VISION 20002/2012
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Der hl. Josef Freinademetz

Artikel drucken Botschaft an uns (Von Eva und Erich Berger)

Wir plaudern mit einer Grödner Familie in einer gemütlichen Stube. Sie sprechen ladinisch, eine alte rätoromanische Sprache. Wir interessieren uns dafür und für ihr Brauchtum, ein netter, angenehmer Dezembernachmittag im noch schneelosen Grödnertal. Während des Gesprächs bleibt unser Blick an einem Bild im Herrgottswinkel hängen – der hl. Josef Freinadametz, ein China-Missionar, von den Steyler Missionaren entsendet und von Papst Johannes Paul II. 2003 heilig gesprochen. Auf die Frage nach seiner Bedeutung für die Familie erfahren wir, er stamme aus dem Nachbartal, dem Gadertal und er sei Ladiner. Nach ein paar Minuten haben wir eine Biographie in der Hand – unsere Forschungsreise beginnt – zum „Heiligen der Nächstenliebe“, wie er oft genannt wird.
Hier in dieser Familie, würden wir ihn eher den „Heiligen der Treue“ nennen, einer Treue, die sich in Schwierigkeiten bewährt. Diese „Schwierigkeiten in den ersten Ehejahren“ deuten die beiden an – hat er dieser Familie seine Fähigkeit zum Treusein geschenkt? Treue – auch wenn es weh tut!
Auf ins Nachbartal über das Grödnerjoch – Oies in St. Leonhard, Gemeinde Abtei (Alta Badia) – sein Geburtshaus. Wir stehen in der Stube vor dem Marienbild der Familie Freinadametz. Hier haben sie zusammen den Tag begonnen mit dem Engel des Herrn, hier beendeten sie den Tag mit einem Rosenkranz – kniend am Holzboden. Josef, 1852 als viertes Kind von Gio­vanmatia und Anna Maria geboren hat zwölf Geschwister, von denen vier kurz nach der Geburt sterben.
Wir erwerben im Geburtshaus eine Kerze mit der Aufschrift: „Die Sprache der Liebe ist die einzige Sprache, die alle Menschen verstehen“.
Abgeschieden und geborgen im katholischen Milieu seiner Heimat, dem Gadertal in der wunderbaren Bergwelt der Dolomiten, so wächst Üjöp (ladinisch für Josef) in seiner Familie auf. Die erste Öffnung in die „weite Welt“ ermöglicht ein Gönner. Josef kann die deutsche Volksschule, das Gymnasium und später das Priesterseminar in der Bischofsstadt Brixen besuchen. Der Weg dorthin: elf Stunden Fußmarsch. Im Seminar faszinieren den jungen Mann katholische Missionare, die dort unterrichten. Nach seiner Priesterweihe 1875 wird er Kaplan in St. Martin im Gadertal – steht ein Priesterleben im Dienste seiner Heimat bevor?
Gottes Wege machen es dem jungen Priester nicht so einfach. Der Dienst an seiner Heimat führt ihn über ein Leben in China. Der junge Orden der Steyler Missionare, gegründet 1875 von Arnold Jansen, dem er 1878 beitritt, sendet ihn ein Jahr später als Missionar nach China.
Seine Berufung, treu seine Sendung zu leben, auch wenn es weh tut, beginnt mit falschen Vorstellungen. Der junge Kaplan, in seiner Heimat mit „Gelobt sei Jesus Christus“ gegrüßt, fährt in die Mission, um „Heiden zu taufen, bis die Arme ermüden“ und „Seelen dem Teufel zu entreissen“.
Er, der mit Feuereifer aus Europa gekommen ist, erlebt tiefe Einsamkeit und den großen Schmerz, als „fremder Teufel“ bezeichnet zu werden. „Wir sind unerfahren und ohnmächtig“ – so sein Lebensgefühl.
Der Berufungsweg für „seine Chinesen“ beginnt mit dem Erlernen der chinesischen Sprache und hat sein Ende auf Erden mit seinem Tod in China 1908. Ein Katechumene: „Ich verliere Vater und Mutter.“
Zunächst seine Anfänge in China: Freinadametz lernt in Hongkong Chinesich. Das zuvor in Steyl Erlernte erweist sich als unbrauchbar. Nach zwei Jahren kommt er in sein Einsatzgebiet in Süd-Shantung – jetzt lernt er zum dritten Mal chinesisch, weil das Hongkong-Chinesisch dort keiner versteht.
Die Sprache des anderen erlernen, auch wenn es mühsam ist – wir stellen jetzt manchmal Ehepaaren die Frage: „Was ist einfacher? Die chinesische Sprache zu lernen oder die Sprache des Ehepartners?“ Diese Frage traut sich meist keiner zu beantworten. Für Freinadametz ist das gute Erlernen der Fremdsprache ein wichtiger Schritt, seine Berufung zu leben. 1880 hält er seine erste Predigt auf chinesisch. Er freut sich, dass die Leute nicht nur merken, dass er chinesisch spricht, sondern ihn sogar verstehen.
Treue zur Berufung – auch wenn es weh tut, dreimal chinesisch zu lernen.
Als Kind seiner Zeit nimmt er zunächst europäisches Überlegenheitsgefühl in das Land, das ihm zur Heimat werden sollte, das er, bis auf eine dreiwöchige Kur in Japan, nicht mehr verlassen sollte und auch wollte.
Gott wandelt ihn, und Freinadametz läßt sich wandeln. Die äußere Wandlung ist vergleichsweise einfach. Seine einfache Kleidung, seine Frisur, er passt sein Äußeres den chinesischen Bräuchen an. Seinen Namen ändert er in „Fu Shenfu“ – „Priester des Glücks“. Die Kraft für seine innere Wandlung bekommt er aus der Tiefe seines Glaubens: „Der Glaube hält uns, auch der Glaube an unsere eigene Sendung. Wie großartig ist doch die Religion des Gekreuzigten! Wir müssen für Christus Zeugnis geben unter den Völkern, den Samen austreuen. Das Übrige aber ganz Gott überlassen.“ Seinen Eltern schreibt er: „Ich würde auf die Würde des Missionarsberufes nicht verzichten, auch nicht für die Kaiserkrone!“
Seine innere Wandlung geschieht durch Ehrfurcht und demütiges Verstehen und Annehmen der Andersartigkeit des chinesischen Volkes. Einigen Mitbrüdern ging das Verstehen zu weit. „Wie kann der Mann Beicht’ hören, wenn er diese Leute für solche Heilige hält?“ sagten sie.
Warum tut er sich das an? Diese Frage stellt sich der Leser seiner Biographien und seiner Briefe, die er zahlreich in seine Heimat geschrieben hat, auf fast jeder Seite. Die Antwort immer wieder: Seine Treue zu seiner Berufung – auch wenn es weh tut!
Die Schmerzen waren nicht nur seelischer Natur, sondern immer und immer wieder auch körperlicher Art – viele Male dem Märtyrertod nahe, immer wieder davon gekommen, er sollte noch einige Jahre für seine Chinesen da sein.
Seinen Eltern schreibt er: „Ein armer Neuchrist hat vom Mandarin eine schreckliche Prügelstrafe bekommen, seine Schuld: Christ geworden zu sein. Der Missionar ging sofort zum Mandarin, um den armen Christen, der fast zu Tode geprügelt worden war, frei zu bekommen. Nun hat der Mandarin eine Handvoll Schurken geschickt, die mit langen Stöcken diesen Missionar geschlagen haben, dann haben sie ihn aus dem Haus gezogen, auf den Boden geworfen, haben ihm mit dem ekelhaftesten Dreck das Gesicht beschmutzt und ihn so durch die große Straße einer großen Stadt geschleppt, begleitet und verspottet von einer riesigen Menge. Sie haben ihm die Haare ausgerissen, haben ihm gedroht, ihn ins Wasser zu werfen, ihn umzubringen usw.. Schließlich kamen sie außerhalb der Stadt an und haben ihn gebunden auf den Boden geworfen. Dort, auf den Boden ausgestreckt, predigte er ihnen für ungefähr eine halbe oder viertel Stunde, dann haben sie ihn gehen lassen. Der Missionar, der Euch von Herzen grüßt und Eure Gebete erbittet, ist kein anderer als Euer Sohn Giuseppe, 23. Mai 1889“
Treue – bis es nicht mehr weh tut.
„Betrachten wir das Leben als das, was es ist: eine Aussaat für die Ewigkeit. Wie wir säen, werden wir ernten.“ Diese gläubige Überzeugung vermittelt er den Menschen seiner Umgebung. Seinem Bruder schreibt er: „Ach, dass doch alle unsere Brüder und Schwestern glücklich zu der Pforte des Himmels gelangen mögen, ohne verloren zu gehen in der Sünde und in der Verweltlichung. Ich bitte jeden Tag den Herrn, uns allen eine so schöne Gnade zu schenken.“
„Seine Chinesen“: 1881 gab es im Vikariat Süd-Shantung 158 Christen, 26 Jahre später waren es 40.000 Getaufte und 40.000 Katechumenen. Zwei Weltkriege später, Machtergreifung durch Mao Tse Tung, Kulturrevolution. Was mögen die Früchte seines Lebens im heutigen China sein? Gott allein weiß es.
Seine „Briefe in die Heimat“ haben sich bald nach seinem Tod in Tirol zu einem „Renner“ entwickelt. Vielfach händisch abgeschrieben und weiter gegeben. Zeugnisse eines Botschafters der Nächstenliebe, so wie ihn die Menschen heute brauchen. Einer, der Fremdsprachen lernt, um den anderen zu verstehen. Einer, der in Treue den Weg seiner Berufung geht – auch wenn es weh tut.

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