VISION 20005/2015
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Höchste Zeit, über den Tod zu sprechen

Artikel drucken In Europa ist das Töten zunehmend salonfähig (Christof Gaspari)

Die Frage nach dem Tod müsste eigentlich jeden sehr beschäftigen, steht er uns doch ausnahmslos allen bevor: eine fun­damen­tale Veränderung unserer Exis­tenz. Bei näherer Betrachtung entscheidet sich an der Ant­wort auf die Frage: „Was geschieht nach dem Tod?“, auch der Sinn des Lebens. Ist es nicht höchste Zeit das Thema Tod ins Gespräch zu bringen?

Es ist allein schon deswegen so drängend, weil in unseren westlichen Ländern zwar selten oder nie über den Tod gesprochen, wohl aber in diesem Bereich massiv gesetzlich eingegriffen wird. War bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts das Leben tabu, sein unbedingter Schutz selbstverständlich, so hat sich dies mit der Abtreibungsgesetzgebung grundlegend geändert. Weitverbreitet wurde ab den siebziger Jahren dem Kind im Mutterleib der Rechtsschutz entzogen.  Unterschiedliche Rechtskonstruktionen eröffneten die Möglichkeit, es ungestraft umzubringen. Gezielte Sprachmanipulationen trugen dazu bei, dass dieses massenhafte Töten von vielen nicht in seiner Tragweite erkannt wurde.
Damit verlor das menschliche Leben seine unangefochtene Stellung als höchstes Rechtsgut. Es vollzog sich ein geistiger Wandel, der es zuließ, über die Nützlichkeit des menschlichen Lebens Überlegungen anzustellen. An die Stelle des Konzepts der Unantastbarkeit trat – wenn auch zunächst für viele unbemerkt – die Vorstellung, unter gewissen Voraussetzungen könnte es berechtigt sein, über das Leben zu verfügen.
Nächste Etappe war die veränderte Sichtweise auf den Selbstmord. Ich erinnere mich noch an den Kampf, den der Wiener Psychiater und Selbstmordforscher Erwin Ringel geführt hat, um auf die psychische Notlage selbstmordgefährdeter Menschen aufmerksam zu machen. Er hatte erkannt, dass „90 Prozent aller Selbstmörder – diese Untersuchung ist weltweit bestätigt –“, so führte er aus, „Signale aussenden.“ Sie machten dadurch auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam, die durch Isolation, Depression, Vereinsamung, Krankheit usw. gekennzeichnet sei. Es sei Aufgabe der Umgebung, sich diesen Menschen zuzuwenden und auf Möglichkeiten der Hilfestellung aufmerksam zu machen. 1948 gründete Ringel ein erstes Kriseninterventionszentrum im Rahmen der Lebensmüdenfürsorge der Erzdiözese Wien.
Und heute? Heute wird ernsthaft darüber nachgedacht, wie man Selbstmordwilligen helfen könne, ihr Leben zu beenden. Plötzlich gilt der Suizid als Akt höchster Freiheit des souveränen Menschen. Niemand dürfe da einem anderen dreinreden. Jeder sei berechtigt, über sein Leben zu verfügen. So erlebt in der Schweiz die Sterbehilfe-Organisation „Exit“ einen wahren Boom. 2014 vergrößerte sich die Zahl ihrer Mitglieder um 11.500! Und Ethikkommissionen empfehlen rechtliche Regelungen, die es Ärzten gestatten sollten, Selbstmordwilligen „beizustehen“, wenn sie sich das Leben nehmen wollen. Beihilfe zum Selbstmord quasi als Akt der Nächstenliebe! Natürlich heißt es dann, es müsste sich um unheilbare Todkranke handeln.
In Kanada hat sogar der Oberste Gerichtshof entschieden, dass der Mensch ein Recht auf einen selbstbestimmten Tod habe und daher Sterbehilfe zu legalisieren sei! Auch in Deutschland wird ein Gesetz, das Suizid-Beihilfe unter bestimmten Voraussetzungen gestatten soll, beraten. Dass Länder wie Holland, Belgien und Luxemburg längst die Euthanasie, also das gezielte Töten (auf Wunsch, so wird beschönigend gesagt), praktizieren, rundet das Bild ab.
Welcher Gesinnungswandel! Ein Höchstgericht, das von einem Recht auf den selbstbestimmten Tod spricht! Erstaunlich, dass mittlerweile auch in der Bevölkerung diese Vorstellung weit verbreitet ist. So ergab im Vorjahr eine Umfrage in Deutschland, dass zwei Drittel der Befragten der Meinung waren, das derzeit geltende Verbot der Tötung auf Verlangen sei abzuschaffen. Erstaunlich in jenem Land, in dem erst vor 70 Jahren die Gräuel des Nazi-Regimes mit seinen Euthanasie-Programmen ein Ende gefunden hatten!
Und dabei ist doch zu bedenken: Alle Personen, die sich in der Begleitung Schwerkranker und Sterbender engagieren, machen die Erfahrung: Was der Mensch in diesen Notsituationen braucht, ist menschliche Nähe und nicht Tötung. Hören wir z.B., was Kerstin Kurzke vom Malteser Hospiz- und Palliativberatungsdienst in Berlin aufgrund ihrer 16-jährigen Erfahrung zu dieser Frage zu sagen hat: Sobald dank der Errungenschaften der Palliativmedizin die Schmerzen Selbstmordwilliger halbwegs beherrscht werden und die Patienten menschliche Nähe erfahren, sei Schluss mit dem Sterbewunsch. „Es ist nicht der Wunsch nach dem Tod, sondern der Wunsch nach einer Veränderung der Lebensumstände,“ der die Betroffenen bewege.
Warum bedenken wir nicht, dass das Wegräumen des unbedingten Lebensschutzes sich einmal gegen uns selbst wenden könnte? Eine Welt, wie sie Aldous Huxley in Schöne neue Welt – mit ihren für 60- bis 70-Jährige vorgesehenen Sterbehäusern – beschrieben hat, ist heute, wenn man etwa nach Holland blickt, gar nicht mehr so utopisch, wie 1932 zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Romans.
Das ist nicht Schwarzmalerei. Es genügt z.B. auf das hinzuweisen, was Julian Savulescu, immerhin Leiter des Oxford Center of Ethics, also ein ausgewiesener „Ethiker“, 2012 zum Besten gab: Er vertrat die Meinung, alte Menschen könnten einen wichtigen Beitrag für die Allgemeinheit leisten, wenn sie sich für ein selbstbestimmtes frühzeitiges Ableben entschieden und gleichzeitig ihre Organe spendeten. Also zwei Fliegen auf einen Schlag: Keine Pension mehr kassieren und wertvolle Organe liefern. In Belgien wurde sogar genau diese Vorgangsweise bei einer 43-jährigen depressiven Frau, die sterben wollte, angewendet.
Was tun? Zunächst einmal die Frage stellen: Wie halten wir Christen es mit dem Tod? Ist das Thema nicht auch unter uns tabu? Darüber redet man nicht gern, davon hört man wenig in Predigten. Die meisten verhalten sich nach dem Motto: Sterben – das passiert nur den anderen. Hört man bei einem Begräbnis das Gebet für den „Nächsten unter uns, der vor Dein Angesicht treten wird“, so neigen wohl die meisten unter uns dazu, sich unter den Anwesenden umzuschauen, um jemanden zu entdecken, dem dieses Schicksal eher zuzutrauen ist als einem selbst.
Wir sind eben Kinder der westlichen Gesellschaft, der es gelungen ist, das Diesseits für die meisten Bürger so komfortabel einzurichten, dass sie sich noch schwerer mit dem Gedanken an den Tod tun als frühere Generationen. Er bedeutet ja Abschied von so vielen Annehmlichkeiten. „Kann da überhaupt etwas Besseres nachkommen?“, fragt man sich unwillkürlich. Also neigen wir dazu, es uns hier gemütlich einzurichten. Und wenn ich „uns“ sage, dann zähle ich mich durchaus zur Gruppe jener, der diese Haltung naheliegt.
Aber es geht wirklich um die Frage: Erhoffe ich mir von Gott ein Leben, das alle meine Erwartungen übersteigt? Ein Leben, von dem in der Offenbarung des Johannes steht, Gott werde alles neu machen. Und: „Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden Sein Volk sein; und Er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn, was früher war, ist vergangen.“ (Offb 21,3f)
Keine Tränen, keine Trauer, keine Mühsal – das ist schon verlockend. Aber reichen diese „Annehmlichkeiten“? Sind wir nicht vielmehr herausgefordert, uns vor die Frage zu stellen, wie es um unsere Freude über die Nähe Gottes bestellt ist? Sie ist ja das große faszinierende Angebot, das uns erwartet.
Sicher, verstrickt in den vielen irdischen Plänen, Sorgen, Erwartungen… tue ich mir schwer, mir diese Seligkeit vorzustellen. Und zwar sie mir so vorzustellen, dass sie beginnt, eine Sogwirkung auszuüben, eine Sehnsucht zu wecken nach dieser erfüllenden Beziehung zu Gott, eine Ahnung davon, dass Er allein genügt, wie die heilige Teresa von Avila sagt.
Ich habe den Eindruck, dass viele von uns, noch recht weit von dieser Sichtweise entfernt sind. Ja, man hat all das gelesen, nimmt es auch als Wort Gottes ernst – aber… Es ist ein so weiter Weg, bis diese Einsicht wirklich das Herz erreicht, den Geist durchdringt. Allerdings werden wir unseren Mitmenschen erst dann überzeugend erklären können, warum die heutigen Entwicklungen fatale Irrwege sind, wenn wir selbst wirklich von dieser Botschaft erfasst sind.
Es gilt nämlich, den grundlegenden Irrtum unserer Zeit, der Mensch sei autonom, Herr seines Schicksals und dürfe daher über sein Leben verfügen, glaubwürdig zu widerlegen. Dazu müssen wir unseren Zeitgenossen verständlich vermitteln, dass Gott Großes mit ihnen vorhat – weitaus Größeres, als sie sich je erträumen würden – und dass „die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll“. (Röm 8,18)
Aber damit solche Aussagen nicht nur schön klingende Worte bleiben, müssen sie von jemandem kommen, der zumindest ansatzweise im eigenen Leben die Erfahrung gemacht hat, dass sie tatsächlich zutreffen: nämlich dass Gottes Nähe durch die Leiden dieser Zeit trägt, dass Er alles in unserem Leben nutzt, um uns Seiner Herrlichkeit näher zu bringen. Als Christen sind wir somit berufen, unser Leben nicht erst im Tod, sondern jetzt schon in die Hände Christi zu legen, damit die Welt erkennt, wie man sich aus den Fängen der Kultur des Todes lösen kann.

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