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Sprecht vom Tod!

Artikel drucken (Otto von Habsburg)

 

Schuster bleib’ bei deinen Leisten! Jeder möge sich dem zuwenden, wovon er etwas versteht oder wozu er berufen ist. Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich sage: Würde dieser einfache Grundsatz in kirchlichen Kreisen mehr Verständnis finden, so gäbe es weniger sogenannte religiöse Krisen. Die Krisen bestehen nämlich meines Erachtens vornehmlich darin, daß allzu viele religiöse Würdenträger das Wesentliche übersehen: für den einzelnen ist die Kirche lebenswichtig, wenn es um die letzten Dinge, das Weiterleben nach dem Tode geht.
Soziale Lehren holen wir uns bei Marx, Mill oder Röpke. Hier ist die Kirche der Welt nicht voraus. Wenn es aber zum einzig sicheren Ereignis in unserem Leben, zum Sterben kommt, dann hat die Kirche jene Rolle, die ihr niemand streitig machen kann. Vor dem Tod sind Marx und der Staat machtlos. Dort kann nur die Kirche helfen. Dort ist jener Punkt, von dem Christus sagt, „non praevelbunt“, dort ist die Kirche unbesiegbar. Es ist tragisch, daß gerade diese rein krichliche Funktion, die für uns lebenswichtig ist, immer mehr in Vergessenheit gerät. Erst eine Rückkehr zu diesem Verständnis wird es der Kirche erlauben, wieder voll und ganz jene Sendung zu erfüllen, die wir gerade im 21. Jahrhundert dringender brauchen als in vielen früheren Zeiten.

Otto von Habsburg
Auszug aus seinem empfehlenswerten Buch Mit Gott für die Geschichte, Be&Be-Verlag,
Heiligenkreuz, 68 Seiten, 6,90 Euro

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