VISION 20005/2015
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Was kommt nach dem Tod?

Artikel drucken Antworten auf wichtige Fragen

Unlängst fragte uns ein Bischof, der viel mit Firmlingen zusammenkommt: „Welches ist die am häufigsten gestellte Frage der jungen Leute?“ Seine Ant­wort: Was geschieht nach dem Tod? Im Folgenden einige Antworten auf diese schon für junge Leute wichtige Frage:

Kann der Sterbende schon mit der anderen Welt in Berührung sein?
P. Bernard Bastian: Die Grenze zwischen hier und drüben ist durchlässig. An Sterbenden ist mir oft aufgefallen: Nach einer Phase des Kampfes sind sie irgendwie schon „auf der anderen Seite“. Mehrmals haben mir Ehefrauen von Sterbenden heimlich zugeflüstert: „Pater, er ist schon gegangen, wir interessieren ihn nicht mehr.“ Oft wird das als Verrat, als Vernachlässigung aufgefasst. Diese Tatsache sollte uns jedoch helfen, nicht über das Verhalten Sterbender zu urteilen. Da spielen sich Dinge ab, die uns entgehen. Ich erinnere mich an einen elsässischen Bauern, der im Sterben lag und der bei mir gebeichtet hatte. Seine Frau und sein erwachsener Sohn waren bei ihm und weinten. Da sagte der Mann zu seiner Frau: „Ich verstehe, dass du weinst. Ich weine nicht. Ich weiß ja, wohin ich gehe.“ Da habe ich begriffen: Das eigentliche Leben hatte ihn schon erfasst, ihn angezogen! Dieser Mann starb in einem tiefen Frieden.

Lodern tatsächlich Flammen im Fegefeuer?
P. Alain Bandelier Ja, dort gibt es ein Feuer. Natürlich kein materielles, das die armen Seelen wie auf einem Grill röstet! Aber die gesamte Bibel bezeugt: Gott ist verzehrendes Feuer. Genauer gesagt: Es ist nicht Gott, sondern die Annäherung an Gott, die verzehrt. Der Prophet Elias registriert diesen Unterschied, der meiner Ansicht nach äußerst bedeutsam ist: „Gott war nicht im Feuer“ (1Kg 19,12). Gott erfüllt unser Herz und erleuchtet unseren Geist. Allerdings sind wir für diese Begegnung nicht gerüstet. Es ist wie mit der Sonne: Unser Blick ist noch nicht rein genug, um Gott ins Gesicht zu schauen, es kommen uns einfach die Tränen. Selig die Trauernden, sie werden getröstet werden: Dies könnte die Seligpreisung der Seelen im Fegefeuer sein. Sie sind gerettet, aber noch nicht geheiligt. Marthe Robin hat das Purgatorium Purificatorium genannt.

Ist das Fegefeuer für alle gleich?
Bandelier Nein. Gott hat eine andere Sichtweise als wir. Wir würden uns nämlich mit einem kleinen Glück, einem kleinen Paradies, einem kleinen Heil zufrieden geben. Aber Gott will für uns unendlich mehr, nämlich alles! Seine ganze Freude, Sein ganzes Licht, Seine ganze Schönheit. Die Heiligen sind keineswegs vollkommen, aber sie haben sich schon auf Erden für Gottes Angebot entschieden. Auch wir werden diese Wahl treffen, vielleicht erst am Ende, in der Klarheit und der Freiheit, die uns im Tod zuteil wird: ohne innere Ausflüchte und äußere Einflüsse. So versteht man auch, warum es nicht zwei gleiche Fegefeuer gibt: Für jede Seele ist es eine mehr oder weniger intensive Erprobung. Für jene, die schon mehr bekehrt sind,  ist es eine letzte Etappe und die Endphase eines Weges, auf dem schon eine große Strecke zurückgelegt wurde. Bei dem, der eher verhärtet ist, wird das Fegefeuer zum „Umschmelzen“ eines Wesens, das gerade noch vor dem Absturz bewahrt wurde. Nebenbei sei daran erinnert: Im Evangelium ist die Verhärtung des Herzens nicht das Los der großen Sünder, sondern eher das der Pharisäer. Es gibt eine Lauheit und Kälte, die tödlicher ist als die eher gedankenlos begangene schwere Sünde.

Wenn die Toten leben, warum machen sie sich dann nicht bemerkbar?
P. Jean-Miguel Garrigues: Tatsächlich setzt Gott sie manchmal ein, um sich „bemerkbar zu machen“. In der Kirchengeschichte wird uns von vielen Marien­erscheinungen berichtet, von Engeln und Heiligen, die sich in Visionen zu erkennen gaben. Diese außergewöhnlichen charismatischen Zeichen sind allerdings dem einzigen notwendigen und hinreichenden, für unseren Glauben entscheidenden Zeichen, nämlich der Auferstehung Christi, zugeordnet. 40 Tage hindurch hat er sich den Jüngern als Lebender gezeigt. Er allein bezeugt: „Ich war tot doch nun lebe ich“ (Offb 1,18); Er allein kann sagen: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“

Soll man für Verstorbene beten, die schon im Himmel sind?
Bandelier: Kein Gebet geht ins Leere. Weil es uns in Beziehung mit dem Ewigen setzt, berührt es nicht nur die Gegenwart, sondern wirkt auf die ganze Person, ihre gesamte Geschichte, inklusive der vergangenen; und da sie Beziehung zum Allumfassenden ist, übersteigt sie auch die gerade angesprochene Beziehung. Das Bittgebet ist ein gemeinschaftlich ausgerichtetes Gebet. Betend wende ich mich dem Herrn zu. Und in Ihm trete ich mit allen in Verbindung die „mit“ Ihm sind – ob lebend hier auf Erden oder schon im Himmel oder noch auf dem Weg der letzten Läuterung.
Garrigues Gott sorgt dafür, dass kein Gebet verlorengeht. Ist der Verstorbene, für den ich bete, schon im Himmel, in der Gemeinschaft der Heiligen, kommt dieses Gebet sicher anderen zugute hier auf Erden oder im Fegefeuer. Man kann auch annehmen, dass Gott es den persönlichen Anliegen der Seele, für die man betet, zukommen lässt. Sie sieht ja unser Leben aus der Perspektive des ewigen Lichts.

Beten die Verstorbenen für uns?
Bastian: Viele von ihnen brauchen keine Unterstützung mehr. Sie sind vollständig gereinigt, eingetaucht in die große Liebe, verklärt in der Heiligkeit Gottes. Ich werde daher nicht für den heiligen Pfarrer von Ars beten. Hingegen bin ich sicher, dass er für mich betet. Und so stelle ich mir oft vor, dass ich mich neben ihn stelle und mit ihm gemeinsam Gott lobe und Fürsprache halte.

Kann man denn einem Toten vergeben?
Bastian: Bei der Beichte mache ich sehr schöne Erfahrungen, wenn Menschen, die von einem Verstorbenen verletzt worden sind, den Wunsch äußern, ihm zu vergeben. Ich sage ihnen dann: „Heute ist ein Tag der Befreiung. Nicht nur haben Sie sich vom Beleidiger befreit, sondern ihn auch. Sie haben sich gegenseitig aus einem todbringenden Band gelöst, das ihre Entwicklung gehemmt und ihr vollkommenes Glück verhindert hat.“ Da wird vergeben und Vergebung empfangen. Ich biete so einen Vergebungsakt in den Messen, die ich in Spitälern für die Verstorbenen der letzten Woche feiere, an. In der Predigt sage ich dann sogar, dass die Heilige Kommunion der Moment des Versöhnungskusses in Jesus Christus mit dem Verstorbenen ist.

Und kann uns ein Verstorbener vergeben?
Garrigues:  Wenn er in der Gnade verstorben ist, sei er nun im Himmel oder im Fegefeuer, so hat er uns bereits vergeben. Wenn wir ihn aber im Gebet um Vergebung bitten, vollenden wir unsere Reue und Wiedergutmachung – und er seinerseits tritt für unser Heil ein. So verstärkt sich die Liebe zwischen uns in der Gemeinschaft der Heiligen.

Wie kann man sich gut auf den Tod vorbereiten?
Guarriges  Zunächst  indem man ihm nicht wie der Priester und der Levit im Gleichnis vom guten Samariter im Umgang mit dem Sterbenden aus dem Weg geht. Aufgrund meiner Erfahrungen als Geistlicher in einem Zentrum für Krebskranke kann ich bezeugen, dass der Umgang mit Schwerkranken, wenn er aus Liebe zum Herrn erfolgt, einem die Angst vor dem Tod nimmt. Vor allem aber muss man den Tod als Rendezvous der Liebe, zu dem uns der Herr einlädt, ansehen. Und man muss Ihn darum bitten, Er möge uns helfen, uns auf diesen Moment so vorzubereiten, wie sich die Braut schön macht für die Begegnung mit dem Geliebten.

Bewahren wir im Himmel unsere Persönlichkeit?
Bastian: In dieser Frage steht die christliche Vorstellung diametral gegen das, was uns die Theorien aus der okkulten und esoterischen Welt des Ostens erzählen: Mein Ich löst sich nicht in einem alles umfassenden Etwas auf. Die Identität jedes einzelnen ist einmalig. Der Christ erlebt eine Liebesgeschichte, die nach seinem irdischen Tod ihre Erfüllung findet. Das Abenteuer wird noch begeisternder nach dem Tod, weil wir unter Beibehaltung unserer Identität alle Leben mitbekommen werden! Wir werden nämlich in Gemeinschaft sowohl mit Gott, wie mit den anderen und dem Kosmos stehen. Eine Gemeinschaft ohne Einschränkung, wo wir alles mit den Augen Gottes sehen werden, zwar als Geschöpfe, aber in allem vom Schöpfer beschenkt.

Auszug aus einem Interview von Luc Adrian in Famille Chrétienne
v. 6.-12.04. Ein weiterer Ausschnitt aus diesem Interview ist in VISION 1/13 zu finden.
P. Garrigues ist Theologe und war Fastenprediger in Notre-Dame de Paris.
P. Bernard Bastian: Priester d. Diözese Straßburg, Arzt und Mitglied der Leitung der Gemeinschaft „Puits de Jacob“.
P. Alain Bandelier: Père des Foyer de Charité in Combs-la-Ville.


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