VISION 20003/2016
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Kraftvoll ist das Gebet im Heiligen Land

Artikel drucken Erfahrungen eines Reiseleiter-Ehepaares (Karl-Heinz Fleckenstein)

Der Kirchenvater Hieronymus bezeichnet das Heilige Land als das „Fünfte Evangelium“. Als Reiseleiter-Ehepaar im Land der Bibel können wir diese Aussage bestätigen: Wir überqueren mit den Pilgern im Boot den selben See, über den Jesus mit Seinen Jüngern gefahren ist. Wir be­steigen den gleichen Berg, auf dem Er verklärt wurde. Wir durchwandern die gleiche Wüste, in der der Menschensohn der Versuchung des Bösen ausgesetzt war.

Schon Wochen vor Beginn einer Pilgerreise beten wir, dass diese Tage auf den Spuren der Bibel zu einer tiefen Begegnung mit Jesus und Seinem Land werden mögen.
Wenn wir dann mit den Pilgern an den heiligen Stätten weilen und die betreffenden Stellen aus der Bibel lesen, wird in der Tat das Evangelium im „Hier und Jetzt“ aktualisiert. Oft hören wir den einen oder anderen sagen: „Die Heilige Schrift war vorher für mich ein altes, verstaubtes Buch. Jetzt sind viele Stellen daraus zu meiner eigene Erfahrung geworden.“
Die tägliche Eucharistiefeier an den biblischen Orten wird zu einem „highlight“ des Tages. Wir stehen mit der Gruppe nicht nur an der Stätte, wo Jesus gelehrt oder ein Wunder gewirkt hat, Er ist dann auch durch Sein Fleisch und Blut leibhaftig unter uns gegenwärtig.
Während eines Gottesdienstes bei der Primats-Kapelle, wo Jesus dem Petrus die schicksalhafte Frage gestellt hatte: „Liebst du mich mehr als diese?“, antworten wir gemeinsam mit dem Apostel trotz all unserer Unzulänglichkeiten: „Herr, Du weißt alles, Du weißt auch, dass ich dich liebe.“
 In Kafarnaum finden wir uns mit den Pilgern ganz eng mit Petrus verbunden, während wir in der dortigen Synagoge die Brotrede bei Johannes lesen mit der provozierenden Aussage Jesu: „Mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank.“ Der Evangelist berichtet, dass daraufhin viele Seiner Anhänger Jesus verlassen. Solche Worte sind für sie unbegreiflich geworden. Jesus scheint ihnen „völlig durchgedreht“. Daraufhin wendet Er sich an Seine Jünger mit der Frage: „Wollt auch ihr gehen?“ Er lässt sie frei. Sie können sich für Ihn oder gegen Ihn entscheiden. Dann sprechen wir wiederum mit Petrus: „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“
In der Auferstehungskirche werden die Pilger selbst zu Zeugen des leeren Grabes. Sie dürfen mit Maria aus Magdala wie am ersten Ostermorgen „sehen und glauben“.
An der Golgotastätte, an der Jesus alle Schmerzen und Leiden der Menschheit durch Seinen qualvollen Tod bis hin zur Gottverlassenheit auf sich genommen hat, sagte einmal ein Pilger unter Tränen schon am zweiten Tag der Reise: „Was ich hier im Gebet versunken erleben durfte, würde mir schon genügen, wieder nach Hause zu fliegen.“
Auf dem Stufenweg, der vom Abendmahlsaal zum Kidrontal hinabführt, machen wir uns mit den Pilgern bewusst, dass Jesus dort auf seinem Gang nach Getsemani sein Hohepriesterliches Gebet gesprochen und uns damit Sein Testament hinterlassen hat: „Damit alle eins seien … Damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.“ Bei dieser Bitte wendet Er sich ganz persönlich an den Vater, weil Er weiß, wie schwer sich die Christen im Laufe der Jahrhunderte mit der Einheit tun würden. Auch beten wir dann mit den gleichen Worten zum Himmlischen Vater, Er möge die Zeit beschleunigen, damit vielleicht eines Tages in Jerusalem, in der Stadt, in der Jesus Seine Kirche gegründet hat, der Christenheit ein „Festival der Einheit“ geschenkt werde.
In der Kirche der „Todesangst Christi“ im Garten Getsemani knien wir uns mit den Pilgern auf dem „Felsen der Agonie“ nieder und legen mit Jesus dort all unsere Ängste, Sorgen und Ungewissheiten ab in der Glaubenssicherheit, dass alle Dunkelheit letztlich nur ein Durchgang zum Licht ist.
Oft erleben wir dann am letzten Abend der Reise in der Runde beim gegenseitigen Austausch ein Stück geistliche Gütergemeinschaft. Dabei wird deutlich, wie sehr Jesus jedem einzelnen nahe gekommen ist: Ehepartner, die vor der Scheidung standen, schöpfen neue Hoffnung für ein weiteres gemeinsames Miteinander durch die Kraft des Gebetes. Andere, die eigentlich keine Kinder wollten, um der Karriere keinen Abbruch zu leisten, sagen in Betlehem in der Geburtsgrotte, in der das Gotteskind zum Menschenkind wurde, ihr Ja zum Kind. Monate später erhalten wir dann die freudige Ankündigung von der Geburt eines neuen Erdenbürgers.
Wir können bei all diesen Erfahrungen immer wieder staunen über die Macht des Gebets im Heiligen Land. Dabei sind wir uns bewusst, dass wir nur Kanal für das „lebendige Wasser“ sein dürfen. Die Quelle des Lebens ist Jesus selbst. Deshalb können wir jeden Dank der Gruppe mit Freude nach „oben“ weitergeben.




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