VISION 20005/2015
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Der selige Noël Pinot

Artikel drucken Botschaft an uns (Von Dom Antoine-Marie OSB)

Noël Pinot kam am 19. Dezember 1747 in Angers (Westfrankreich) als 16. Kind seiner Familie zur Welt. Der Neugeborene wurde gleich am nächsten Tag getauft. In seiner frühen Kindheit hatte Noël den Mut sowie das arbeitsame, entbehrungsreiche Leben seines Vaters, eines Webermeisters, als Vorbild vor Augen. Während der Vater– er starb 1756 – dem Jungen die Freude an gut gemachter Arbeit vermittelte, brachte ihm die Mutter das Beten bei. 1753 wurde der älteste Sohn der Familie, René, zum Priester geweiht. Er kümmerte sich mit besonderer Zuneigung um das Nesthäkchen der Familie; Noël vertraute ihm an, er wolle auch Priester werden. 1765 trat er mit 18 in das Seminar ein und wurde am 22. Dezember 1770 zum Priester geweiht. Welche überwältigende Freude für die Mutter, das jüngste und das älteste ihrer 16 Kinder am selben Altar walten zu sehen!
In den folgenden 10 Jahren war Abbé Pinot in verschiedenen Pfarreien als Kaplan tätig. 1781 wurde er zum Seelsorger der Unheilbaren in Angers ernannt. Der junge Geistliche spendete ihnen Trost, indem er in Gegenwart der Kranken die Messe las und predigte. Seine besondere Sorge galt der Heiligung und Errettung der Kranken. Abbé Pinots Zuneigung war für diese Leute ein ungewohnter Trost; sie liebten ihn ungeachtet seines jugendlichen Alters wie einen Vater.
Als die Pfarrei in Louroux-Béconnais vakant wurde, ernannte der Bischof von Angers Noël Pinot dorthin; sein Amtsantritt fand am 14. September 1788, dem Kreuzerhöhungsfest, statt. Die Ge­meinde zählte über 3.000 Seelen und bestand aus weit verstreuten kleineren Ortschaften, die durch schlechte Straßen miteinander verbunden waren. Obwohl ihm ein Kaplan zur Seite stand, hatte der Pfarrer ein Riesenpensum zu bewältigen; er stand seinen Pfarrkindern Tag und Nacht zur Verfügung – sowohl in seiner amtlichen Eigenschaft, als auch, um ihnen materiellen Beistand zu leisten; denn aus Liebe zu den Armen verschenkte er alles, was er besaß.  Nach Ausbruch der Revolution zog ein grollender Sturm am Himmel der französischen Kirche auf; die verfassungsgebende Versammlung wollte sämtliche Angelegenheiten der Kirche reglementieren. 1790 wurde die Zivilverfassung des Klerus verabschiedet. Bischofsstühle und Pfarrstellen waren fortan durch Wahlen zu besetzen. Jedes Departement wählte seinen Bischof, jeder Bezirk seine Pfarrer. Der Bischof sollte seine Wahl dem Papst „als dem Oberhaupt der Weltkirche, in Bezeugung der Einheit des Glaubens und der ihm geschuldeten Verbundenheit“ zur Kenntnis bringen…
Am 27. November verabschiedeten die Abgeordeten ein Gesetz, das sämtliche Bischöfe, Pfarrer, Kapläne, Seminarleiter und andere Kleriker im öffentlichen Dienst verpflichtete, einen Treueeid auf die Zivilverfassung zu leisten. Priester, die den Eid verweigerten, wurden für abgesetzt erklärt; übten sie ihr Amt dennoch aus, wurden sie belangt. Obwohl sich der Papst noch nicht geäußert hatte, beschloss der Pfarrer von Louroux, er werde den Eid nicht leisten. Er besuchte seine Amtsbrüder in der Umgebung: Stieß er irgendwo auf Unentschlossenheit, so versuchte er zu überzeugen. „Seid versichert“, sagte er, „der Papst wird diesen Eid verurteilen…“ Seinen eigenen Kaplan konnte er allerdings nicht überzeugen.
Als der Bürgermeister von Louroux die Weigerung des Pfarrers zur Kenntnis genommen hatte, lud er den Kaplan ein, den vom Gesetz geforderten Eid zu leisten. Abbé Garanger kam der Aufforderung am ganzen Leib zitternd nach; die einen verfolgten seine Worte mit eisigem Schweigen, die anderen mit ablehnendem Gemurmel. Pinot ließ den Kaplan vorerst seine Aktivitäten fortsetzen.
Bald danach verurteilte Papst Pius VI. die Zivilkonstitution. Ohne die weitere Entwicklung abzuwarten, stieg Abbé Pinot am 27. Februar am Ende der Sonntagsmesse noch einmal auf die Kanzel; er hatte bewusst den Tag gewählt, an dem in Louroux eine Versammlung der Nachbargemeinden stattfand. Ohne auch nur ein einziges verletzendes Wort legte er in einer wohlüberlegten Rede vor dem Tabernakel dar, warum er als katholischer Priester, der dem Nachfolger Petri, dem alleinigen Oberhaupt der Kirche Jesu Christi, verpflichtet sei, den Eid auf die Zivilverfassung verweigert habe.
Pinots mutiges Vorbild war ansteckend: Sein leidenschaftlicher Pro­test stieß auf ein breites Echo. Der Gemeinderat verfasste umgehend einen Bericht an den Revolutionsgerichtshof von Angers und forderte die Verhaftung des „Brandstifters“ und „Störers der öffentlichen Ruhe“. Am folgenden Freitag kam ein Kommando der Nationalgarde ins Dorf, um den Pfarrer zu verhaften. Er wurde gefesselt und auf seinem eigenen Pferd abgeführt und verurteilt, zwei Jahre lang einen Mindestabstand von 30 Kilometern zu seiner Pfarrei zu wahren. Er fand zunächst im Hospiz der Unheilbaren Unterschlupf, wo er mit Freuden aufgenommen wurde. Doch sein Aufenthalt dort war den Anhängern der Revolution ein Dorn im Auge.
Im Zuge des Vendée-Aufstandes durfte Noël Pinot schließlich 1793 – damals eroberte die Armee der Einheimischen Saumur und Poitiers und hielt die Revolutionsarmee eine zeitlang in Schach – in seine Gemeinde zurückkehren, ein Triumphzug in Louroux. In seinem Amt waren mehrere revolutionstreue Priester einander gefolgt, aber keiner konnte sich halten. Der Glaube der Herde war von felsenfester Standhaftigkeit. Welche Freude für das Herz des Hirten, nach so vielen Schicksalsschlägen!
Doch es handelte sich lediglich um eine kurze Aufheiterung zwischen zwei Stürmen. Im Juni 1793 begann erneut eine Zeit der Verfolgung! Der Nationalkonvent entsandte „Volksvertreter“ in den Westen, deren Macht keine Grenzen kannte und deren Schreckensherrschaft in der Provinz oft noch schrecklicher wütete als in Paris. Die Jagd auf renitente Geistliche war wieder eröffnet. Noël Pinot musste sich verkleiden und als Geächteter leben. Er hätte wie viele andere ins Ausland fliehen können, aber er blieb lieber bei denen, die Gott ihm anvertraut hatte. Die große Mehrheit seiner Pfarrkinder war ihm zwar treu ergeben, doch er wusste sehr gut, dass ihm möglicherweise Verrat drohte.
Da die Pfarrei mit ihrem Heideland und ihren Wäldereien sehr weitläufig war, konnte sich Abbé Pinot gut auf abgelegenen Bauernhöfen verstecken. Die Gläubigen wachten liebevoll und sorgsam über seine Verstecke, die er oft wechseln musste, da die Nationalgarde von seiner Anwesenheit Wind bekommen hatte und immer wieder Hausdurchsuchungen vornahm. Tagsüber hielt er sich in Scheunen und Ställen versteckt und verbrachte die Zeit mit Schlafen, Beten, Lesen und Schreiben. Sobald es dunkel wurde, zog er los, brachte den Kranken die Sakramente. Er taufte die Neugeborenen, unterrichtete die Kinder, traf sich mit den Gläubigen, nahm ihnen die Beichte ab und spendete Trost. Um Mitternacht wurden die Vorbereitungen für die Messe getroffen: Die Gläubigen – die sich zusammen mit ihrem Pfarrer damit in Todesgefahr begaben – konnten so am heiligen Messopfer teilnehmen und die Kommunion empfangen. Das religiöse Leben lief also weiter, ähnlich wie einst in den Katakomben.
Abbé Pinot erhielt das christliche Leben durch Katechese, Gebet und Sakramente aufrecht und hob dabei besonders die Notwendigkeit des gemeinsamen Betens in der Familie hervor. Seine Mahnungen sind nach wie vor aktuell: „Die christliche Familie ist der erste Ort der Erziehung zum Gebet. Das tägliche Familiengebet wird besonders empfohlen, weil es das erste Zeugnis des Gebetslebens der Kirche ist.“ (Kompendium des KKK, Nr. 565).
Das Jahr 1794 begann mit Blut und Tränen. Jeglicher christlicher Kultus war untersagt, selbst jener der schismatischen Nationalkirche. Auf Geistliche wurde ein hohes Kopfgeld ausgesetzt. Noël Pinot hatte nun keinen Platz mehr, an dem er sich zur Ruhe betten konnte; sein ganzer Besitz, etwas Wäsche und das Nötigste für die Messfeier, passte in einen Beutel.
Die Maschen des Netzes um den Verbannten wurden immer enger. Den Vorschlag, sich an einen fernen, ruhigeren Ort zurückzuziehen, lehnte er ab. Er bereitete sich täglich auf den Tod vor und tröstete sich damit, dass er von seinen Pfarrkindern nie verraten würde. Sie hätten alles, selbst ihr Leben, geopfert, um ihren Pfarrer zu retten; sie wurden von den Nationalgardisten auf der Suche nach seinem Versteck ohnehin ständig belästigt und ausgeplündert, ihre Häuser verwüstet.
Doch dann schlug die „Macht der Finsternis“ zu. Am 8. Februar hielt sich Abbé Pinot im Dorf Milandrerie bei einer Witwe, Madame Peltier-Tallandier, auf; als er am Abend im Garten Luft schöpfte, wurde er trotz der Dunkelheit von einem Arbeiter namens Niquet wiedererkannt, den er früher großzügig unterstützt hatte. Dieser lief auf der Stelle los, um Pinot zu denunzieren. Die Nationalgarde machte sich auf den Weg; gegen 23 Uhr war das Haus umzingelt. Bei der Witwe war man ahnungslos; alles lag schon für die Messe bereit, als plötzlich Schläge gegen die Tür donnerten.
Es war gerade noch Zeit, den Priester in einer Truhe zu verstecken und die liturgischen Geräte verschwinden zu lassen, dann öffnete Madame Peltier die Tür. Da die tapfere Witwe beharrlich schwieg, wurde das ganze Haus durchsucht… Übel beschimpft und verprügelt, ließ sich Noël Pinot widerstandslos festnehmen. Sein priesterliches Ornat wurde ebenfalls beschlagnahmt. Er wurde nach Angers gebracht, wo er vor dem Revolutionskomitee erscheinen musste.
Nach 10 Tagen Haft bei Wasser und Brot wurde Abbé Pinot vor ein Revolutionsgericht gestellt, bei dem ein abtrünniger Priester den Vorsitz führte. Nach der Urteilsverkündung schlug dieser dem Verurteiltem mit einem Blick auf das vor dem Gericht ausgebreitete Ornat vor: „Möchtest du nicht lieber in deinem Priestergewand unter die Guillotine gehen?“ – „Doch“, bestätigte der Glaubenszeuge ohne zu zögern, „das wäre mir eine große Genugtuung.“ – „Nun denn“, erwiderte der andere, „du wirst es anziehen und in dieser Aufmachung den Tod empfangen.“
Die Hinrichtung fand am selben Tag statt. „Der Märtyrer betete in tiefer Andacht“, berichtete Abbé Gruget, ein papsttreuer Augenzeuge. „Sein Gesicht war ruhig, von seiner Stirn strahlte die Freude der Auserwählten…“ Noël Pinot stand an jenem Freitag um drei Uhr (zur Todesstunde Jesu Christi) am Fuße des Schafotts. Man zog ihm seine Kasel aus; mit einem vierzackigen Stern auf der Brust trat er vor den Henker. Abbé Gruget erteilte ihm aus der Ferne die Absolution. Ein Trommelwirbel ... Das Fallbeil sauste nieder ... Das Opfer war vollbracht: Die Seele des guten Hirten war vor den Altar Gottes getreten!
So starb Abbé Noël Pinot, der Pfarrer von Louroux-Béconnais, am 21. Februar 1794 im Alter von 48 Jahren. Am 31. Oktober 1926  sprach ihn Papst Pius XI. selig.


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