VISION 20004/2010
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Manches wirkt fast lächerlich

Artikel drucken Rückblick auf modische Theologien (Papst Benedikt XVI.)

Während der Vesper im Rahmen des Treffens von 15.000 Priestern aus allen Kontinenten in Rom zum Abschluß des Priesterjahres antwortete Papst Benedikt XVI. spontan auf Anfragen. Im folgenden ein Auszug aus seiner Antwort zur Frage nach der Relevanz moderner Theologien:
Der heilige Bonaventura hat zu seiner Zeit zwei Formen der Theologie unterschieden; er hat gesagt: „Es gibt eine Theologie, die aus der Arroganz der Vernunft hervorgeht, die alles beherrschen will, die Gott vom Subjekt zum Objekt werden läßt, das wir studieren, während er Subjekt sein sollte, das zu uns spricht und uns leitet.“ Es gibt wirklich diesen Mißbrauch der Theologie, der Arroganz der Vernunft ist und nicht den Glauben nährt, sondern die Gegenwart Gottes in der Welt verdunkelt.
Dann gibt es eine Theologie, die den kennen will, den man am meisten liebt. Und das ist die wahre Theologie, die der Liebe Gottes, der Liebe Christi entstammt und in eine tiefere Gemeinschaft mit Christus eintreten will.
Tatsächlich sind heute die Versuchungen groß, vor allem drängt sich das sogenannte „moderne Weltbild" (Bultmann) auf, das zum Kriterium des Möglichen und des Unmöglichen wird. Und so kommt es gerade unter diesem Kriterium dazu, daß alles wie immer ist, daß alle geschichtlichen Ereignisse von derselben Art sind, es kommt zum Ausschluß der Neuheit des Evangeliums; es wird das Hereinbrechen Gottes ausgeschlossen, die wahre Neuheit, welche die Freude unseres Glaubens ist.
Was ist zu tun? Ich würde vor allem den Theologen sagen: Habt Mut. Und ich möchte den vielen Theologen, die eine gute Arbeit tun, ein großes Dankeschön sagen. Es gibt die Mißbräuche, wir wissen es, doch in allen Teilen der Welt gibt es viele Theologen, die wirklich vom Wort Gottes leben, sich von der Betrachtung nähren, den Glauben der Kirche leben und helfen wollen, daß der Glaube in unserer heutigen Zeit gegenwärtig ist. (…)
Und den Theologen im Allgemeinen würde ich sagen: „Habt keine Angst vor diesem Gespenst der Wissenschaftlichkeit!“ Ich verfolge die Theologie seit dem Jahr 1946; ich habe das Studium der Theologie im Januar 1946 aufgenommen, und habe somit fast drei Generationen von Theologen gesehen und kann sagen: Die Hypothesen, die in jener Zeit und dann in den 60er und 80er Jahren die neuesten, die absolut wissenschaftlich, fast absolut dogmatisch waren, sind in der Zwischenzeit alt geworden und gelten nicht mehr! Viele von ihnen scheinen fast lächerlich zu sein.
Also: den Mut aufbringen, der scheinbaren Wissenschaftlichkeit zu widerstehen, sich nicht allen Hypothesen des Augenblicks zu unterstellen, sondern wirklich im Ausgang vom großen Glauben der Kirche denken, der in allen Zeiten gegenwärtig ist und uns den Zugang zur Wahrheit eröffnet. Vor allem auch: nicht denken, daß die positivistische Vernunft, die das Transzendente – das nicht zugänglich sein darf – aus?schließt, die wahre Vernunft ist! Diese schwache Vernunft, die nur die Dinge der sinnlichen Erfahrung vorlegt, ist in Wirklichkeit eine unzureichende Vernunft.
Wir Theologen müssen die große Vernunft benutzen, die für die Größe Gottes offen ist. Wir müssen den Mut haben, über den Positivismus hinaus zur Frage nach den Wurzeln des Seins vorzudringen. Das scheint mir von großer Wichtigkeit zu sein.
Es ist also notwendig, den Mut zur großen, weiten Vernunft aufzubringen, die Demut zu haben, sich nicht allen Hypothesen des Augenblicks zu unterstellen, aus dem großen Glauben der Kirche aller Zeiten zu leben. Es gibt keine Mehrheit gegen die Mehrheit der Heiligen: die wahre Mehrheit sind die Heiligen in der Kirche, und an den Heiligen müssen wir uns ausrichten!

Papst Benedikt XVI.

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