VISION 20006/2014
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Vom kleinen und vom großen Glück

Artikel drucken Die Heiligen: Menschen, die Glück und Freude selbst im Unglück erleben (Von Weihbischof Andreas Laun)

Ist man glücklich, wenn man gesund, reich, berühmt ist? Es bedarf keiner besonderen Le­benserfahrung, um zu wissen: Die „Dinge“, die man sich so wünscht, haben eines gemeinsam: Sie nützen sich ab, sätti­gen die Seele nicht, sind ver­gänglich, nicht nachhaltig.

Sie rufen uns zu: Nein, wir sind es nicht, die dich auf Dauer und in der Tiefe deiner Seele glücklich machen können! Sei dankbar, wenn dir einige deiner Wünsche zuteil geworden sind, aber bleibe dir bewusst: Mit Geld kannst du vieles kaufen, manches erreichst du aus eigener Kraft, anderes fällt dir zu wie ein Lotto-Gewinn, aber das Glück ist nicht im Angebot des Lebens, ist nicht erzwingbar, von Ruhm oder irgendeiner anderen Wunsch­erfüllung kann man ebenso wenig leben, wie man mit Salzwasser den Durst stillen kann.
Und überhaupt: Auch du und ich, wir alle haben sogar mit den Tieren gemeinsam, dass wir dem Tod entgegengehen. Für uns alle gilt der Psalm 49, 17f: „Lass dich nicht beirren, wenn einer reich wird und die Pracht seines Hauses sich mehrt; denn im Tod nimmt er das alles nicht mit, seine Pracht steigt nicht mit ihm hin­ab. Preist er sich im Leben auch glücklich und sagt zu sich: ,Man lobt dich, weil du dir‘s wohl sein läßt,’ so muss er doch zur Schar seiner Väter hinab, die das Licht nie mehr erblicken. Der Mensch in Pracht, doch ohne Einsicht, er gleicht dem Vieh, das verstummt.“
Also ist der „Realist“ unvermeidbar schwermütig, unglücklich? Ist das die eigentlich christliche Haltung zur Welt: Freude und Glück – alles nur Täuschung? Erkennt man Christen daran, dass sie lust-, freud- und glücklos durchs Leben gehen?
Nein, nein, nein! Die Güter, die Freuden, die „süßen Trauben“ des Lebens hat Gott zur Freude geschaffen und – nach einem Wort der hl. Teresa – „nicht nur für die Sünder“. Es ist schon wahr, dass Gott im Himmel „jede Träne abwischen“ wird und das Bei-Ihm-Sein die größte Sehnsucht des menschlichen Herzens sein sollte! Und doch, diesem letzten Ziel sozusagen vorgelagert, gibt es, um mit Papst Benedikt XVI. zu sprechen, auch noch die „kleineren und größeren Hoffnungen“, die jeder Mensch hat (Spes Salvi 30). Wenn sie in Erfüllung gehen, entspricht ihnen ein gewisses Glück: die Hoffnung auf die große, erfüllende Liebe, auf eine bestimmte Stellung im Beruf, auf diesen oder jenen für das weitere Leben entscheidenden Erfolg. Ähnlich wie die Gnade die Natur voraussetzt, so die Herrlichkeit des Himmels die Herrlichkeit der Erde. „Himmel und Erde“ sind „voll von Deiner Herrlichkeit“, heißt es im Sanctus-Gebet der hl. Messe! Gerade aus diesem Text der Liturgie ergibt sich die Antwort auf die Frage nach der Beziehung des Menschen zum Glück: Glücklich macht ihn die Herrlichkeit Gottes „im Himmel“ und glücklich macht ihn auch die Herrlichkeit desselben, Gottes „auf der Erde“ und in seinem irdischen Leben. Das gilt, auch wenn man hinzufügen muss: nach dem Maß seiner Vorsehung für den einzelnen Menschen.
Der große katholische Philosoph Joseph Pieper hat das so ausgedrückt: „Weil die Welt Schöpfung ist, darum ist Gott anwesend in der Welt. Darum kann Er dem auf die Tiefe der Dinge gerichteten Blick wahrhaft vor die Augen kommen. Beglückend wird dieses Sehen durch die Liebe. Es ist Vorahnung und Beginn der vollkommenden Freude.“ Oder anders gesagt: „Jedes Ding birgt und verbirgt auf seinem Grund ein göttliches Ursprungzeichen. Wer es zu Gesicht bekommt, sieht, dass dieses und alle Dinge über jegliches Begreifen gut sind. Er sieht es und ist glücklich.“
Wirklich katholisch ist nicht das Überspringen oder Verdrängen irdischer Hoffnungen und irdischer Freude, sondern der dankbare Blick auf die „kleinen Hoffnungen“ und, wenn sie sich erfüllen, das ihnen entsprechende „kleine oder große Glück“: Also machen wir uns auf die Suche und fragen uns, jeder sich selbst: Wo, wann, wodurch habe ich Glück gesehen, erlebt oder miterlebt durch das, was ich sehen oder hören durfte?
Jeder wird andere Erfahrungen des Glücks erzählen: Der erste Kuss eines Paares, die auch Jahre später zärtlich miteinander umgehen. Die Freude von Mutter und Vater, wenn das ersehnte Kind endlich in ihren Armen liegt. Das miterlebte Glück in der Oper Fidelio, wenn Florestan von seinen Ketten endlich befreit ist und in die Arme seiner Leonore sinken darf. Das Gefühl des Skifahrers im Pulverschnee, das Glücksempfinden eines Windsurfers, der über das schäumende, in der Abendsonne wie vergoldete Wasser gleitet oder das des Bergsteigers, der endlich am Gipfel steht. Ein Wanderer, der auf einer Lichtung im Wald spielende Fuchs-Junge minutenlang beobachtet und zu Hause erzählt, das Bild der spielenden Jungtiere hätte ihn zu Tränen berührt. Die endlich bestandene Prüfung, die das Tor zu so vielen Möglichkeiten des Lebens öffnet, was für ein Glück!
In der Redewendung: „Da habe ich Glück gehabt“, sind meist ganz andere Erlebnisse gemeint, nämlich das nicht vorhersehbare Entkommen aus einer gefährlichen Situation oder die Entlarvung größter Gefahr als harmlos: Als man einen Mann, der in einem kommunistischen Land lebte, fragte, was für ihn Glück sei, erzählte er: „Mitten in der Nacht läutete es an der Tür, zwei Männer in schwarzen Mänteln standen vor mir und fragten mich drohend, ob ich der Herr Novak sei. Ich konnte ihnen meinen Ausweis zeigen und sagen: ,Nein, der bin ich nicht!’ Da gingen sie wieder. Sehen Sie, das war für mich das größte Glückserlebnis!“
Ja, all das versteht man gut und hoffentlich kann jeder Mensch Erlebnisse von kleinerem oder größerem Glück erzählen. Und solche Glückserlebnisse lassen sich gut unterscheiden von den Irrläufern des Glücks, das Menschen suchen durch Erfüllung irgendeiner Sucht oder – noch schlimmer – durch die Befriedigung ihres Hasses, ihres Rachedurstes und ähnliches.
Es bleibt dabei: Es darf auch die kleineren oder größeren Hoffnungen und damit auch das kleinere oder größere Glück auf dieser Erde geben. Es wäre falsch, dieses Glück madig zu machen! Dieses Glück „beleidigt“ nicht das große Glück, das wir nur in Gott finden können.
Eigentlich ist es geradezu paradox mit unserer Glückssehnsucht. Unter Berufung auf Augustinus und Paulus wieder Papst Benedikt XVI. (Nr. 11): „Genau besehen wissen wir gar nicht, wonach wir uns eigentlich sehnen, was wir eigentlich möchten. Wir kennen es gar nicht; selbst solche Augenblicke, in denen wir es zu berühren meinen, erreichen es nicht wirklich… Wir wissen nicht, was wir wirklich möchten; wir kennen dieses eigentliche Leben nicht; und dennoch wissen wir, daß es etwas geben muß, das wir nicht kennen und auf das hin es uns drängt.“
Also was ist Glück? Eine Definition gibt es nicht, Glück kann man nur kosten, nur erfahren, nur erleben und dann weiß man, was Glück ist und woher es kommt. Aber, so schön solche Glückserlebnisse sein mögen: Sie beginnen schon, während wir sie empfinden, zu vergehen und bleiben dann nur Erinnerung – und auch diese verblasst.
Ja, was bleibt dann? Die große Sehnsucht der Psalmen (z.B. Ps 42): „Meine Seele sehnt sich nach dir wie der Hirsch nach der Quelle!“ Auch wenn man nie einen durstigen Hirsch am Wasser gesehen hat, jeder versteht das Gemeinte! Es gibt eine elementare Sehnsucht nach Leben und Erfüllung, die allerdings kein Wasser, kein sonstiges Gut dieser Erde, nicht einmal die schönste Liebe, die es geben mag, erfüllen kann, sondern nur Gott! Das ist nicht nur eine Antwort des Glaubens, sondern auch der Vernunft und der Erfahrung!
Wahrscheinlich wäre es möglich, sich mit fast allen Menschen auf die folgende Beschreibung des Glücks im Leben einschließlich seiner Grenze zu einigen: „Glücklich bin ich, wenn ich gesund nach Hause komme, wenn ich in meinen Garten gehen kann und mich mein Hund begrüßt. Aber das Wichtigste ist, dass ich mich geliebt weiß von meinem Ehepartner, von meinen Kindern, meinen Freunden und meiner Umgebung. Aber ich weiß, dass das alles einmal endet und ich spüre in meiner Seele noch immer eine Sehnsucht, die ich allerdings nicht recht verstehe“
Um die „Sehnsucht des Hirsches“ in uns zu verstehen, sollten wir nicht nur nach unseren Erfahrungen fragen, sondern auch Ausschau halten nach Menschen, die offenkundig wirklich glücklich sind! Ja, ich kenne sie: Ehepaare, die einander bis ins hohe Alter lieben, Menschen im Kloster und Christen in der Welt, gescheite und minderbegabte Menschen, Frauen und Männer, Schwarze und Weiße… Gemeinsam ist ihnen der Glaube an Jesus Christus! Keine Reklame mit ihren Glücks­angeboten erreicht sie, ihr Glück, ihr Friede kommen aus einer anderen Welt. Ein Merkmal ist: Man kann ihr inneres Glück nicht zerstören, es ihnen nicht rauben!
Alles religiöse Romantik? Wahr ist, dass auch Christen manchmal traurig sind, vielleicht depressiv, herausgefallen aus der Geborgenheit ihres Glaubens. Und außerdem: Man denke an die grauenhaften Leiden, die millionen Menschen auch heute zu erdulden haben. Will jemand behaupten, verfolgte Christen seien glücklich? Natürlich nicht im vordergründigen Sinn des Wortes. Und noch ein wichtiger Hinweis: Niemand darf sich das Recht nehmen, das Unglück anderer Menschen schön- und wegzureden. Der Schrei zum Himmel angesichts soviel nicht verstehbaren Leides wird in der Geschichte der Menschen nie verstummen.
Wahr aber bleibt dennoch das Zeugnis der großen „Glücklichen im Unglück“, die die Kirche als Heilige verehrt: P. Maximilian Kolbe war ein glücklicher Mensch. Auch noch im Bunker, in dem man ihn verhungern ließ? Nicht, dass er nicht gelitten hätte wie alle anderen mit ihm! Aber als man ihn schon fast sterbend fand und dann tötete, hatte er ein Lächeln im Gesicht!
Der heiligen Bernadette von Lourdes sagte die Jungfrau Maria selbst: „Ich verspreche Ihnen nicht, Sie in dieser Welt glücklich zu machen, aber in der anderen!“ Wer würde sich getrauen zu behaupten, die hl. Bernadette sei ein „unglücklicher Mensch“ gewesen – mit dieser Verheißung im Herzen?
2005 schrieb der schwer kranke Papst Johannes Paul II. auf einen Zettel eine Botschaft: „Ich bin froh, seid ihr es auch!“
Einer der Lübecker Märtyrer schrieb nur Stunden vor seiner Hinrichtung in einem Brief an seine Eltern: „In drei Stunden sehe ich Jesus, ich bin glücklich, seid ihr es auch!“
Papst Benedikt zitiert in seinem Schreiben über die Hoffnung aus dem Brief des vietnamesischen Märtyrers Paul Le-Bao-Thin († 1857): „Dieser Kerker ist wirklich ein Bild der Hölle… Inmitten dieser Foltern bin ich dank Gottes Gnade voll Freude und Heiterkeit, denn ich bin nicht allein, sondern Christus ist mit mir!“
Solche Belege des Glücks inmitten von „Höllen des Leidens“ ließen sich aus den Archiven der Kirche zahllos vervielfältigen. Wahr ist: Die geheimnisvolle Quelle des Glücks in Gott gibt es nicht nur für Märtyrer, sie ist jedem Christen erreichbar, auch den vielen, vielen anderen, denen solche Leiden wie die genannten Gott sei Dank erspart bleiben! Jeder Mensch ist ein durstiger Hirsch im Sinn des Psalms, jedem ruft Jesus (Joh 7,37) zu: „Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt.“ Statt über das Glück zu reden und zu streiten, wäre es wohl besser, zu Jesus zu gehen und zu kosten.


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