VISION 20004/2013
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Was wir von Kindern lernen können

Artikel drucken Erfahrungen mit Kindern und Enkeln

Wir brauchen unsere Kinder nicht erziehen, sie machen uns sowieso alles nach,“ sagte jüngst ein Vater in einer Runde von Eltern. Das stimmt, aber nur insofern wir genug Zeit mit den Kindern verbringen. Wenn aber Kleinstkinder ihre Zeit in Krippen, später in Horten und Tagesschulen verbringen, werden sie wohl eher ihre Altersgenossen nachahmen und mehr von diesen lernen als von ihren Eltern. Wie unendlich schade,  nicht nur für die Kinder, sondern vor allem auch für uns, Eltern und Großeltern, wenn wir nicht viel Zeit mit ihnen verbringen.
Gerade habe ich in Heften geblättert, die ich meinen Kindern und Enkeln, viel zu selten, in all den Jahren geschrieben habe  . Aber was für ein Schatz trat da zutage! Wie oft habe ich da Liebesschwüre zitiert: „Ich hab dich eins, zwei, drei, 15 lieb und auf der ganzen Welt“, da wird gebusselt („Mami, die kannst du alle behalten“) und  von der Freude des Kuschelns. Da lese ich vom Bemühen der Kinder (und Enkel), ihre Eltern – Gott sei Dank auch die Großeltern – mit ihrer Liebe glücklich zu machen:  „Bist du froh, dass ich dich unendlich mal unendlich lieb habe?”
Da finde ich auch eine Stelle: „Mami, du kannst schon schlafen, ich pass auf dich auf.“ Und: „Lieber ich soll krank sein, aber nicht die Mami.“ Oder: „Ich tu deine Hände busseln, damit sie nicht weh tun.“ Und schließlich: „Ich werde Indianer mit Pfeil und Bogen, dann kann ich dich vor den Bisons im Zoo beschützen.“
Wie leicht bringen Kinder Freude zum Ausdruck, z.B. über eine Blume, die gerade vor der Haus­türe aufblüht (als Stadtmensch habe ich erst meine kleine Tochter gebraucht, um das zu sehen). Und welches Herz schmilzt nicht dahin, wenn einem ein Kind voll unbändiger Freude entgegenläuft und in die Arme springt, einfach weil es sich freut, einen wiederzusehen! Ob mit den Kindern oder Enkeln, unzählige Male habe ich dies erlebt und dabei ein Glücksgefühl empfunden.
Sie, liebe Leser, werden ähnliches kennen, aber es tut gut, sich daran zu erinnern: Spontane Liebe,  berührendes Sorgen,  überschwängliche Freude, all das zeichnet kleine Kinder aus. Warum? Vielleicht, weil sie noch nah an Gott, der die Liebe ist, sind, weil sie noch viel von dem zu geben, zu verschenken haben, was Gott in sie grundgelegt hat. Wie gut, wenn das auf uns abfärbt, wir uns anstecken lassen und all das wieder entdecken, was auch wir als Kinder in uns hatten.  Wie gut wäre es auch, das in unserem Erwachsenenleben umzusetzen: Anderen spontan zeigen, dass wir sie mögen,  unsere Nächsten mit mehr Fürsorglichkeit betrachten, bereit sein zu helfen, und – was mir nicht so leicht fällt – sich über die vielen kleinen Dinge des Lebens freuen, an denen wir – ich – oft achtlos vorübergehe(n).
Gerade was den Glauben anbelangt, trifft man bei Kindern auf viel Offenheit. Sie haben keine Probleme mit Glaubenswahrheiten, sind voll Vertrauen, solange sie keine schlechten Erfahrungen gemacht haben. Ich sehe noch einen unserer Enkel, wie er  mit großer Ehrfurcht und Andacht die Figur des auferstandenen Herrn  in der Osternacht vornweg in der Prozession getragen hat.  Als er noch kleiner und seine Mutter im Spital war, hat er sich die Wandermuttergottes ins Bett geholt, überzeugt sie würde ihn beschützen. Oder: „Sind deine Hände schon besser? Ja? Weil ich so viel für dich bete,“ sagte mir mein damals vierjähriger Enkel.
Ich erinnere mich an meine Tochter,  die wenn sie einen Streit mit der Freundin begraben wollte, ihr die Hand gab mit den Worten: „ Der Friede sei mit dir.“  Verzeihen und versöhnen: um wieviel leichter tun sich da Kinder als wir Erwachsene. Streit vermeiden und alle die uneins sind miteinander versöhnen, war und ist ein Hauptanliegen unseres Sohnes.  Unser älterste Enkel war uns als Kind ein Vorbild an Gewissenserforschung: Vor dem Einschlafen wollte er immer den Tag Revue passieren lassen, um jedes falsche Wort, jeden möglicherweise unrechten Gedanken auszusprechen. Erst dann war es gut
Seitdem ich wusste, dass ich über das Thema schreiben würde, habe ich unsere Enkel – mittlerweile Teenager – genauer beobachtet und festgestellt, dass ich auch heute von ihnen lernen kann: Da sagt unser Tennisspieler vor einem Match: „Weißt du, wenn ich verliere, mache ich dem anderen wenigstens eine Freude.“  Schon als kleines Kind hatte er kein Problem mit dem Verlieren. Wie gut, wenn er sich das bewahren kann. Ein anderer war mir in den letzten Monaten ein Vorbild im Vergeben von zugefügtem Unrecht. Er scheut sich auch nicht im vollbesetzen Restaurant vor dem Essen ein Kreuzzeichen zu machen – ganz natürlich.
„Danke, dass Sie hier stehen und beten,“ sagte unlängst unserer 13-jähriger Enkel zu Sr. Marese, die wieder einmal im stillen Gebet vor der Abtreibungsklnik stand, als er an ihr vorüberging.
Noch einiges, nicht nur aus unserer Familie, fiele mir zu diesem Thema ein, um zu zeigen, wie viel wir von Kindern lernen könnten, wenn wir  sie Kind sein lassen und sie darin ernst nehmen, denn sie haben noch etwas von der Fülle des Herrn in sich. Entdecken wir dies neu, lassen wir uns anstecken, werden wir „wie die Kinder“ (Mt 18,3).

Alexa Gaspari

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