VISION 20001/2012
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Das Neue Testament: Von Zeitzeugen verfasst

Artikel drucken Die späte Datierung der Evangelien ist nicht zu halten (Peter Seewald)

Seit dem letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts ist in der Forschung die bisherige späte Datierung der Evangelien nicht mehr zu halten. Auch wenn Medien unverdrossen einen überholten Stand verbreiten, gilt heute in der Wissenschaft als weitgehend anerkannt, dass die synoptischen Evangelien (Markus, Matthäus, Lukas) zwischen Anfang der vierziger und Ende der sechziger Jahre entstanden.
C. P. Thiede etwa datiert das Lukasevangelium auf 44 n. Chr., G. Zunz das Markusevangelium auf 40 n. Chr., A. Schick auf 65 n. Chr., C. Blomberg auf die Mitte der fünfziger Jahre n. Chr., G. Theißen die Logienquelle Q auf etwa 40 n. Chr. Ein Teil der Forscher votiert gar für einen Entstehungszeitraum unmittelbar nach dem Tode Jesu. Bei allen Evangelien, so die Erkenntnis, sei jedenfalls davon auszugehen, dass sie zu einem Zeitpunkt verfasst wurden, als viele derjenigen, die Jesus persönlich begegnet waren, noch gelebt hatten.
Selbst wenn man als die ersten überlieferten Schriften des Christentums die Briefe des Apostels Paulus annimmt, ergibt sich eine sehr früh abgeschlossene Verfassung der Essenz des christlichen Glaubens. Wissenschaftler wie der amerikanische Neutestamentler Craig Blomberg gehen davon aus, dass Paulus bereits Ende der vierziger Jahre seine Briefe begonnen hat.
Paulus war im Jahr 32, zwei Jahre nach der Passion Christi, zum Glauben gekommen. Seine ersten Treffen mit den Aposteln in Jerusalem dürften im Jahre 35 stattgefunden haben. Paulus müsse also das in seinen Briefen vermittelte Glaubensbekenntnis in dieser Zeit erfahren haben.
Darauf verweist insbesondere das durch Paulus in seinem ersten Brief an die Thessalonicher kurz nach dem Jahr 52 überlieferte Kerygma (griech.: die vom Herold ausgerufene Bekanntmachung), das bereits die komplette Kurzformel der Botschaft von Leben, Tod, Auferstehung und glorreicher Wiederkunft des Jesus von Nazareth enthält.
In seinem ersten Brief an die Korinther im 15. Kapitel gab Paulus bereits auch das Credo wieder, wie wir es bis heute kennen: „Christus starb für unsere Sünden, wie es die Schriften gesagt haben, und wurde begraben. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, wie es die Schriften gesagt haben, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben ... “
Das Credo ist daher nicht das Resultat eines langwierigen Formungsprozesses, sondern die blitzartige Erkenntnis einer Gruppe von Juden, die das bislang Undenkbare tut, nämlich einen in Galiläa geborenen Menschen mit Gott gleichzusetzen.
Wenn nun der „Apostel der Völker“ 20 Jahre nach der Kreuzigung Jesu bei den Lesern seiner Briefe das Wissen um die Worte Jesu voraussetzt, die er lediglich ausdeuten und vertiefen will, dann ist auch vorstellbar, dass bereits andere Autoren Berichte über Worte und Taten Jesu in Umlauf gebracht hatten. „Vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe', teilte Paulus mit. „Schon viele haben es unternommen“, bemerkt schließlich auch Lukas in seiner Vorrede, „einen Bericht über all das abzufassen, was sich unter uns ereignet und erfüllt hat.“
US-Forscher Craig Blomberg gibt dabei zu bedenken: Wenn Markus mit die Grundlage für das Evangelium des Lukas ist, Lukas aber seine Apostelgeschichte nicht später als im Jahre 62 geschrieben haben kann (vor dem Tod des Paulus; mit seinem Hausarrest nämlich hört die Geschichte abrupt auf) und sein Evangelium vor der Apostelgeschichte verfasst hat, dann muss das Markusevangelium bereits Mitte oder Ende der fünfziger Jahre vorgelegen haben. Das sind 25 bis 30 Jahre nach dem Tod Jesu. „Historisch gesprochen“, unterstreicht Blomberg, „ist das wie eine brandaktuelle Nachrichtenmeldung.“
Die Datierung der Evangelien auf 30 Jahre nach Jesu Tod bedeutet, dass selten oder sogar nie zuvor über eine geschichtliche Persönlichkeit so früh Aufzeichnungen angefertigt wurden wie über Jesus, um der Nachwelt ein authentisches Zeugnis zu geben.
Die frühesten Aufzeichnungen über Alexander den Großen beispielsweise durch seine Biografen Plutarch und Arrian entstanden 400 Jahre nach seinem Tod. Kein Wissenschaftler kam auf die Idee, diese Biografien in ihrer Glaubwürdigkeit anzuzweifeln.
Peter Seewald

Auszug aus dem wirklich lesenswerten Buch: Jesus Christus – Die Biographie. Von Peter Seewald, Pattloch, München 2009

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