VISION 20004/2013
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Die Doktrin vom perfekten Wunschkind

Artikel drucken Die Industrieländer im Banne einer kinderfeindlichen Grundhaltung (Von Christof Gaspari)

Einige Meldungen in letzter Zeit machen deutlich, wie sehr Kin­der heute dem Nützlichkeitskalkül der Erwachsenenwelt unter­liegen – ja, wie ihre Existenz in einem unerträglichen Ausmaß verzweckt wird. Ich mute Ihnen, liebe Leser, diese Meldungen zu, weil sie die brutalen Konsequenzen zeitgeistlichen Denkens verdeutlichen.

Da berichtet Die Tagespost (v. 22.5.13) folgendes: „Nach Schätzungen des UN-Kinderhilfswerks UNICEF werden jährlich mehr als 1,2 Millionen Kinder vor allem in Westafrika, Asien, Lateinamerika, aber auch Osteuropa ihren Familien entrissen und ,auf brutale Weise miss­braucht’. In Westafrika würden Jahr für Jahr etwa 200.000 Kinder als Arbeitssklaven verkauft.“ Weitere „Verwendungszwec­ke“ von Babys: illegale Adoption, Prostitution, rituelle Zwecke und Organhandel. Sie haben richtig gelesen: 1,2 Millionen! Entspricht der Bevölkerung von Tirol plus Salzburg plus Burgenland. In Nigeria wird zum Teil richtiggehend Kinderzucht betrieben: In „Babyfarmen“ tragen schwangere Frauen gegen Entgelt Kinder aus, die dann „verwertet“ werden. Für Buben gibt es mehr Geld.
Schrecklich, denkt der Europäer, was sich alles in der 3. Welt abspielt. Gott sei Dank, bei uns… Allerdings sind wir Menschen aus den reichen Industrie­ländern vielfach Nutznießer solcher Praktiken: durch Einkauf billiger, von „Arbeitssklaven“ hergestellter Waren, durch Transplantation von Organen dubioser Herkunft in südostasiatischen Ländern – und durch ähnliche Praktiken, die wir  allerdings mit wohlklingendem Vokabular umschreiben: Bei uns heißt Kinderzucht eben „vornehm“ Leih­mutterschaft, die zunehmend salonfähig wird. So berichtete Die Presse online (28.1.13): „Der kleine Elijah ist für Elton John und Ehemann David Furnish der zweite Sohn. Wie schon sein Bruder, wurde auch er von einer Leihmutter ausgetragen.“ Klingt wie eine ganz normale Meldung, kein Anflug von Kritik – im Gegenteil, verhaltene Freude über den Familienzuwachs bei einem deklariert homosexuellen Paar.
Dass es sich hier nicht um einen Einzelfall handelt, illustriert folgender Bericht. „(Olga) arbeitet wie etwa 190 andere ukrainische Frauen für die Agentur Biotexcom. Die Agentur wirbt (…) mit unterschiedlichen ,Paket­lösungen’. Das ,Successpaket’ ist gerade im Angebot und kostet statt sonst 12.000 nur 9.900 Euro. Für diesen Betrag kann sich eine Kundin aus Deutschland die Eizelle einer ukrainischen Spenderin einsetzen lassen. (…) Will oder kann die deutsche Frau die fremde Eizelle nicht selbst austragen, ist das ,Idealpaket’ eine Alternative. Die Eizelle einer ukrainischen Spenderin, befruchtet mit dem Samen des deutschen Ehemannes, wird dann einer anderen Ukrainerin, einer Leihmutter, eingesetzt. 27.900 Euro kostet dann das Produkt ,Kind auf den Arm’.“ (FAZ online 30.5.13)
Mittlerweile ist Leihmutterschaft in vielen Ländern legal, etwa in Russland, Belgien, Israel, Australien, NL, GB, USA, Griechenland, Ukraine.
Das Kind wird so zum Produkt extravaganter Vorstellungen von Erwachsenen. Ähnlich zu beurteilen ist die folgende „Erfolgsmeldung“ (Deutsche Welle v. 15.5.13): Es sei gelungen, embryonale Stammzellen aus zuvor geklonten menschlichen Embryonen zu gewinnen. Man erhoffe sich davon die Heilung von Diabetes, Parkinson, Herzkrankheiten… Die Freude über diesen „Durchbruch“ kann wohl nur jemand empfinden, der übersieht, was tatsächlich geschieht: Da wird ein Mensch „produziert“, dessen Erbgut mit einer schon lebenden Person identisch ist – eine Menschenkopie also. Dieses Kind wird in den allerersten Phasen seines Lebens getötet, weil man auf seine Stammzellen aus ist, um diese – nach geeigneter Präparierung – dann als „Heilmittel“ für den Spender einzusetzen. Ein Musterbeispiel für die totale Verzweckung eines Kindes in seinen ersten Lebenstagen.
Ich erwähne diese Beispiele nur, um zu illustrieren, wohin eine Logik führt, die in weniger krasser Form, aber dennoch heute weitverbreitet ist: Das Kind als Projekt der Erwachsenenwelt, das seinen ihm eigenen Platz und Stellenwert zu verlieren droht.
Dabei scheint gerade unsere Zeit, die Bedeutung des Kindes besonders zu betonen. Man nehme beispielsweise das Partei-Programm der österreichischen Sozialdemokraten zur Hand. Dort liest man: „Kinder sind nach unserer Überzeugung Bürgerinnen und Bürger mit eigenständigen Rechten, nämlich dem Recht auf Zuwendung, Betreuung inner- und außerhalb der Familie und Ausbildung, dem Recht, so zu leben und sich so zu verhalten, wie sie es selbst wollen, sowie dem Recht auf Schutz vor Gewalt.“ (Abschn. III.6 (4))
Auch die UN-Kinderrechtskonvention spricht den Kindern noch und noch Rechte zu: Recht auf Gesundheit, Bildung, Ausbildung, Freizeit, Spiel, Privat­sphäre, gewaltfreie Erziehung, Familie, elterliche Fürsorge, Schutz vor Diskriminierung,…
Aber wie sieht es tatsächlich aus? Die Misere fängt schon mit der offiziell propagierten Sexu­al­­aufklärung an. Da lautet – man lese in der von der Bundesregierung in mehreren Auflagen verbreiteten Schrift Love, Sex und so nach – die Parole: Macht miteinander (auch Mädchen mit Mäd­chen, Bursch mit Bursch), wozu ihr Lust habt – solange beide damit einverstanden sind, nur auf eines achtet: Sorgt für Verhütung! Und wenn es dennoch zu Pannen kommt, lautet der Ratschlag: „… gibt es die Möglichkeit, eine Schwangerschaft im Nachhinein zu verhindern…“ Es folgen entsprechende Hinweise.
Was lernt der junge Mensch daraus? Das Kind ist Feind des Lebensglücks, das dir zusteht – und du kannst nach deinen Vorstellungen darüber verfügen. Hunderte Millionen Kinder haben diese moderne „Errungenschaft“, das Recht auf Abtreibung, mit ihrem Leben bezahlt.
Eine weitere Botschaft gehört zum Wertekanon unserer Zeit: Das erfüllte, spannende, wirklich sinnvolle Leben spielt sich in der außerhäuslichen Berufswelt ab. Diese „Wahrheit“ wird seit mehr als einem halben Jahrhundert vor allem den Frauen eingehämmert. Begnügen wir uns an dieser Stelle mit einem Zitat von Simone de Beauvoir, einer Vorkämpferin der „Befreiung“ der Frau. „Keine Frau sollte das Recht haben, zu Hause zu bleiben, um ihre Kinder aufzuziehen. Die Gesellschaft sollte ganz anders sein. Frauen sollten nicht wählen können, eben weil zu viele von ihnen – wenn es diese Wahlmöglichkeit gibt – für sie entscheiden würden.“ (Interview mit Betty Friedan zitiert in Who Stole Feminism?). Das Kind also als Falle für die Frau.
Diese zwei Selbstverständlichkeiten des herrschenden Wertekanons haben schwerwiegende Folgen für die Einstellung zum Kind: Die einigermaßen sicheren Verhütungsmethoden und die Legalisierung der Abtreibung haben die sexuelle Begegnung von der Fruchtbarkeit abgekoppelt und das Wunschkind zur Norm gemacht. Nach heutigen Vorstellungen sollen nur mehr Kinder, die sich die Eltern wünschen, zur Welt kommen. Zugegeben: Vor der systematisch propagierten Verhütungsmentalität waren wohl viele Kinder keine Wunschkinder. Sie wurden aber, sobald sie unterwegs waren, im allgemeinen angenommen und mehr oder weniger geliebt – wie übrigens die ersehnten auch.
Heute muss ein Kind jedoch gewollt, ja programmiert sein, um zur Welt zu kommen. Und dieser Wille muss – „dank“ der Möglichkeit abzutreiben – mehrere Monate lang aufrechterhalten werden. Vorgeburtliche Untersuchungen, die „Mängel“ am Kind andeuten, führen ja meist dazu, dass es getötet wird. Weil möglichst nur „perfekte“ Kinder zur Welt kommen sollen, dürfen möglicherweise behinderte bis knapp vor der Geburt abgetrieben werden.
So kommen Kinder eines Augenblickswunsches oder des „Zufalls“ sowie solche, die den „Qualitätstest“ nicht bestehen, eben nicht zur Welt. Damit ist der Nachwuchs fast vollständig der Lebensplanung seiner „Erzeuger“ unterworfen.  
Große Anstrengungen werden heute unternommen, damit dieses Konzept auch nach der Geburt zum Zuge kommt: Krabbelstuben, Kinderkrippen (zum Teil rund um die Uhr), Ganztagskindergärten und –schulen, Feriencamps sorgen dafür, dass Eltern weiterhin ihren „wesentlichen“ Aufgaben nachgehen können.
Der Neurobiologe Ralph Dawirs vom Universitätsklinikum Erlangen spricht das Grundmotiv des forcierten Ausbaus der Tagesbetreuung für Kleinkinder deutlich an: „Es geht um den Hunger der Wirtschaft nach Arbeitskräften. Die Wirtschaft möchte, dass beide Elternteile arbeiten. (…) Der staatlich geförderte Krippenausbau (ist) eine einseitige Bevorzugung des Lebensmodells Trennung von Kleinstkindern von ihren Eltern.“ Diesen suggeriert man: Überlasst die Persönlichkeitsentwicklung eurer Kinder den Experten. Sie können das besser, vermitteln eurem Nachwuchs von klein auf, was er später im Leben braucht, um zu bestehen. Und: außerhäuslich werden ihm soziale Kontakte ermöglicht, die ihr daheim lang nicht so gut bieten könnt. Außerdem müsst ihr euch nicht mit dem Alltagskram herumschlagen, der alle Be­teiligten nur belastet. So könnt ihr, wenn ihr alle beisammen seid, die Zeit für qualitativ hochwertige Begegnung nützen.
Was für ein Irrtum! Hören wir wieder Dawirs: „Mit den Kitas etabliert sich nun noch eine Frühförderungshysterie. Kinder erfahren schon als Kleinstkinder, dass sie über ihre Leistung wahrgenommen werden, also nur bedingt geliebt werden.“ Und: „ Es geht um Leistung, Überleben in der Leistungsgesellschaft (…), wo Kinder oft Projekte sind, die gelingen  müssen…“ Und weiter: „Die Kinder gehen daran zugrunde, weil sie als Kinder vor allem die unbedingte Liebe brauchen. Eine Liebe, die nicht davon abhängt, welche Noten man bekommt, ob man Erster oder Letzter ist. Erst durch diese unbedingte Liebe erwacht die Bereitschaft, die eigene Leistungsbereitschaft einzusetzen.“
Hier sind wir am Kern des Problems angelangt: Es geht um die Liebe. In unserer Zeit droht die Liebe zu erkalten (Mt 24,12), ein ansteckender Prozess, dem sich Christen entziehen müssen. Denn Zukunft hat nur eine Welt, die sich über Kinder freut und diese auch Kinder sein lässt, wissend, dass sie Lehrmeister der Liebe sind. So erweist sich die Zuwendung zum Kind als einmalige Chance, als Schule der Liebe für Erwachsene, die Gelegenheit bekommen, in der Hingabe und im Verzicht zu wachsen und als Menschen zu reifen. 

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