VISION 20004/2013
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Große Hoffnung für die Zukunft der Kirche

Artikel drucken Eine neue Priestergeneration, die sich in die Wahrheit verliebt hat, die die Kirche lehrt

Er hat eine herzerfrischende, fröhliche, einfache Art über sich zu erzählen und für seinen Glauben Zeugnis zu geben, Kardinal Timothy Dolan, Erzbischof von New York. Im folgenden ein Auszug aus einem Interview, das KTO kürzlich ausgestrahlt hat.

Sie sind Historiker und haben am Päpstlichen Nordamerika-Seminar in Rom gewirkt. Da konnten Sie praktisch die Zukunft der Kirche in den USA in Miniaturausgabe studieren. Welchen Eindruck hatten Sie von den jungen Seminaristen dort?
Kardinal Thimothy Dolan: Was für ein Geschenk war das doch, dass ich sieben Jahre mit ihnen verbringen durfte! Ich war dort von 1994 bis 2001. Es ist für mich immer noch eine große Freude, mit einigen von ihnen zusammenzutreffen und zu sehen, dass sie heute glückliche, heiligmäßige Priester sind. Die Jahre dort haben in mir große Hoffnungen für die Zukunft der Kirche geweckt. Ich habe dort patente Burschen erlebt, die Christus und die Kirche liebten. Sie haben mich richtig beschämt, waren für mich eine Quelle der Glaubenserneuerung. Ich sagte mir dort: Wenn du mit ihnen über Gebet, missionarischen Eifer und Barmherzigkeit sprichst, dann tust du gut daran, ihnen das vorzuleben. Wenn du ihnen ans Herz legst, täglich eine Stunde zu beten, bete selbst wenigstens 61 Minuten. Und wenn du von der Bedeutung der intellektuellen Auseinandersetzung sprichst, dann setz’ dich selbst in die Bibliothek zum Studieren. Und wenn du von der Bedeutung der Sakramente sprichst, dann sollten sie miterleben, dass auch du zur Beichte gehst und Beichte hörst. Rede nicht nur von Barmherzigkeit, sondern geh ins Spital und besuch dort kranke Kinder. Sie haben mich herausgefordert, mein Bestes zu geben, mit dem Beispiel zu lehren. Paul VI. hat es ja gesagt: „Heute lehrt  man viel eher durch das Beispiel als durch Worte.“ Und so habe ich mir gesagt, dass ich als Rektor Beispiel geben müsse und nicht einfach nur Geschichten erzählen.
Wir erinnern uns beide an die 60-er Jahre. Wenn man von den Anliegen der damaligen Studenten spricht, woran denken wir da? An Rebellion, Marihuana, sexuelle Abenteuer… Man wollte das Geschehen an den Unis kontrollieren. Wenn ich nun an meine Zeit in Rom zurückdenke, so hatten die Studenten zwei Anliegen…

Welche?
Dolan: Erstens täglich eine Stunde Anbetung, zweitens, dass jeden Tag in der Früh ein Priester für Beichte und Aussprache anwesend sei.

Sind Sie diesen Wünschen nachgekommen?
Dolan: Klar, ich habe Halleluja gesagt. Sie mussten mich nicht zwingen. Und diese Burschen wirken jetzt in den Pfarren. Böse Zungen mögen das jetzt karikieren und sagen: Das ist Nostalgie, die wollen nur die Zeiger der Uhr zurückdrehen, das ist 50-er-Jahre-Romantik. Nein, da ist keine Spur von Nostalgie. Wenn man sie auf vorkonziliar anspricht, fragen die sicher, was das überhaupt bedeutet. Für sie ist klar: Sie lieben Jesus, sie wollen Zeiten der Anbetung halten, sie lieben Johannes Paul II. und dessen Nachfolger. Sie haben sich einfach in die Wahrheit verliebt, die die Kirche lehrt. Das haben sie persönlich als befreiend erlebt. Da ist keine Spur von ideologischer Restauration. Die sind keine Handlanger der Reaktion, sondern gesunde, glückliche Burschen, die nach Heiligkeit streben. Und man findet sie, wohin man kommt. Wir müssen dafür sorgen, dass sie zahlreicher werden…

Und sie sind ein Anstoß, uns über unseren eigenen Glauben Gedanken zu machen…
Dolan: Ja, genau!

Als Sie in die USA zurückgekommen sind, wurden Sie mit den Folgen des sexuellen Miss­brauchs konfrontiert. Welchen Sinn können Sie, als Bischof, in all dem erkennen? Was können wir daraus lernen? Wohin sind wir da unterwegs?
Dolan: Als ich Rektor in Rom war, bekamen wir schon die ersten Meldungen mit. Damals ging es in Kanada los. Und dann ist es wie saurer Regen auf uns herabgefallen. Als ich mit den Seminaristen darüber sprach, haben sie gesagt: Welchen Horror kann ein Priester durch ein skandalöses Leben hervorrufen! Aber wir wissen auch um das Große und Wunderbare, das ein Priester durch Demut, Tugend und Heiligkeit bewirken kann. Und wir wollen uns um letzteres bemühen und keinesfalls Ursache für Leiden oder Skandale sein. „Wir wollen aus diesem Tod auferstehen, aus dem Leiden wollen wir in die Freiheit gelangen, aus dieser Sünde soll Gnade hervorgehen,“ so waren ihre Worte. Das ist die Erneuerung der Kirche, die wir derzeit erleben. Als die Ereignisse 2001 Tsunami-Dimensionen annahmen und ich als Weihbischof nach St. Louis kam, befand ich mich mitten im Geschehen. Gott sei Dank hatte ich damals die Unterstützung von großartigen Priestern und von Erzbischof Rigali. Aber es war ein harter Job: Ich musste Priester absetzen und die Charta des Kinderschutzes anwenden. Wie gesagt, ich war im Zentrum des Geschehens. Und dann kam die Sache mit Erzbischof Weakland von Milwaukee. Er hat, Gott sei Dank, keinen Kindesmissbrauch begangen, wohl aber zugegeben und sich dafür entschuldigt, dass er eine unmoralische Beziehung mit einem Mann gegen Entgelt unterhalten hatte…

Ihm sind Sie als Erzbischof von Milwaukee nachgefolgt. Wie ist es Ihnen da ergangen, als Sie nach diesem Skandal in sein Büro eingezogen sind?
Dolan: Klarerweise war ich nervös. Wie würde ich mit all dem zurecht kommen? Ich wurde zum Nuntius, Erzbischof Gabriel Montalvo, gerufen. Als ich zu ihm nach Washington kam, bot er mir eine Zigarette und einen Drink an. Beides habe ich abgelehnt. Dann hat er mir mitgeteilt: „Der Heilige Vater möchte, dass Sie Erzbischof in Milwaukee werden…“ – und da habe ich beides, Zigarette und Drink genommen. Ich dachte, ich pack das nicht. Mir bedeuten jedoch die Worte des heiligen Bernhard sehr viel, der sagt: Gott verlangt niemals etwas von uns, wozu er nicht genügend Gnade schenkt, um es zu tun. Das hat mir damals Zuversicht gegeben. Meiner Mutter, einer weisen Frau, habe ich gesagt: „Ich weiß nicht, ob ich dazu imstande sein werde…“ Darauf sie: „Aber offensichtlich meinen andere das schon! Sie haben dich dazu ausersehen, also bleib so, wie du bist.“ Und Mutter Teresa hat einmal gesagt: „Gewinnen wir den Kampf  mit der Kraft der Liebe!“ Ich musste also nicht zum „Unschulds-Aktivisten“ oder Reformator werden. Ich sollte einfach ich selbst bleiben, mit den Leuten beten, sie lieben, die Wahrheit bezeugen, ihnen Hoffnung zu geben versuchen… Jesus hat uns ja versprochen, mit Seiner Kirche zu sein und dass die Pforten der Hölle sie nicht überwinden würden.
Ja, und, ob sie es glauben oder nicht: Diese 7,5 Jahre in der Erzdiözese Milwaukee waren durchaus gesegnete, glückliche Jahre.

Dann hat Sie der Nuntius neuerlich gerufen. Diesmal war es Pietro Sambi – und bumm…
Dolan: Er rief mich im Februar 2009, um mir zu sagen, der Heilige Vater berufe mich zum Erzbischof von New York. Ich denke, es gibt besser geeignete Kandidaten, war meine Antwort. „Vor sechs Monaten habe ich Ihnen doch entsprechende Namen für den Posten geschickt. Ich bin nicht der richtige Mann für diesen Job.“ Seine Antwort: „Sie haben mich nicht richtig verstanden. Der Heilige Vater hat Sie dazu bestimmt. Da gibt es nichts mehr zu diskutieren.“ Manchmal bedanken sich die Leute dafür, dass ich Erzbischof von New York geworden bin. Ihnen sagte ich dann: „Ich hab mit all dem herzlich wenig zu tun gehabt…“ Und insgeheim dachte ich: Ich habe mich nicht darum beworben – sollte ich nun versagen, würde ich den Leuten sagen: Sie hätten eben einen anderen wählen müssen.

Sie sind in einer schwierigen Phase nach New York gekommen, haben sich mit der Lage vertraut gemacht und sind über­all hingegangen: Haben mit den Leuten auf der Straße gesprochen, mit der Golfkappe auf dem Kopf Hotdogs am Stand gegessen… Einerseits kann man sagen, Sie seien ein PR-Genie, aber da ist noch etwas: Unlängst war ich in New York und habe mit einfachen Leuten gesprochen, Männern von der Feuerwehr, Polizisten, Hausfrauen… Ich habe Ihnen gesagt: Nächste Woche treffe ich ihren neuen Erzbischof, wie ist er? Die Antwort: Er ist präsent, intelligent, wir hören gern seine Predigten…“
Dolan: Danke für die Rosen, reden Sie weiter…

Im Februar war ich ein paar Mal in St. Patrick’s. Da ist mir aufgefallen, dass Sie es schaffen, die Leute anzusprechen – und zwar in der Tiefe. Sie haben eine joviale, freundliche Art, aber auch unglaublich viel Klugheit…
Dolan: Vielen Dank für die freundlichen Worte. Wollen Sie mein Seelenführer werden?

Sagen Sie, welche Flamme brennt da in Tim Dolan, die Sie antreibt. Sie stehen stets vor enormen Herausforderungen, weltweit. New York ist ja nicht irgendeine Diözese. Die Augen der Welt sind auf sie gerichtet … Wie gehen Sie damit um?
Dolan: Sie wissen so gut wie ich, dass manche Leute das, was ich sagen werde, missverstehen. Sie sagen: Das ist ja der Job des Priesters. Aber das einzige, was mir hilft voranzuschreiten, ist die Gnade und die Barmherzigkeit Gottes. Ich meine das auch so. Eigentlich mag ich den Ausdruck nicht, aber jedes Mal, wenn wir in der Kirche eine Stufe „höher“ steigen, klettern wir nicht empor – denn wir stehen nicht über den anderen Getauften –, sondern es ergeht an uns der Ruf, in einem größeren Rahmen zu dienen und noch mehr Vertrauen auf Gott zu setzen. In jeder neuen Funktion verbringe ich daher mehr Zeit im Gebet. In der Früh, wenn ich bete, denke ich an Petrus, der, als er zu ertrinken droht, dem Herrn zuruft: „Rette mich, Herr!“ Ich denke an den Wind und die Wellen rund um mich: an meine Sorgen wegen jener Pfarre, der Gesundheit dieses Priesters, einer fälligen Rechnung, wegen jener wichtigen Entscheidung, die heute zu treffen ist – dann sage ich Ihm: „Rette mich, Herr, ohne Dich gehe ich unter!“ Und Jesus antwortet: „Warum hast du Angst? Warum zweifelst du? Komm zu mir über das Wasser!“
Das ist es, was mir Kraft gibt – und Ihnen übrigens auch. Jeder, der heute zuhört, ob es Großeltern oder Alleinstehende, Väter oder Mütter sind: Wie können sie sicher sein,  was Gott von ihnen will? Auch ich bin auf der Suche. Wir Priester, Bischöfe denken oft: Was für Probleme, welche Herausforderungen! Wenn ich morgens aus dem Fenster schaue, sehe ich mexikanische Zuwanderer um 5 Uhr ins Hotel gegenüber gehen, um ihren Job zu tun, sehe Polizisten, die in der Bar am Eck einen Kaffee hinunterstürzen, bevor sie ihren Dienst antreten, ich sehe Männer und Frauen, die arbeiten gehen, um ihre Familie zu ernähren, ich sehe St. Patricks voller Menschen, die morgens zum Gebet vorüberkommen – wir alle stehen vor Herausforderungen…

Auszug aus einem im August 2010 von P. Thomas Rosica geführten Interview mit dem Erzbischof von New York Kardinal Timothy Dolan, das über das Internetportal von KTO ausgestrahlt worden ist:
http://www.ktotv.com/videos-chretiennes/emissions/nouveautes/sel-et-lumiere-mgr-timothy-dolan/00076575

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